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Krise des Westens:Die Wut auf "die da oben"

Um was es in diesem Kampf geht, lässt sich nicht in Statistiken und Tabellen ausdrücken. Dieser Kampf wird auf der Gefühlsebene geführt, ein Kampf verschiedener Strömungen innerhalb der Gesellschaft. Es geht um die in Teilen der Bevölkerung weit verbreitete Wut darüber, nicht wahrgenommen zu werden. Die Wut auf das imaginierte Establishment, auf "die da oben", denen die "normalen Menschen" völlig egal seien. Immer mehr Menschen fühlen sich gekränkt, kulturell abgehängt.

Warum gerade jetzt?

Globalisierung und Postmoderne

Rechtspopulismus Wie man mit Populisten diskutiert - ohne ihnen in die Falle zu gehen
Interview zur Debattenkultur

Wie man mit Populisten diskutiert - ohne ihnen in die Falle zu gehen

Ist Deutschland auf dem Weg in den "geistigen Bürgerkrieg"? Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn erklärt, welche Fehler Populisten machen - und wie man diese ausnutzt.   Interview von Sebastian Gierke

Bildung, Wohlstand, medizinische Versorgung, Lebensdauer: Den Menschen geht es weltweit besser als je zuvor. Tatsächlich gibt es Men­schen, die eindeutig von der Glo­ba­li­sie­rung pro­fi­tiert ha­ben. Sie sind gut ausgebildet, haben welt­weit berufliche, auch freundschaftliche Kontakte, leben in teuren Innenstäd­ten, pflegen eine kosmopolitisch-polyglotte, liberale Identität. Und diskutieren, oft in englischen Begriffen, zum Beispiel über Gendermainstreaming oder den Veggieday.

Und es gibt Menschen, die glauben, diese Klas­se der gut gekleideten Mülltrenner-Elite habe sie be­tro­gen. Das sind Menschen, die nicht von der Globalisierung profitieren. Für sie entwickelt Modernisierung keine eigene Legitimität. Sie wollen sich das, was ihnen von den Globalisten als Fortschritt verkauft wird, nicht aufzwingen lassen, scheuen vor gesellschaftlichen Veränderungen zurück. Donald Trump hat das erkannt und deshalb versprochen, die Globalisierung zurückzudrehen: America first.

Eine Welt, die moderner wird, liberaler, eine solche Welt wächst. Sie wird immer wieder neu entworfen. Mit jeder Entdeckung wird sie komplizierter, das Individuum entgrenzter und einsamer. Ambivalenz ertragen zu können, ist in einer solchen Welt wichtig. Das Freiheitsgefühl der Modernisierung erzeugt Ohnmacht, sie wird dann als Zumutung empfunden, weil sich die eigene Stellung in der Gesellschaft ständig verändert, weil sich die Regeln ständig verändern. "Die Last der Befreiung", nennt das der Intellektuelle Pankaj Mishra.

Grundsätzliche Gesellschaftskritik, lange ein Projekt der Moderne, ist genau deshalb heute auch auf der Seite der reaktionären Rechten und der Autoritären zu finden. Die Forderung: Autorität statt Autonomie. Das Autoritäre lockt mit einfachen Wahrheiten und Eindeutigkeit. Mit einem aggressiven: Wir sind zu weit gegangen. Und der Möglichkeit, die Kompliziertheit der Welt als persönliche Kränkung auffassen zu dürfen. Ressentiments schrumpfen die Welt. Gleichberechtigung von Frau und Mann? Zerstört unsere Tradition! Islam? Eine Religion des Terrors! Europäisierung? Davon profitieren doch nur die faulen Südländer! Die moderne, liberale Welt wird so zum Feind. In solch schlichten Äußerungen findet der Kulturkampf dann einen populären Ausdruck.

Das Post-Faktische

Eng mit dem postmodernen Verschwinden von der einen Wahrheit hängt ein berüchtigtes Phänomen zusammen, das vor allem durch Trump viel Aufmerksamkeit erfahren hat. Das Post-Faktische oder schlicht: die Lüge. Unter dieser Überschrift werden beispielsweise Phänomene wie Zuwanderer, Flüchtlinge, Europäisierung, Terrorismus vermischt. Plötzlich existieren keine Fakten mehr, sondern nur noch Interpretationen. Autoritäre Führergestalten wie Wladimir Putin und Donald Trump nutzen das politisch aus. Fakten ordnen sie ihrer Agenda unter. "Zuerst die Ideologie, dann die Fakten", fasst der Philosoph Philipp Hübl zusammen.

Konzentration auf Identitätspolitik

2017 wurde auch viel über Rassenidentität gestritten, Genderthemen, sexuelle Minderheiten oder das Für und Wider von gesellschaftlicher Vielfalt. Zu viel?

Putin oder Trump versprechen ihren Anhängern jedenfalls eine eigene Identität, indem sie sie, im Vergleich zu anderen, als Gruppe aufwerten. So lässt sich das menschliche Bedürfnis befriedigen, etwas Eigenes einzuhegen und sich nach außen abzugrenzen.

Bundestag Die AfD ist eine Chance für das Parlament
Bundestag

Die AfD ist eine Chance für das Parlament

Zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung zieht eine Partei rechts der Union in den Bundestag ein. Das Parlament kann dadurch wieder zum Ort der politischen Auseinandersetzung werden.   Kommentar von Nico Fried, Berlin

Mark Lilla, Professor für Ideengeschichte in New York, behauptet, die liberale Linke in den USA, hätte dafür das Feld bereitet. Sein Text "The End of Identity Liberalism", im November 2016 in der New York Times erschienen, war 2017 einer der meist diskutierten. Lilla glaubt, die links-liberalen Kosmopoliten in Gesellschaft und Politik hätten sich zu sehr auf Identitätspolitik konzentriert, und darüber die wichtigeren Kämpfe vernachlässigt. Zum Beispiel den um materielle Gerechtigkeit.

Sigmar Gabriel sieht das ähnlich, genau wie der Politikwissenschaftler Claus Leggewie: Die Linke habe die soziale Frage leichtfertig vernachlässigt, es gehe nicht mehr um Klassenfragen, sondern vor allem um Identitätsfragen. Prominenter Gegner dieser Meinung ist der französische Soziologe und Philosoph Didier Eribon, dessen schon 2016 erschienenes Buch "Rückkehr nach Reims" 2017 zum Bestseller wurde. Er insistiert, man dürfe die Kämpfe der Identitätspolitik nicht dem sozialen und wirtschaftlichen Kampf entgegenstellen.

Auf der Rechten reiben sie sich ob der Uneinigkeit die Hände: So glaubt der rechte Wissenschaftler Benedikt Kaiser, die Linke gebe ihre soziale Erzählung von Gerechtigkeit und Solidarität auf. Er sieht eine historische Chance für die Rechten, diese zu übernehmen.

Eine Diskussion mit offenem Ausgang.