Mein Leben in Deutschland Gut integriert - oder zu Gast auf Bewährung?

Viele Flüchtlinge quält die Ungewissheit, ob sie in Deutschland bleiben dürfen - oder es nur eine Integration auf Bewährung gibt. (Symbolbild)

(Foto: dpa)

Ein Jahr nach den rührenden Willkommensszenen am Münchner Hauptbahnhof quält viele Flüchtlinge die Ungewissheit: Wer darf bleiben, wer muss gehen? Einige wollen Deutschland wieder verlassen.

Von Yahya Alaous

Im Sommer 2015, nach nur drei Jahren in Deutschland, hat die 18-jährige syrische Schülerin Noor Yassin-Kassab im brandenburgischen Schwedt ein glattes Einser-Abitur abgelegt. In Hannover hat kürzlich der Syrer Maher Daabool sein Architekturstudium mit Plänen zum Wiederaufbau seines Heimatlandes beendet, auch er mit Auszeichnung. Bei den Olympischen Spielen in Rio schwamm Yusra Mardini, 18, für das Flüchtlingsteam. In Berlin startet sie für die "Wasserfreunde Spandau 04".

Es gibt sie, die Geschichten gelungener Integration, genauso wie es Flüchtlinge gibt, die zu Terroristen werden oder Frauen sexuell belästigen. Bei einer Gruppe, die so heterogen ist wie die der Flüchtlinge, sollte das niemanden verwundern. Was uns aber zu denken geben sollte: dass die schlechten Nachrichten so laut sind, dass die guten kaum jemand hört.

Es ist zu früh für eine Bilanz

Ist die Integration Hunderttausender Neuankömmlinge in Deutschland gelungen? Ist sie gescheitert? Ein Jahr nach der sogenannten Flüchtlingskrise ist es zu früh, Bilanz zu ziehen. Jeder Asylbewerber hat andere Anlagen, andere Voraussetzungen, einen anderen Charakter. Die Flüchtlinge gibt es nicht, auch wenn viele das zu glauben scheinen. Im Grunde gibt es nur eines, was sie alle verbindet: Niemand will abgeschoben werden, und nur wenige wissen sicher, dass sie bleiben dürfen. Sie warten - und fühlen sich dabei wie Prüflinge in einem Test. Deutschland auf Bewährung.

Die Bundesregierung ruft dieses Gefühl gezielt hervor. Sie sind jetzt hier, lautet ihre Botschaft an die Flüchtlinge, aber je nach Integrationsleistung können wir Sie auch wieder zurückschicken. Es ist eine Botschaft, die sich noch an zwei weitere Empfänger richtet: an die Flüchtlingsgegner, deren Argumente entkräftet werden sollen: "Ja, wir haben die Menschen hergeholt, aber wir beobachten sie genau." Und an jene, die noch planen, nach Deutschland zu kommen: "Das hier ist kein Paradies für Flüchtlinge. Denkt nicht mal daran herzukommen."

Was die Flüchtlinge angeht, hat diese Politik funktioniert. Viele haben Nachrichten an ihre Verwandten und Freunde geschrieben, in denen sie von der Reise nach Deutschland abraten. "Deutschland ist nicht mehr, wie es früher war."

Ich habe Menschen getroffen, die es bereuen, hergekommen zu sein. Sie haben nicht damit gerechnet, lange Monate in schmutzigen, alten, überfüllten Unterkünften in entlegenen ländlichen Gegenden leben zu müssen, ohne Kontakte außerhalb der Heime. Am Flughafen habe ich Bekannte verabschiedet, die nach Syrien oder in den Irak zurückgegangen sind, sogar wenn ihnen bei der Ankunft die Verhaftung drohte.

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Auch kenne ich junge Syrer, die auf die Geldsendungen ihrer Familie aus der Heimat angewiesen sind. Andere wiederum erleben das Warten auf die Familienzusammenführung als die schlimmste Zeit ihres Lebens, vor allem dann, wenn die Angehörigen selbst noch auf ihre Interviewtermine bei den deutschen Botschaften in Amman, Beirut oder Istanbul warten.

"Keine neuen Flüchtlinge" ist die neue, unausgesprochene Politik der Regierung. Zwar sind die deutschen Türen den Asylbewerbern nicht vor der Nase zugeschlagen worden, aber die Tore Europas sind verschlossen. Im fernen Griechenland hat man den Druck mindern können, immer in Abhängigkeit vom Wohlwollen des türkischen Präsidenten Erdoğan.

Das Chaos ist eingedämmt - aber nicht verschwunden

Hat Deutschland den Schock über die Flüchtlingskrise überwunden? Das Chaos an den Grenzen ist eingedämmt, aber verschwunden ist es nicht. Es hat sich verlagert, in die Jobcenter, in die Heime und in die Sozialbehörden. Tausende NGOs haben Aktivitäten gestartet, besonders für Kinder und Frauen. Ohne dieses Engagement von etwa einem Zehntel der deutschen Bevölkerung wäre die Regierung wohl aufgeschmissen bei dem Versuch, es "zu schaffen".

Die Deutschen haben jetzt viel zu tun. Neue Gesetze werden erlassen, alte geändert. Flüchtlinge haben dabei immer Angst, dass diese Neuerungen Auswirkungen auf ihren Status haben, dass die deutsche Flüchtlingspolitik sich ändert, vielleicht für immer.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Angst ist ein ständiger Begleiter der Flüchtlinge in Deutschland. Als balancierten sie auf einem Seil, von dem sie jederzeit herabstürzen können. Sie machen sich Gedanken darüber, was passieren kann, wenn die rechten Parteien, die ihre Anwesenheit grundsätzlich ablehnen, stärker werden. Sie haben Angst vor neuen Terrorattacken, davor, direkt oder indirekt zu Leidtragenden der Gewalt zu werden. Sie haben Angst vor der Integration, Angst, ihre Identität zu verlieren. Dazu kommen die in vielen Heimen schlechten Lebensbedingungen, die langsamen Behördenprozesse und das ewige Warten.

Im Großen und Ganzen versuchen die Flüchtlinge, an ihrer Integration zu arbeiten. Sie verstehen, wie wichtig es ist, die deutsche Sprache zu lernen. Ein Gerücht - zum Beispiel, dass nur der bleiben darf, der Deutsch auf dem Level C 1 beherrscht - würde reichen, und die Flüchtlinge stürmten am nächsten Tag die Kurse.

Die Flüchtlinge leiden unter der Ungewissheit

Sind die Deutschen heute, ein Jahr nach den rührenden Willkommensszenen am Münchner Hauptbahnhof, weniger mitfühlend und weniger freundlich zu uns? Ich glaube nicht, dass die Aktivisten, die damals Essen und Decken in die Notaufnahmen brachten, jetzt auf der Straße Abschiebungen fordern. Aber ich befürchte, dass manche von ihnen einfach zu Hause bleiben.

Niemand kann voraussagen, was in den nächsten Monaten und Jahren passieren wird. Die Flüchtlinge leiden unter dieser Ungewissheit. Sie haben Angst, dass die Tür, die von Frau Merkel geöffnet wurde, nur so lange offen bleibt, bis sie sich aus der Politik verabschiedet.

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Yahya Alaous, 42, arbeitete in Syrien als Journalist, ehe er wegen des Bürgerkriegs nach Deutschland flüchtete. Seit 2015 lebt er mit seiner Familie in Berlin. Übersetzung: Jasna Zajček