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Luftangriffe nahe Kundus:Nachrichtenfolter für Guttenberg

Die KSK-Beteiligung an den Luftangriffen ist nur ein Detail. Doch für Minister Guttenberg sind die kontinuierlichen "Enthüllungen" wenig magenstärkend.

Gökalp Babayigit

Nach dem gestern ans Licht gekommenen Geheimbericht des Internationalen Roten Kreuzes schon heute der nächste Skandal bei der Bundeswehr? In großen Buchstaben stellt die Bild-Zeitung die Frage: "Welche Rolle spielte die Elitetruppe KSK?"

KSK-Soldat: Die beinahe täglichen neuen Details zum Luftangriff bringen Verteidigungsminister Guttenberg in eine schwierige Lage.

(Foto: Foto: dpa)

Die Fragen, die "immer neuen Details", die Bilder, alles suggeriert dem Leser: Hier ist der nächste Eklat! Bei genauerem Hinsehen jedoch ist die Beteiligung des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in Afghanistan am Tag der Luftangriffe anders zu bewerten.

Wer nun genau im Raum anwesend war, als Oberst Klein den fatalen Befehl zur Bombardierung der zwei Tanklastzüge nahe Kundus erteilte, macht im Endeffekt keinen Unterschied. Fakt ist: Der Angriff tötete wohl mehr als 140 Menschen, darunter viele Zivilisten und Kinder. Der Angriff wurde von Klein nicht mit dem Isaf-Oberkommando abgesprochen. Der Angriff stützte sich auf zwei Quellen: Luftaufnahmen und eine Kontaktperson am Ort, wobei bei Letzterer das KSK eine Rolle gespielt haben dürfte.

Die Beteiligung des Kommandos Spezialkräfte ist zunächst einmal nichts Skandalöses. Gedeckt durch das Bundestagsmandat unterstützt die Elitetruppe die Isaf-Mission nach Kräften, liefert wertvolle Informationen, greift Verdächtige auf. Vor allem: Sie macht es im Geheimen, denn nur so kann gewährleistet werden, dass sie die an sie gestellten Aufgaben auch bewältigt. Auf tägliche Pressemitteilungen braucht man da nicht zu hoffen.

Erkenntnisse lassen sich nach dieser Bild-Meldung höchstens in Bezug auf den exakten Tathergang gewinnen. Die KSK-Beteiligung ist ein Stück jenes Puzzles, das der Untersuchungsausschuss in den kommenden Wochen und Monaten hoffentlich zusammensetzen wird.

Das Wie wird also weiter erhellt. Beim Warum aber ist man keinen Schritt weiter. Die Antwort auf das eigentliche Rätsel an dem unseligen Luftangriff im September bleibt nämlich weiter im Verborgenen: Was genau hat Oberst Klein dazu veranlasst, den Befehl zur Bombardierung zu geben - trotz aller existierenden Zweifel? Ein persönlicher Bericht von Klein könnte hier weiter Licht ins Dunkel bringen.

Auch wenn man den Fall politisch betrachtet, wird die KSK-"Enthüllung" wenig zur Lösung beitragen. Im Gegenteil: Die Dramatisierung einzelner Details kann am Ende eine volle Aufklärung verhindern.

Sowohl der Feldjäger-Bericht als auch der Bericht des "Initial Action Teams" erwähnen das KSK nicht, sondern nur die Taskforce 47, die allerdings zur Hälfte aus KSK-Soldaten besteht und deren Chef Oberst Klein war. Außerdem muss ein Unterschied gemacht werden zwischen der internen Aufklärung und dem, was in die Öffentlichkeit getragen wird. Der Nato-Bericht, der geheim bleiben wird, hat rund 500 Anlageseiten. Das Problem ist: Was davon kann und soll Verteidigungsminister Guttenberg veröffentlichen, wenn er eine lückenlose Aufklärung des Luftangriffs verspricht?

Im Lichte der Neuigkeiten, die allein in dieser Woche zum Fall Kundus bekannt wurden, kann man sich wohl darauf gefasst machen, auch in den kommenden Wochen neue Details zu dem Luftangriff vorgesetzt zu bekommen. Der Druck auf die Bundesregierung - und vor allem auf Verteidigungsminister Guttenberg - wird immer größer werden. Wie eine chinesische Wasserfolter müssen Guttenberg die regelmäßig in die Öffentlichkeit tropfenden Nachrichten vorkommen.

Wenn einer lückenlose Aufklärung verspricht, aber permanent von den Schlagzeilen überholt wird, dann sieht das nicht gut aus. Dann wirft das die Frage auf, was so eine Ankündigung überhaupt wert ist.

In der elementaren Frage "Wer wusste wann was" wird die Politik weiter versuchen, sich bedeckt zu halten. Der Fall Jung zeigte: Über diese Frage kann man sein Amt verlieren.

© sueddeutsche.de/cmat/bica

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