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Mecklenburg-Vorpommern:Die AfD wildert in Merkels Terrain

CDU-Wahlkampf Merkel

Angela Merkel nach einem Besuch in ihrem Wahlkreis, 2013.

(Foto: dpa)

Im Wahlkreis der Bundeskanzlerin in Mecklenburg-Vorpommern befürchten CDU und SPD bei der Wahl einen Denkzettel. Der Grund: "die Flüchtlingssache".

Auf die Wildschweine ist noch Verlass im Revier der Bundeskanzlerin. "Wir grillen ja überall Wildschwein", sagt Olaf Micheel, auch Angela Merkel und George W. Bush griffen bei ihm zu. Micheel sitzt in seinem Gasthaus "Zu den Linden", gleich muss er zum nächsten Grilltermin. Sechs Wildschweine hat der Jäger und Wirt aus Trinwillershagen fürs Schlossgartenfest in der Nachbarschaft erlegt, 40 bis 50 sind es im Jahr. Viel hatten die Parteifreunde Merkel und Micheel bei ihm schon zu feiern, doch jetzt wird Mecklenburg-Vorpommern kompliziert. "Die AfD macht richtig Stimmung", berichtet Micheel im T-Shirt am Mittagstisch. "Wir als CDU werden mächtig zu kämpfen haben."

George W. Bush, Angela Merkel

Der Ort Trinwillershagen im Wahlkreis Vorpommern-Rügen/Greifswald ist seit dem Besuch des US-Präsidenten berühmt für "Wildschwein à la Bush".

(Foto: Pablo Martinez Monsivais/Reuters)

Dabei teilen Provinzgastronom und Weltpolitikerin bisher eine Erfolgsgeschichte, die über gegrillte Wildschweine hinausgeht. In der DDR war Trinwillershagen zwischen Rostock und Stralsund ein sozialistisches Vorzeigedorf, gerne besucht von Walter Ulbricht und später Egon Krenz. Nach der Wende wurde es ein Fixpunkt von Angela Merkel, obwohl sie in der Uckermark beheimatet ist, also im Bundesland Brandenburg.

Die damalige Nachwuchshoffnung Merkel vertrat die CDU bereits zur ersten gesamtdeutschen Wahl Ende 1990 für den Bundestagswahlkreis 15 Vorpommern-Rügen/Greifswald, wo Trinwillershagen mit seinen 1200 Bewohnern und ehemaligen Champignonzuchthallen liegt. In diesem spärlich besiedelten Landstrich war Platz, der frühere Verkehrsminister Günther Krause hatte vermittelt. Seither gewinnt sie da bei jeder Wahl ihr Direktmandat, sieben Mal in Folge, zuletzt 2013 mit 56,2 Prozent der Stimmen. Ihr 25. Jubiläum als Abgeordnete beging sie im Dezember 2015 natürlich im Festsaal von Olaf Micheel.

Micheel ist ebenfalls seit einem Vierteljahrhundert auf Kurs, das gelang nicht allen früheren Staatsbediensteten dieser strukturschwachen Gegend. Im April 1991, mit 21, übernahm er die Gaststätte, Pension und Kegelbahn "Zu den Linden", auch genannt "Kulturhaus". Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft "Rotes Banner", bei der er zuvor im Sold stand, war soeben geschlossen worden. Später trat der Unternehmer der CDU bei - und erlebte, wie die Kanzlerkandidatin Merkel 2005 in seinem Salon für den Bundestag nominiert wurde. 2006 lud die Bundeskanzlerin Merkel dann US-Präsident George W. Bush zum Barbecue bei Micheel ein, seitdem gibt es hier Wildschwein à la Bush sowie die Bushterrasse. Die Fotos, Dankesbriefe und Urkunden aus dem Weißen Haus können in einer Vitrine besichtigt werden. Hinten an der Hauptstraße allerdings hängen vor allem Plakate von AfD und NPD. Sie sehen sich mit ihren Parolen wie "Asylchaos beenden" oder "Familien brauchen Sicherheit" teilweise zum Verwechseln ähnlich.

Die gleichen Transparente kleben an den Laternen etlicher Dörfer auf der Insel Rügen und anderswo in diesem schönen Beritt mit seinen Küsten, Seen, Alleen, Wildschweinwäldern und Hansestädten. Was geschieht im Merkel-Terrain, wenn Mecklenburg-Vorpommern am 4. September wählt?

"Wen würdest du wählen?", fragt der Wirt seinen Gast. "Ich wähl' nicht."

Für die NPD dürfte es knapp werden mit dem erneuten Wiedereinzug in den Landtag, außerdem läuft ein Verbotsantrag beim Bundesverfassungsgericht. Der "Alternative für Deutschland" dagegen werden nach Umfragen vom Juli 19 Prozent zugetraut, der CDU 25 und der SPD 22 Prozent. CDU-Kreistagsmitglied Micheel befürchtet, dass die Flüchtlingssache "der CDU und der SPD auf die Füße fällt". Derzeit regiert auch in Schwerin eine große Koalition, unter Führung von SPD-Ministerpräsident Erwin Sellering. Doch die Stimmung kippt, das merkte Angela Merkel nach der Kölner Silvesternacht bereits beim Neujahrsempfang Mitte Januar in Micheels Lokal.

"Wen würdest du wählen? AfD?", fragt Olaf Micheel nun einen Gast in seiner Stube. "Ich wähl' gar nicht", erwidert der und schimpft auf Politiker als solche.