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Mein Leben in Deutschland:Auch wir haben Schneemänner gebaut

Syrische Kinder spielen mit Schnee in Damaskus (Archivbild).

(Foto: AFP)

Unser syrischer Kolumnist wundert sich, dass Deutsche so wenig über sein Heimatland wissen. Ihm selbst wurde Deutschland vor allem durch einen bekannt: Lothar Matthäus.

Sehr oft werde ich seit meiner Ankunft in Deutschland gefragt, was ich früher über Deutschland gewusst und gedacht habe. Ist alles so wie erwartet? Dann werde ich gefragt, was ich hier am meisten mag und natürlich auch, was ich am erschreckendsten finde.

Nicht immer antworte ich das Gleiche. Die Zeit vergeht, man sammelt neue Erfahrungen, beschäftigt sich außerdem länger mit diesen Fragen. Ich habe nach schockierenden Fakten gesucht, aber kaum etwas gefunden. Wenn ich nun etwas entdecke, schmücke ich es ein wenig aus, um es berichten zu können. Besonders beliebt scheint die Frage, was ich über die Deutschen gedacht habe - früher, als ich noch in Syrien war. Ich will in so einem Moment nicht doof dastehen. Ich will nicht, dass andere denken, ich sei ignorant - nur weil ich mir nicht über alle neuen Situationen in Deutschland schon Gedanken gemacht habe.

Was also haben wir früher gedacht?

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Das Image der Deutschen ist in den Köpfen vieler Flüchtlinge mit Hitler verknüpft. Viele andere wiederum können sich Deutschland schlicht nicht ohne Mercedes Benz, BMW und Grohe-Wasserhähne vorstellen. Für manche ist Deutschland vor allem der deutsche Fußball. Ich persönlich habe mich vor langer Zeit nicht gleich in die ganze Nationalmannschaft, aber zumindest in den Fuß von Lothar Matthäus verliebt. Er hat meine Begeisterung für Deutschland geweckt - durch sein großartiges Tor gegen das jugoslawische Team 1990.

Wenn man ganz ehrlich ist: Die meisten syrischen Flüchtlinge wissen kaum etwas über Deutschland, wenn sie ankommen - außer, dass es das beste Land für Geflüchtete ist. Einige haben erst bei der Ankunft festgestellt, dass Frankfurt keine amerikanische Stadt ist. Andere brauchen Zeit, bis sie verstehen, dass Hamburg keine Verbindung zum Fast-Food-Gericht namens Hamburger hat.

Dass Menschen einer Nation wissen wollen, was andere über sie denken, ist meiner Erfahrung nach nicht selbstverständlich. Viele Amerikaner denken, ihr Lebensstil sei ein Vorbild für andere und wollen ein Urteil hören. Japaner hingegen scheinen sich überhaupt nicht für die Gedanken der Fremden zu interessieren. Deutsche aber dürften sehr großes Interesse daran haben, die Meinung der Ausländer zu erfahren. Kann man das schon Narzissmus nennen? National-Narzissmus? Und überhaupt: Haben Deutsche ein ähnliches Interesse daran, Eigenheiten anderer Nationen kennenzulernen?

Wir spielten Schach, gingen campen und feierten den Valentinstag

Als ich nach Deutschland kam, ging ich davon aus, dass die Menschen hier viel über meine Heimat wissen würden. Dass grundlegende Informationen über die syrische Geographie, das Klima, unsere ethnische Diversität und vieles andere bekannt sein müssten. Dem ist aber nicht so. Für die meisten hier ist Syrien ein weißer Fleck auf der Landkarte und bekommt nur wegen des Krieges ein wenig Aufmerksamkeit. Als mir das klar wurde, war ich tatsächlich schockiert.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Ich will nun versuchen, ein paar Fakten über Syrien zu vermitteln, die womöglich gar nicht so ungewöhnlich sind: Auch wir halten beim Husten die Hand vor den Mund und lassen Frauen den Vortritt. In den Schulen haben unsere Kinder Englisch gelernt, sowie Geige, Oboe oder Trompete gespielt. Wenn es im Winter geschneit hat, dann haben unsere Kinder Schneemänner gebaut - mit einer Mohrrübe als Nase und einem dicken Schal um den Hals. Wir haben Zugang zum Mittelmeer. Die Frauen trugen Bikinis und bräunten sich in der Sonne. Wir hatten auch Buchmessen und Büchereien, die nach dem Dewey-Dezimalklassifikations-System (die international am weitesten verbreitete Klassifikation für die inhaltliche Erschließung von Bibliotheksbeständen) organisiert waren und wir konnten Freud, Hegel, Kafka und Hemingway lesen.

Wir spielten Schach, gingen campen und feierten jedes Jahr den Valentinstag - auch in Syrien schenkten sich die Liebenden Blumen und Parfum. Wir waren und sind verrückt nach Fußball und fieberten den wöchentlichen Spielen der Lokalmannschaften entgegen. Obwohl sie sehr schlecht waren, trugen wir ihre Trikots und feuerten sie mit unseren Gesängen an. So wie die Deutschen hier Bayern, Bremen oder die Hertha unterstützen. Wir haben viel Natur und wilde Tiere, und obwohl es in biblischen Zeiten deutlich mehr Wildtiere gab, gibt es immer noch Wildschweine, Wölfe und Wildkatzen. Die Kirchen waren - einige sind es noch - wunderschön und sehr nahe an den Moscheen gelegen. Menschen aller Konfessionen besuchten die jeweils anderen Gotteshäuser. Schmerzvoll ist der Fortgang der syrischen Juden, die sicherlich nie wieder zurückkommen werden.

Ich weiß nicht, warum Hunderte oder Tausende deutsche Studenten und Journalisten, die oft zum Arabisch lernen, zum Studium der Religionen oder der Orientforschung nach Syrien kamen, nicht in der Lage waren, ein besseres Bild von unserem Land zu vermitteln. Und warum es den Dutzenden syrischen Schriftstellern und Akademikern genauso wenig gelungen ist. Vielleicht haben sie es ja versucht, vielleicht haben die Deutschen ihnen nicht zuhören wollen.

Yahya Alaous, 42, arbeitete in Syrien als Journalist, ehe er wegen des Bürgerkriegs nach Deutschland flüchtete. Seit 2015 lebt er mit seiner Familie in Berlin. Übersetzung: Jasna Zajček

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