Mein Leben in Deutschland:Am meisten fürchten wir den Hass

Residents of the al-Kallasseh area

Eines haben alle syrischen Flüchlinge gemein: ein zerstörtes Heimatland.

(Foto: picture alliance / Str/EPA/dpa)

In den vergangenen Monaten haben mehrmals Asylbewerber Verbrechen begangen. Was macht das mit den vielen anderen Flüchtlingen, die versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen? Unser syrischer Gastautor erzählt.

Gastbeitrag von Yahya Alaous

Wird es für Flüchtlinge nach dem barbarischen Anschlag von Berlin ausreichen, sich ein paar Tage zu Hause zu verstecken, um nicht wütende oder angsterfüllte Blicke der Deutschen auf sich zu ziehen? Ich bin mir nicht sicher.

Schrecklicherweise erwarten wir nach jedem Ereignis ein noch größeres, schlimmeres. Wir Flüchtlinge haben Angst, abgeschoben zu werden, verurteilt oder zurückgewiesen. Es ist leicht, sich verschiedene Szenarios der Zurückweisung vorzustellen: Verdammung, Isolation - aber am meisten fürchten wir den Hass. Natürlich haben wir Flüchtlinge zuerst unser eigenes Wohl vor Augen, aber ist das bei Deutschen nicht genauso? Uns alle vereint aber das Mitgefühl, wenn wir an die Familie der jungen Frau denken, die nach einer Vergewaltigung tot im Wasser gefunden wurde, wenn wir an die Familien der zwölf Opfer der Attacke auf den Berliner Weihnachtsmarkt denken.

Selbstverständlich fühlen wir mit ihnen! Und manche von uns fühlen sich schuldig, da diese Kriminellen als Flüchtlinge kamen. Aber wie sollen wir das zum Ausdruck bringen?

Wir sind in eine Gesellschaft gekommen und haben unsere Gesellschaft mitgebracht

Wir sollten aufhören, jeden Blick oder jede Geste von Deutschen, die wir vielleicht einfach noch nicht richtig einordnen können, als eine Art der Diskriminierung zu interpretieren. Als wir herkamen, tauschten wir nicht einfach ein Land gegen ein anderes, wir sind nicht einfach von Stadt zu Stadt gewechselt. Wir sind in eine Gesellschaft gekommen und haben unsere Gesellschaft mitgebracht. Wir müssen die Ausrichtung unserer Gedanken überdenken, und vor allem müssen wir sofort aufhören, uns als Opfer zu sehen. Denn es gibt neue Opfer, die schwächer sind als wir: Der Obdachlose, der von jungen Syrern beinahe verbrannt worden wäre, ist nur ein Beispiel.

Niemand sollte versuchen, diese feige Tat zu rechtfertigen, da es ja "nur gelangweilte Teenager" waren. Niemand darf sich an der Würde und am Leben eines anderen vergehen - schon gar nicht "nur" zum Spaß.

Untätigkeit kann für uns alle zur Katastrophe führen. Heute soll ein Obdachloser verbrannt werden, sollen wir darauf warten, bis ein Homosexueller mit einem Hammer erschlagen wird? Oder bis ein alter Mann totgeprügelt wird, weil "Gelangweilte" ihn zum Arbeiten antreiben wollten?

Diese Verbrechen sind keine rein deutsche Angelegenheit. Auch wir müssen tatkräftig handeln, um diese Art von Verbrechen zu stoppen, wenn wir Teil unserer neuen Gesellschaft sein wollen.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Es macht keinen Unterschied, ob eine Gruppe von Idioten oder Kriminellen versucht hat, einen schlafenden Menschen anzuzünden. Sie fügen der Kriminalstatistik der Flüchtlinge einen sehr dunklen Fleck zu, und egal, wie viele Flüchlinge sich gut oder vorbildlich verhalten - es wird nicht reichen, um diesen Vorfall vergessen zu machen.

Eine Freundin fragte mich, was denn in Syrien passiert wäre, wenn eine Gruppe irakischer Flüchtlinge so einen Brandanschlag 2003 oder 2004 in Damaskus versucht hätte. Ich antwortete, dass die Iraker wahrscheinlich zu einer sehr langen und sehr harten Gefängnisstrafe verurteilt worden wären - wenn sie denn überhaupt noch selbständig gehend abgeführt hätten werden können. Wahrscheinlich wären sie nämlich von Beobachtern des Verbrechens brutal verprügelt worden.

Wir haben eine Revolution in Syrien verloren, weil wir versucht haben, unsere Fehler zu rechtfertigen, und weil wir leise geblieben sind. Wir sollten nicht versuchen, irgendwelche Taten, die die Grundregeln der deutschen Gesellschaft erzittern lassen, zu rechtfertigen. Die Gesellschaft, die ihre Herzen für uns geöffnet hat, soll sie nicht wieder schließen und mit Hass und Wut gegen uns füllen.

Das Internet ist in diesen Tagen voll von Wut und Beleidigungen. Ob man sich selbst als "guten" Flüchtling bezeichnet oder nicht, soll zunächst egal sein - die klare Abgrenzung muss zwischen Flüchtlingen, also Schutzsuchenden, und Kriminellen, die feige Attacken durchführen, erfolgen.

Ich weiß nicht, wie es dem Obdachlosen jetzt geht. Vielleicht hat er sein Vertrauen oder sein Sicherheitsgefühl verloren. Vielleicht schläft er aber auch gerade friedlich in einer U-Bahnstation. Ich weiß nur, dass der Nachhall dieser Tat lange erschallen wird. Und ich befürchte, zu lange.

Übersetzung: Jasna Zajček

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