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CDU:Merz fehlt, was Merkel hat

Friedrich Merz auf dem CDU-Parteitag 2019 in Leipzig

Friedrich Merz, 2019 auf dem Bundesparteitag der CDU in Leipzig.

(Foto: Florian Gaertner/photothek/imago-images)

Der Kandidat für den CDU-Vorsitz will alle, die gegen ihn sind, öffentlich bekämpfen. Das legt den größten Unterschied zwischen ihm und der Kanzlerin offen: Auch sie hatte viele Widersacher, aber schwieg. Das hat sie stark gemacht.

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Natürlich weiß man nicht, was Angela Merkel jetzt denkt. Man kann nur ahnen, was sie sich im Stillen denken könnte. Vielleicht hat sie beim Blick auf Friedrich Merz ja ein bisschen Mitleid, weil ihr alter Widersacher jetzt genau jene Kämpfe vor sich sieht, die sie nach ihrer Wahl zur Vorsitzenden jahrelang ausfechten musste. Wahrscheinlich aber schmunzelt sie in sich hinein, weil der Kandidat für den CDU-Vorsitz gerade genau den Fehler gemacht hat, der ihn den Sieg im Kampf um die Nachfolge von Merkel kosten könnte. Doch was immer sie auch denkt oder fühlt: Angela Merkel wird nie ein Wort darüber verlieren.

Mit seiner Attacke gegen das sogenannte Partei-Establishment hat Friedrich Merz - absichtlich oder nicht - offengelegt, wo seine größte Schwäche und Angela Merkels größte Stärke liegt: Gemeint sind strategische Kraft und politische Klugheit. Sie hat davon sehr viel, ihm mangelt es daran sehr.

Viele Widersacher sind an Merkel verzweifelt

Auch Angela Merkel musste jahrelang gegen Teile eines sogenannten Partei-Establishments kämpfen. Unvergessen sind ihr viele Interviews, Hintergrundgespräche und Parteitage, in und auf denen mancher etablierte Parteifürst auf den Sturz der Vorsitzenden hinarbeitete. Merkel wusste das, sie spürte es, sie konnte es in vielen Zeitungen lesen. Und sie schwieg, weil ihr klar war, dass eine offene Attacke nur die Gegenkräfte mobilisiert und im schlimmsten Fall alle gegen sie vereint hätte. Heraus kam eine Kanzlerin, an der ziemlich viele Widersacher verzweifelt sind.

Friedrich Merz hat sich fürs Gegenteil entschieden. Seit Montagmorgen attackiert er ein Establishment, das seinen Aufstieg zum Parteichef verhindern wolle. Das soll mutig und kampfeslustig klingen. Und natürlich gibt es in der CDU eine Menge Leute, die ihn verhindern möchten. Aber es jetzt in dieser Form zum Thema zu machen, legt nur offen, dass er den Versuch aufgegeben hat, die Partei sukzessive über seine Ideen und seine Leidenschaft zu gewinnen. Das nämlich kann nur gelingen, wenn man sich als Brückenbauer und nicht als Spalter betätigt. So hungrig viele in der CDU nach neuen Ideen sind, so sehr fürchten sie, dass der Wettbewerb in einem politischen Gemetzel endet. Wer manch positive mit derart viel negativer Energie verbindet, darf sich nicht wundern, wenn er am Ende scheitert.

Zumal Merz hätte gewarnt sein müssen. Als er Anfang des Jahres die Regierung attackierte und ihr eine "grottenschlechte" Performance unterstellte, fühlte er sich für einen Moment ganz stark - und musste wenig später einräumen, dass ebendiese in der Corona-Krise so schlecht nicht agierte. Generalangriffe, so hätte die Lehre sein können, klingen besonders laut und können sich besonders schnell gegen einen selbst richten. Merz hat daraus wenig gelernt. Sonst hätte er auf dieses Eigentor verzichtet.

© SZ/mane
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