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Libanon:Die verheerende Explosion von Beirut

Am Morgen nach der Explosion: Blick aus einem von der Druckwelle beschädigten Haus auf den zerstörten Hafen Beiruts, den Ort der Detonation.

(Foto: AFP)

Libanon steckt tief in der Krise: der Strom fällt ständig aus, fast alles muss importiert werden - manche Bewohner tauschen Fernseher gegen Windeln. Mit der Explosion im Hafen von Beirut ist nun einer der wichtigsten Versorgungswege abgeschnitten.

Von Moritz Baumstieger

Ein Unglück wie in Beirut - wenn es denn tatsächlich ein Unglück war - würde jeden Ort der Welt hart treffen: Bislang mehr als einhundert Tote und 4000 Verletzte zählt das Libanesische Rote Kreuz am Morgen nach der Explosion, ganze Stadtviertel sind verwüstet. Selbst in weit entlegenen Gegenden gingen noch Fenster und Türen zu Bruch. Einwohner versuchten verzweifelt, Angehörige und Freunde zu erreichen, die sich im Zentrum aufgehalten hatten.

Wie stark die Explosion vom Dienstagabend jedoch die libanesische Hauptstadt und das ganze Land mitnehmen wird, lässt sich nur begreifen, wenn man die Entwicklungen vor Ort in den vergangenen Monaten in den Blick nimmt: Das Leben in dem einstmals als "Schweiz des Nahen Ostens" titulierten Land kam schon seit Längerem an einen Zustand heran, der allgemein als Katastrophenfall verstanden wird.

Das Stromnetz liefert nur wenige Stunden Energie pro Tag, gleichzeitig versickern Milliarden beim staatlichen Energieversorger. Müll türmt sich in den Straßen, während seit Jahrzehnten über ein neues Entsorgungssystem debattiert wird. Die Währung verliert binnen weniger Monate 80 Prozent ihres Werts - das libanesische Pfund fällt immer noch weiter, während die Preise gleichzeitig täglich steigen. Schon bevor sich die Druckwelle am Dienstag ihren zerstörerischen Weg vom Hafengelände ins Zentrum der Hauptstadt bahnte, bezeichneten viele Libanesen ihr Land in Gesprächen als quasi unbewohnbar.

Folge der allgemeinen Finanz- und Güterknappheit waren unter anderem Engpässe bei der medizinischen Versorgung. Das staatliche Gesundheitssystem stand wie die meisten anderen Einrichtungen der öffentlichen Hand kurz vor dem Zusammenbruch. Doch auch Privatkrankenhäuser, die sich ihre Dienste sonst in harten Devisen entlohnen lassen, hatten nicht mehr genug Medikamente und Material, entließen in den vergangenen Wochen Hunderte Mitarbeiter, die sie nicht mehr bezahlen konnten.

Das Land ist fast vollständig von Importen abhängig

In der Schreckensnacht von Dienstag und Mittwoch wuchsen die Mediziner, Sanitäter und Pfleger der Stadt dennoch über sich hinaus, versorgten die Verletzten erst auf Gängen und schließlich sogar auf Parkplätzen, als die Hospitäler hoffnungslos überfüllt waren.

Wie ein Wiederaufbau und die nötigen Reparaturen in einer Stadt möglich sein sollen, in der zuletzt selbst Mitglieder der Mittelklasse in Online-Tauschbörsen versuchten, für etwa ein Fernsehgerät eine Packung Medikamente oder Windeln zu ergattern, ist nur schwer vorstellbar.

Doch selbst wenn das Ausland, wie in ersten Reaktionen angekündigt, dem Land großzügige Nothilfe zur Verfügung stellen will, wird es schwer werden, die Libanesen längerfristig zu unterstützen. Das Land produziert kaum etwas selbst, es ist fast vollständig von Importen abhängig. Selbst der Weizen für das knapper werdende Brot kommt zu mehr als 80 Prozent aus dem Ausland.

Libanons Landesgrenzen führen jedoch in das vom Bürgerkrieg zerstörte Syrien und nach Israel, mit dem sich das Land offiziell noch immer im Kriegszustand befindet. Bleiben zum Transport der dringend benötigten Güter der Luft- und der Seeweg - doch der wichtigste Hafen des Landes ist nun fast vollständig zerstört, das größte Getreidesilo befand sich im Zentrum der Explosion.

So tragisch die Folgen der Detonation sind, die ausgerechnet eine von der Krise ohnehin schwer gezeichnete Stadt traf, so symptomatisch ist das Geschehen für das Land. Erste Analysen wie die nächtliche Stellungnahme von Premier Hassan Diab sprechen davon, dass über Jahre mehr als 2700 Tonnen von hochexplosivem Ammoniumnitrat vollkommen ungeschützt mitten in kritischer Infrastruktur und in nächster Nähe zu Wohnvierteln lagerten.

Wenn dies zutreffen sollte, dann passt das zu der fast schon kriminellen Nachlässigkeit, mit der die Politiker des Landes seit Jahrzehnten regieren. Die Folgen der Ignoranz, mit der Libanon seine Bürger vernachlässigt, würde jedes Land der Welt hart treffen.

© SZ/odg

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