Merkel in Griechenland:Reise ins Zentrum der Krise

Lesezeit: 2 min

Merkels Griechenland-Besuch eilt ein verheerender Eindruck voraus: Mehrere Tausend Polizisten müssen die Reise eines Regierungschefs aus einem EU-Land in ein anderes EU-Land sichern. Aber dieser Eindruck hilft auch, denn er kann die Fixierung auf die finanziellen Aspekte dieser Krise aufbrechen. Die Fragen des Geldes sind letztlich lösbar, der europäische Gedanke könnte aber irreparablen Schaden nehmen.

Nico Fried, Berlin

Der Besuch von Angela Merkel in Griechenland ist schon deshalb sinnvoll, weil er die Krise Europas auch für jene mal wieder in aller Deutlichkeit erlebbar machen wird, die noch nicht unter deren wirtschaftlichen Folgen leiden. Mit den Bildern aus Athen flimmert diese Krise voraussichtlich erneut frei Haus auf den Fernsehschirm. Da wird die schiere Verzweiflung vieler Griechen im Existenzkampf zu sehen sein. Da wird aber auch die Not vieler Griechen mit einer militanten Minderheit zu sehen sein, die glaubt, es sei irgendjemandem geholfen, wenn man auf das Konterfei von Angela Merkel das Bärtchen von Adolf Hitler malt oder im Schutz friedlicher Demonstranten Molotowcocktails wirft.

Wenn mehrere Tausend Polizisten den Besuch eines Regierungschefs aus einem Land der Europäischen Union in einem anderen Land der EU sichern müssen, dann hilft dieser verheerende Eindruck wenigstens, die bisweilen sehr einseitige Fixierung auf die finanziellen Aspekte dieser Krise aufzubrechen. Die Fragen des Geldes, der Schulden, der Rettungsschirme, Kredite, Bürgschaften und Konditionen sind wichtig. Sie sind verdammt schwer zu lösen, aber sie sind letztlich lösbar. Es ist eine Frage des politischen Willens. Der europäische Gedanke aber, der Zusammenhalt in einer weltweit einzigartigen und seit Jahrzehnten auch einzigartig erfolgreichen Staatengemeinschaft könnte irreparablen Schaden nehmen.

Mehrere tausend Polizisten - das ist normalerweise die Aufstellung beim Besuch eines amerikanischen Präsidenten. Der Vergleich hinkt, aber doch nicht so sehr, dass er sich ganz verböte: Die Deutschen haben selbst erlebt, welche Entfremdung auch in einer Wertegemeinschaft mit eigentlich eng befreundeten Staaten möglich ist, wenn die Interpretation der gemeinsamen Werte auseinanderdriftet.

Das Verhältnis zu den USA hat in den Jahren von Anti-Terror-Kampf und Irak-Krieg schwer gelitten. Politisch haben sich die Beziehungen wieder stabilisiert, zum Teil geblieben aber ist ein sehr viel skeptischerer Blick der einen Gesellschaft auf die jeweils andere. Das transatlantische Verhältnis hält so etwas aus. Europa auf die Dauer nicht.

Nicht mehr als eine Geste

Es ist in den vergangenen Tagen häufig die Frage gestellt worden, ob Merkel ein Gastgeschenk nach Athen mitbringen werde. Es gibt einen guten Grund, weshalb die Kanzlerin dies besser vermeiden sollte. Dieser Grund sind nicht die innenpolitischen Ermahnungen, vor allem aus den Reihen der schwarz-gelben Koalition, im Fall Griechenland hart zu bleiben. Dieser Grund ist auch nicht, dass die griechische Regierung sich mit weiteren Sparpaketen schwer tut. Dieser Grund ist ganz einfach, dass es Angela Merkel als Regierungschefin eines einzelnen EU-Staates überhaupt nicht zukommt, den Griechen im Alleingang Geschenke zu machen, in Aussicht zu stellen oder zu verweigern.

Die Kanzlerin regiert - mit Ach und Krach - in Deutschland. Die Hilfen für Griechenland sind unter ihrem maßgeblichen Einfluss entstanden, aber sie waren und sind wie alle anderen Rettungsmaßnahmen die Politik aller Euro-Staaten. Eine Kanzlerin, die sich in Athen als gute Fee inszenierte, müsste im Umkehrschluss rückwirkend auch die Rolle der bösen Hexe akzeptieren.

Merkels Besuch in Athen kann wohl nicht mehr als eine Geste sein. Eine Geste, die sie mit Worten der Ermutigung und des Mitgefühls für die Griechen anreichern kann, auch wenn es vielleicht nicht wieder das Herz sein sollte, das ihr angeblich blutet. Solcher Wortschwulst passt nicht zu einem sonst so nüchternen Typ wie Merkel. Die eigentliche Botschaft aber kann derzeit nur sein, dass keine Krise Europas so schwer sein darf, dass Europäer voreinander Angst bekommen. Insofern ist schon der Besuch selbst ein Ergebnis.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB