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Neue Linken-Spitze:"Es geht um die Bäckerei. Es geht ums Ganze."

Linke Parteivorsitzende Wissler Hennig-Wesslow

Die zwei Neuen an der Linken-Spitze: Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Mit Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow hat die Linke erstmals eine weibliche Doppelspitze. Ihre Wahl verlief geräuscharm, doch zumindest in einer Schlüsselfrage haben sie unterschiedliche Vorstellungen.

Von Boris Herrmann, Berlin

Zwei Frauen an der Parteispitze - das kann schon deshalb, weil es im Jahr 2021 immer noch Seltenheitswert hat, nicht die schlechteste Idee sein. Janine Wissler, 39, und Susanne Hennig-Wellsow, 43, führen künftig die Linke an. Wissler wurde am Samstagvormittag auf einem Digital-Parteitag von gut 84 Prozent der Delegierten zur neuen Vorsitzenden gewählt. Hennig-Wellsow erhielt 70,5 Prozent der Stimmen.

Wisslers deutlich besseres Ergebnis erklärt sich vor allem damit, dass sie in dem Duo als diejenige gilt, die mehr Basisnähe ausstrahlt. Aber auch damit, dass sie auf der Liste zur Sicherung der Frauenquote ohne Gegenkandidatin antrat, während es Hennig-Wellsow auf der gemischten Liste immerhin mit zwei männlichen, aber weitgehend unbekannten Spaß-Gegenkandidaten zu tun hatte. Juristisch hat diese Online-Abstimmung nur den Charakter einer Vorauswahl, sie muss noch per Briefwahl bestätigt werden.

Die Linke kann sich die weibliche Doppelspitze zwar nicht mehr patentieren lassen, weil die Grünen bereits Ende der Neunziger von Gunda Röstel und Antje Radcke angeführt wurden. Gleichwohl sendet die Partei damit ein Signal des Aufbruchs aus, was sie angesichts von Umfragewerten zwischen sechs und acht Prozent im Bundestagswahljahr auch bitter nötig hat. Wissler sagte in ihrer Bewerbungsrede: "Es geht nicht um ein größeres Stück vom Kuchen. Es geht um die Bäckerei. Es geht ums Ganze."

Gemessen an der streitlustigen Ader der Linken ist es höchst erstaunlich, wie geräuscharm nun der Übergang nach fast neun Jahren unter der Führung von Katja Kipping und Bernd Riexinger ablief. Für zwei zu vergebende Chefposten wurden exakt zwei ernsthafte Bewerbungen eingereicht.

Gewählt wurden eine Landespolitikerin aus Thüringen und eine aus Hessen, aus Ost und West also, das spielt bei dieser Fusionspartei immer noch eine große Rolle. Hennig-Wellsow ist links, Wissler noch ein bisschen linker, damit ist auch das seelische Gleichgewicht der Strömungen gewahrt.

Und zu allem Überfluss hatten sich die beiden auch noch abgesprochen und gingen nicht als konkurrierende Doppelspitzenhälften ins Rennen. Ein vielversprechenderes Szenario für einen Generationswechsel hätte man sich in dieser Partei kaum ausmalen können. So jedenfalls schienen es große Teile der Basis zu sehen, weshalb sich weitere potenzielle Kandidaten erst gar nicht aus der Deckung trauten.

Das alles muss aber nicht bedeuten, dass es künftig vor lauter Harmonie langweilig wird im Berliner Karl-Liebknecht-Haus. Denn zumindest zu einer Schlüsselfrage haben Hennig-Wellsow und Wissler recht unterschiedliche Vorstellungen: Will die Linke künftig mitregieren im Bund? Und wenn ja, zu welchem Preis? Es gibt da keinen unüberbrückbaren Widerspruch in den Positionen der beiden, aber es ist durchaus eine Differenz im Tonfall herauszuhören.

Wissler führt eine kleine Oppositionsfraktion

Sehr vereinfacht kann man sagen: Wissler ist eher eine für das linke Herz, Hennig-Wellsow eine für den Kopf. Wissler mag keine Regierungsfolklore, Hennig-Wellsow kein ritualisiertes Dagegensein. Wissler sagte Anfang 2020 auf einer Strategiekonferenz der Linken den bis heute nachklingenden Satz: "Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser. Und auch keine linken Minister." Hennig-Wellsow geht es vor allem darum, mit möglichst vielen linken Ministern in der nächsten Bundesregierung vertreten zu sein. In ihrer frei gehaltenen Bewerbungsrede auf dem Parteitag rief sie die Linke zur sofortigen Regierungsbereitschaft auf. "Die Menschen haben keine Zeit, auf uns zu warten", lautete ihr zentraler Satz.

Die unterschiedlichen Akzente erklären sich auch aus ihren bisherigen Karrierewegen. Janine Wissler finanzierte ihr Politikstudium in Frankfurt als Fachverkäuferin in einem Baumarkt. Sie kam über Bewegungen wie Attac und trotzkistische Gruppen in die Partei. Als Fraktionsvorsitzende im hessischen Landtag führt sie eine kleine Oppositionsfraktion an und hat sich vor allem mit bissigen und gewitzten Reden einen Namen über Hessen hinaus gemacht. Ob sie nach ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden für den Bundestag kandidiert, ließ sie zunächst offen - im Gegensatz zu ihrer neuen Ko-Vorsitzenden.

Wissler war schon seit 2014 Parteivize, sie ist aber auch in dieser Position eine Heldin der Straßenkämpfer geblieben, bestens vernetzt in den nach links außen tendierenden Basisorganisationen. Nach ihrer Vorstellung muss die Linke in erster Linie an der Seite von sozialen Bewegungen, von Arbeiterschaft und Betriebsräten für konkreten Verbesserungen streiten. Und wenn sich dann irgendwann, irgendwo die Gelegenheit einer Regierungsbeteiligung ergibt, ohne die eigenen Grundwerte zu verraten - ja, warum denn nicht?

Hennig-Wellsow ist Vertraute des einzigen linken Ministerpräsidenten

Susanne Hennig-Wellsow war Leistungssportlerin im Eisschnelllauf, sie kam zur Linken über eine Stellenausschreibung als Referentin. Als Landes- und Fraktionsvorsitzende in Thüringen ist sie eine enge Vertraute von Ministerpräsident Bodo Ramelow und wurde nahezu weltberühmt durch ihren Blumenstraußwurf nach der Wahl Thomas Kemmerichs (FDP) zum Kurzzeit-Regierungschef mit der Unterstützung der AfD. Hennig-Wellsow kennt die Macht von innen. Und sie will möglichst viel vom Erfurter Modell mit nach Berlin nehmen. Aus ihrer Sicht muss die Linke vor allem ihre Zuschauerperspektive verlassen.

Was Hennig-Wellsow tut, folgt einem konkreten Plan, den sie als "Durchsetzungsperspektive" verschlagwortet hat. Die Partei sei es ihrem Kernklientel schuldig, endlich im Bund mitzubestimmen. So sieht sie das. Dafür ist sie zur Not auch bereit, schmerzliche Kompromisse einzugehen. Auch das kennt sie aus Thüringen.

Reimar Pflanz, einer ihrer chancenlosen Gegenkandidaten vom Samstag, benutzte seine Bewerbungsrede vor allem dafür, um vor Regierungsbeteiligungen zu warnen. Dafür erhielt er auf den ersten Blick erstaunliche 19,4 Prozent der Stimmen. Das dürfte aber ziemlich genau dem Anteil der Parteimitglieder entsprechen, die lieber für immer in der Opposition bleiben wollen.

Im neuen Führungsdoppel wird es auch darauf ankommen, aus den unterschiedlichen Denkmustern keinen Konflikt entstehen zu lassen, sondern das als Chance zu nutzen, um alle Parteiströmungen einzubinden. Wissler fing in ihrer Dankesrede gleich damit an: "Nein, diese Partei ist sicher nicht perfekt, sie ist manchmal sehr anstrengend." Jetzt gehe es darum, gemeinsam für eine bessere Welt zu kämpfen. Hennig-Wellsow merkte in ihrer süffisant schnoddrigen Art an: "Wie gut Janine und ich uns verstehen, das hört ihr gleich. Weil ich nämlich nichts nochmal sage, was Janine schon gesagt hat, oder nur ein bisschen."

Für ihren ersten digitalen Parteitag hat die Linke einen alten Postbahnhof in Berlin angemietet, dort werden die Reden aufgezeichnet und in die Wohnzimmer der Delegierten übertragen. Wissler war selbstverständlich auch am Freitag während der Aussprache mit der Basis schon am Veranstaltungsort.

Hennig-Wellsows Pragmatismus geht so weit, dass sie den ersten Tag des Parteitages von zu Hause aus vor dem Laptop verfolgte, um nebenbei auf ihren Sohn aufpassen zu können. Sie kam dann pünktlich am Samstagfrüh zu ihrer Wahl nach Berlin - als es ums Konkrete ging.

© SZ/bix
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