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Libanon:Eine Nation im freien Fall

Verzweifelt: Eine Äthiopierin, die im Libanon ihren Job verloren hat.

(Foto: Hassan Ammar/AP)

Schon lange ächzt das Land unter einer bedrohlichen Wirtschaftskrise. Die Währung ist im freien Fall, viele haben ihre Jobs verloren - Beobachter fürchten nun sogar Hungerrevolten.

Von Moritz Baumstieger

Die schwarze Limousine hält in zweiter Reihe, der Fahrer hat es eilig, seine Passagierin loszuwerden. Er wuchtet ihr Gepäck aus dem Kofferraum und verabschiedet sich hastig, Fragen will er keine beantworten. Er sei nur der Chauffeur, der hier seine Arbeit mache; wer sie ihm aufgetragen hat, verrät er nicht. Dann fährt er ab - und eine sichtlich verunsicherte junge Frau blickt dem Auto hinterher, das sich in den Berufsverkehr von Libanons Hauptstadt einfädelt.

Die Szene, die sich am Donnerstagnachmittag vor dem äthiopischen Konsulat in Beiruts Stadtteil Hazmiyeh abspielte, haben Aktivisten mit Kameras aufgenommen und ins Netz gestellt. Sie zeigt die kaltherzige Art, mit der nun einige Libanesen die Arbeitsverhältnisse ihres Personals beenden - und ist ein weiterer Beleg, wie weit die Finanz- und Wirtschaftskrise im Land gediehen ist: Teile der besseren Gesellschaft können sich ihre Haus- und Kindermädchen nicht mehr leisten und entledigen sich ihrer, wie es sonst nur verantwortungslose Hundebesitzer mit lästig gewordenen Haustieren tun.

Bis das Arbeitsministerium und Hilfsorganisationen einige von ihnen in Notunterkünfte bringen ließen, campierten in dieser Woche Dutzende Frauen vor dem Konsulat. Ihre Arbeitgeber hatten sie vor die Tür gesetzt oder hier hergebracht, meist ohne ihnen den Lohn auszuzahlen oder Geld für Unterkunft, Essen und die Heimreise. Nach Hause können die Gastarbeiterinnen derzeit jedoch sowieso nicht: Beiruts Flughafen ist zur Eindämmung des Coronavirus bis auf weiteres geschlossen.

Als "Schweiz des Nahen Ostens", wie das Land einmal betitelt wurde, gilt Libanon seit langem nicht mehr. Doch dass die Krise nun auch schon die Bewohner jener Wohngegenden erreicht hat, in denen Plakatwände bislang für mit 22 Karat Gold durchsetzten Kaugummi warben, ist nur die nächste Drehung einer langen Abwärtsspirale: Um für das nur wenige Güter produzierende Land günstige Importe zu garantieren, hielt die Regierung die Währung jahrelang künstlich stabil, indem sie es den Banken ermöglichte, durch großzügige Zinsen Kapital aus dem Ausland anzulocken. Das einem Schneeballsystem ähnelnde Konstrukt begann zu wackeln, als der Kapitalfluss in den vergangenen Jahren abnahm. Anfang März kollabierte es vollkommen, als die Rückzahlung eines Kredits in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar fällig war. Angesichts einer Schuldenlast von 170 Prozent des Bruttoinlandproduktes - der dritthöchste Wert weltweit - bediente die Regierung ihre Verbindlichkeiten erstmals nicht.

Seither befindet sich das libanesische Pfund im freien Fall, Beschränkungen des öffentlichen Lebens zur Eindämmung des Coronavirus legten zudem die Wirtschaft lahm. Unternehmen gingen reihenweise pleite, Anfang Mai stellte sogar der lokale Lizenznehmer des Weltunternehmens Coca-Cola den Betrieb ein. Einige Parlamentarier rechnen damit, dass die Zahl der Arbeitslosen bald eine Million übersteigen wird - in dem Staat mit sechs Millionen Einwohnern wären dann 65 Prozent der Arbeitsfähigen ohne Job. Die psychologischen Folgen der Krise lassen sich weniger gut in Zahlen fassen, Sozialorganisationen zufolge steigen häusliche Gewalt und Suizide aber in beängstigendem Maße.

"Einst der Brotkorb des Nahen Ostens, steht Libanon nun vor einer dramatischen Herausforderung, die noch vor einem Jahrzehnt undenkbar erschien: dem Risiko einer ernsten Nahrungsmittelkrise" Premier Hassan Diab

Wenn überhaupt jemand dem Corona-bedingten Shutdown etwas Positives abgewinnen konnte, waren es die Banken. Nachdem ihre Mitarbeiter zuvor monatelang wütende Kunden abwimmeln mussten, die ihre Ersparnisse in Sicherheit bringen wollten, schlossen nun viele Geldinstitute die Schalter. Und nutzen die Zeit, ihre Filialen teils zu Festungen auszubauen - für den Fall, dass der Volkszorn wieder hochkocht. Seit Herbst bereits demonstrierten in Beirut und anderen Städten Zehntausende für eine grundlegende Reform des an Korruption und Klientelismus leidenden Systems. Angesichts dessen, dass laut Weltbank nun 50 Prozent der Libanesen von Armut bedroht sind, könnten die Proteste bald in Hungerrevolten umschlagen. Premierminister Hassan Diab, Anfang des Jahres ins Amt gekommen, weil die vorherige Regierung unter dem Eindruck der Demonstrationen zurücktrat, sprach zuletzt sogar davon, dass das Brot knapp werden könnte.

Seit einigen Wochen verhandelt sein Kabinett nun mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über Finanzhilfen. Kredite möchte die Organisation aber nur bewilligen, wenn Beirut einen glaubhaften Reformplan vorlegt. IWF-Sprecher Garry Rice nannte die Gespräche am Donnerstag mit britischer Höflichkeit "konstruktiv" und die Probleme des Landes mit gewissem Understatement "komplex". Dann wurde er direkter: Es dürfe nicht nur bei Reformplänen bleiben, wichtig sei die Umsetzung und die Unterstützung aus Politik und der Zivilgesellschaft.

Kürzungen von Subventionen etwa - ein Grundpfeiler der auf Austerität ausgerichteten IWF-Vorschläge - dürften aber in der leidenden Bevölkerung gar nicht gut ankommen. Vor allem die in der Regierung stark vertretene Hisbollah, die sich als Schutzmacht der wirtschaftlich meist schwachen Schiiten sieht, tut sich schwer mit den Bedingungen. Aber auch in jenen Kreisen, in denen man lange gute Geschäfte auf Kosten des Staates machte, fürchten sich einige vor Reformen, die zu viel Effizienz in die Verwaltung brächten. Geld für Hauspersonal ist ja schon jetzt keines mehr da.

© SZ vom 06.06.2020

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