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Notebooks für Lehrkräfte:Einen Computer? Es gibt doch die Tafel!

Schuldigitalisierung

„Ein Stückweit eine Revolution“: Bisher nutzen viele Lehrkräfte auch im Unterricht private Laptops oder Tablets. Das soll sich nun ändern.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

90 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer arbeiten bisher mit ihren privaten Geräten, nun will die Bundesregierung in Dienst-Laptops für alle investieren. Wie schnell werden die Lehrer nun digital?

Von Boris Herrmann und Mike Szymanski

Ohne Computer geht im Berufsalltag von Ralf Scholl, Gymnasiallehrer, schon lange nichts mehr. Aber einen Dienstrechner hat er noch nie zur Verfügung gestellt bekommen, seitdem er 2003 Lehrer in Stuttgart wurde. Es hieß dann immer, im Unterricht brauche er ja keinen Computer, es gebe ja die Tafel.

Trotzdem wurde von Scholl erwartet, dass er seine Notenlisten elektronisch pflegt, denn das macht vieles in den Abläufen einfacher. Benutzen sollte er doch bitteschön seinen privaten Computer. Wie selbstverständlich dies von ihm erwartet wird, hat ihn schon immer geärgert. Und als Chef des Philologenverbandes Baden-Württemberg war er drauf und dran, vor Gericht einzuklagen, was Lehrkräfte für ihre Arbeit brauchen: den Dienstrechner.

Alle der etwa 800 000 Lehrkräfte an deutschen Schulen sollen ein Dienstgerät bekommen

Das muss er jetzt wohl nicht mehr machen. Beim Treffen der Koalitionsspitzen bis in die Nacht zum Mittwoch verständigten sich Union und SPD darauf, alle Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland mit Laptops oder Tablets auszustatten. Für Scholl, 60, bedeutet das nicht weniger als "ein Stück weit eine Revolution". So drückt er es auch am Tag danach aus.

Im Beschluss der Nacht heißt es nüchtern: Aus EU-Mitteln zur Bekämpfung der Corona-Folgen soll eine "digitale Bildungsoffensive" finanziert werden, dazu gehören 500 Millionen Euro "für die Ausstattung von Lehrkräften mit digitalen Endgeräten". Im Grunde ist das schon Teil zwei der großen Bildungsoffensive, denn vor der Sommerpause hatte die Bundesregierung ebenfalls 500 Millionen Euro lockergemacht, allerdings für Schülerinnen und Schüler, die sich keinen Rechner leisten können und Leihgeräte bekommen sollen.

Es ist abermals ein bemerkenswerter Schub, den die Digitalisierung an den Schulen in diesen Wochen und Monaten nimmt, vorbereitet auf einem Schulgipfel Mitte des Monats im Kanzleramt. "In diesem Fall ist die Pandemie ein Treiber für die Digitalisierung an den Schulen", sagte nun Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) am Mittwoch. "Sowohl Lehrkräfte als auch Schülerinnen und Schüler und Eltern haben eine hohe, aber auch berechtigte Erwartungshaltung an uns."

Corona hat enthüllt, wie wenig die deutschen Schulen bislang auf digitales Lernen vorbereitet sind. Homeschooling, das bedeutete zuletzt vor allem: allein zu Hause Arbeitsblätter ausfüllen. Jetzt sollen offenbar alle der etwa 800 000 Lehrkräfte an deutschen Schulen ein Dienstgerät bekommen. "Die Schulen und Lehrkräfte müssen befähigt werden, zeitgemäßen Unterricht durchführen zu können", sagt SPD-Chefin Saskia Esken, die das Thema für die SPD verhandelt hat.

Eine Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) aus dem Februar - also zu Beginn der Corona-Krise - zeigte, wie aber die Lage ist: Nur neun Prozent der Befragten geben an, dass in der Schule "ausreichend" Computertechnik vorhanden sei. 90 Prozent nutzten private Geräte. Auch aus Gründen der Datensicherheit sind jedoch private Laptops im Schulbetrieb umstritten. Lehrer speichern darauf sensible Schülerdaten wie Noten, Zeugnisse oder pädagogische Gutachten. Gymnasiallehrer Scholl aus Baden-Württemberg kennt die Probleme. Er soll sicherstellen, dass daheim bei ihm kein anderer im Haushalt Zugang zu den Daten hat, am besten die Daten verschlüsseln und den Rechner wegschließen. Dabei sei das doch sein Computer! Scholl geht davon aus, dass im Laufe des nächsten Jahres nun alle Lehrer Geräte bekommen. Jetzt, in der Corona-Krise, müsse es schnell gehen.

Das Geld ist da, aber wenn man Ministerin Karliczek richtig versteht, ist es, wie so oft, gar nicht so einfach, es auch auszugeben. Weil die 500 Millionen aus EU-Fördergeldern kommen und die Schulen wiederum Ländersache sind, sitzt der Bund hier zwischen den Stühlen. "Wir streben ein zeitnahes Verfahren an", verspricht Karliczek, es seien aber viele Fragen zu klären: "Wir müssen einen Weg finden, wie wir das auf der Grundlage unserer Verfassung umsetzen können." Das klingt nicht so, als ob die Kreidezeit an deutschen Schule bis zu den Herbstferien endgültig vorbei wäre.

In manchen Ländern mussten Rektoren monatelang auf Verwaltungsvorschriften warten

Dass die deutschen Schulen digitaler werden sollen, ist keine ganz neue Idee, und sie kam auch nicht erst mit Corona auf. Bereits im Mai 2019 stellte die Bundesregierung im "Digitalpakt Schule" fünf Milliarden Euro zur Verfügung, um etwa Online-Lernplattformen aufzubauen, mobile Endgeräte anzuschaffen und alle Schulen ans Internet anzuschließen. Von den Ländern sollten weitere 500 Millionen dazukommen. Bislang wurde aber nur ein Bruchteil des Geldes abgerufen. Schulen klagen, dass die bürokratischen Hürden bei den Förderanträgen absurd hoch seien. In manchen Ländern mussten die Rektoren monatelang warten, bis überhaupt Verwaltungsvorschriften erlassen waren, um Anträge stellen zu können. Unterm Strich verschlief Deutschland so ein weiteres Jahr auf dem Weg zu einem zeitgemäßen Schulunterricht.

Vielleicht geht diesmal alles ganz schnell. Ralf Scholl glaubt, ohne Corona wäre man wohl frühestens in fünf Jahren so weit gewesen, für Lehrer Computer anzuschaffen. Wenn die Geräte erst mal da sind, kämen die anderen Fragen: Wie lange müssen Lehrer dann erreichbar sein für ihre Kollegen und Schüler? Wann bekommt jeder seine Dienst-Email? Der Dienstrechner, da ist Scholl sich sicher, das ist nur der Anfang größerer Veränderungen.

© SZ vom 27.08.2020/berk
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