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Große Koalition:Eine bemerkenswerte Arbeitsbeziehung

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Unterschiedliche Positionen, aber ähnliche Lebensläufe: Angela Merkel arbeitete einst als Physikerin, Saskia Esken als Informatikerin.

(Foto: Getty/imago/photothek)

Angela Merkel und Saskia Esken verstehen sich blendend. Das überrascht. Denn im Kampf um den SPD-Vorsitz hatte Esken mit dem Bruch der Regierung und dem Ende von Merkels Kanzlerschaft geliebäugelt.

Von Nico Fried, Berlin

Frau Esken? Wieso nur Frau Esken? Angela Merkel sollte sich erklären, als bekannt wurde, dass an einem Treffen der Kanzlerin mit Kultusministern auch die SPD-Vorsitzende teilnehmen würde. "Frau Esken ist die Vorsitzende einer Partei, die die Regierung mitträgt", ließ Merkel ihren Regierungssprecher ausrichten. Überzeugend war das nicht, denn die Vorsitzenden von CDU und CSU tragen die Regierung ja auch mit, zumindest meistens. Als sich sieben ausgesuchte Kultusminister dann am 13. August im Kanzleramt versammelten, erklärte die Kanzlerin die Anwesenheit Eskens damit, dass dieses informelle Gespräch über die schnellere Digitalisierung an Schulen eine gemeinsame Idee der beiden Frauen gewesen sei.

Diese Gemeinsamkeit ist Ausdruck einer bemerkenswerten Arbeitsbeziehung: Angela Merkel und Saskia Esken verstehen sich nach einem Dreivierteljahr gemeinsamen Regierens so gut, dass es mittlerweile nicht nur engen Mitarbeitern aufgefallen ist, sondern auch führende Koalitionspolitiker darüber staunen. Eine solche persönliche Harmonie war allein deshalb nicht unbedingt zu erwarten, weil Esken noch im Wahlkampf um den SPD-Vorsitz mit dem Bruch der großen Koalition geliebäugelt hatte, was das vorzeitige Ende von Merkels Kanzlerschaft hätte bedeuten können. Auch die persönliche Sozialisation und die politischen Weltanschauungen der zwei Frauen liegen weit auseinander.

Wie gut Führungsleute der Koalitionsparteien bei allen Unterschieden trotzdem persönlich miteinander auskommen, lässt sich stets daran erkennen, wer nach Sitzungen des Koalitionsausschusses noch auf ein Gläschen Wein im Kanzleramt verweilt - und wer nicht. Manche gehen lieber nach Hause, wenn das Dienstliche besprochen wurde. Fraktionschef Rolf Mützenich zum Beispiel schiebt sein Fahrrad in der Regel als einer der ersten vom Hof der Regierungszentrale. Saskia Esken hingegen bleibt auch mal da, wie andere Koalitionäre bestätigen. Merkel, Esken und auch die noch amtierende CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sprechen gelegentlich über unterschiedliche Maßstäbe, die Kollegen und Medien an Politikerinnen anlegen. Und nach schwarz-roten Verhandlungen gilt es gelegentlich, den einen oder anderen breitbeinigen Auftritt eines Koalitionärs auch mal unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten aufzuarbeiten.

Die Kanzlerin war vorbereitet, als die neuen SPD-Vorsitzenden Esken und Norbert Walter-Borjans Ende 2019 zu ihrem Antrittsbesuch kamen. Sie empfing Esken sinngemäß mit den Worten, dass es in ihrem politischen Leben doch gewisse Ähnlichkeiten gebe. Merkel wie auch die sieben Jahre jüngere Esken hatten zunächst ganz andere Berufe, ehe sie in der Politik aktiv wurden. Die Kanzlerin arbeitete einst als Physikerin, Esken als Informatikerin. In ihre jeweiligen Parteien traten sie beide 1990 ein. Merkels Weg an die Spitze der CDU führte genauso über Regionalkonferenzen wie der von Esken - beide wurden dabei vor allem von der Basis unterstützt, während große Teile der Partei-Establishments die Nasen rümpften.

Als Mutter dreier Kinder dürfte Esken der Kanzlerin etwas Lebenswirklichkeit vermitteln

Merkel hat immer besonderen Respekt vor SPD-Vorsitzenden, weil sie den beschwerlichen Weg kennt, den man in einer Volkspartei bis an die Spitze gehen muss. Zudem lässt sich Merkel zwar über neue politische Partner im In- und Ausland routinemäßig briefen, macht sich aber am liebsten im persönlichen Gespräch ihr eigenes Bild. Wie Esken, so hat auch Merkel erlebt, dass sie als Parteivorsitzende anfangs bisweilen herablassend beurteilt wurde - was die politische Substanz betrifft, aber auch das äußere Erscheinungsbild. Saskia Esken vermittelt eine gewisse Erleichterung darüber, dass die Kanzlerin dem gelegentlich kolportierten Image der SPD-Chefin als politischem Flintenweib wenig Beachtung geschenkt hat. Annegret Kramp-Karrenbauer empfindet Respekt dafür, dass die SPD-Vorsitzende auch nach Kritik und Missgunst beharrlich bleibt. Und wenn Merkel über die Treffen mit den Kultusministern redet, vergisst sie schon mal zu erwähnen, dass Bundesbildungsministerin Anja Karliczeck auch teilnimmt. Esken aber vergisst sie nie.

In der Corona-Zeit fanden Merkel und die SPD-Chefin über das Thema Schulen zueinander. Die Pandemie offenbarte, dass die von Merkel zu Beginn ihrer Kanzlerschaft ausgerufene Bildungsrepublik nicht zu ihren erfolgreichen Projekten gehört, jedenfalls was die digitale Ausstattung von Schülern und Lehrern angeht. Esken war Mitglied in den Bundestagsausschüssen für Bildung und Digitale Agenda. Als Mutter dreier Kinder und Informatikerin dürfte sie der Kanzlerin manche Information aus der Lebenswirklichkeit vermittelt haben. Ihre Zeit im Landeselternbeirat Baden-Württemberg, die medial vereinzelt als etwas kläglicher Nachweis politischer Erfahrung gewertet wurde, betrachtet die Kanzlerin offenbar als nützlichen Einblick in die Realität des Schulbetriebs. Pragmatismus, der beiden Frauen zu eigen ist, erledigte den Rest: Nach der ersten Runde mit sieben Kultusministern wurde ein Programm aufgelegt, unter anderem um Lehrkräfte mit Computern auszustatten. Geschätzte Kosten: 500 Millionen Euro. Am Montag werden Merkel, Esken und Karliczek wieder zum Gespräch bitten - diesmal alle 16 Kultusminister. Dann geht es weiter darum, so kündigte Merkel am Wochenende an, die Schulen ans schnelle Internet anzuschließen und die Verteilung von Computern voranzutreiben. Esken schlägt nun außerdem kostenlose Abonnements auf digitale Nachhilfe vor. Und vielleicht gibt's ja auch nach dieser Sitzung noch ein Glas Wein oder zwei.

© SZ vom 21.09.2020
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