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Beginn des Zweiten Weltkriegs:"Wir wussten, was auf uns zukommt"

Zeitzeugin Lieselotte Bach

Engagierte sich nach dem Krieg in der Evangelischen Kirche und in der Kommunalpolitik: Lieselotte Bach

(Foto: SZ)

Lieselotte Bach ist "Arbeitsmaid", als der Zweite Weltkrieg beginnt. Sie und ihre Kameradinnen glauben der Nazi-Propaganda - und brechen bei der Nachricht vom Angriff auf Polen trotzdem in Tränen aus. Der Krieg sollte Bach drastisch treffen.

Von Oliver Das Gupta, Wangen bei Starnberg

Lieselotte Bach kam im Mai 1920 als Lieselotte Venator zur Welt. Ihre Familie hat Wurzeln in Jena und Eupen-Malmedy im heutigen Belgien. Das Mädchen wuchs im Dorf Wangen auf, es liegt nahe Starnberg in Oberbayern. 1939 wurde die Abiturientin zum Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen, als "Arbeitsmaid" beorderte man sie im April nach Kempten.

Dort unterhielt die NS-Organisation RAD am Stadtrand einen Bauernhof, auf dem Bach und etwa 60 andere junge Frauen im nationalsozialistischen Sinne leben mussten. Ihre Tagesabläufe waren präzise vorgeplant: Fahnenappell, Singen von Nazi-Liedern, Sport, Nachmittagsruhe, Sanitätskurs und vor allem Arbeit. Die "Maiden" wurden in der Landwirtschaft eingesetzt, mussten in Männerlagern aufräumen und in Allgäuer Haushalten helfen.

Lieselotte Bach, die nun 94 Jahre alt ist, erinnert sich gut an den Sommer vor 75 Jahren. Sie hat auch ihr Tagebuch und ein Fotoalbum aus dieser Zeit gefunden. Manche politischen Dinge wie ihre Verwunderung über den Hitler-Stalin-Pakt (hier mehr dazu) habe sie allerdings damals nicht notiert, sagt Bach heute. "Denn man musste ja vorsichtig sein."

Der Spätsommer entfaltete 1939 noch einmal seine Kraft im Allgäu. "Heiß" oder "sonnig" stellt Bach den meisten Tagebucheintragungen in jenen Wochen voran, so auch am 1. September. Kurz bevor die 19-Jährige aufstand, hat das deutsche Kriegsschiff Schleswig-Holstein in Danzig die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs abfeuert und die Luftwaffe die polnische Stadt Wieluń in Schutt und Asche gelegt.

Tagebucheintrag vom 1. September 1939

Lieselotte Bach und die anderen "Arbeitsmaiden" beim Fahnenappell vor ihrem RAD-Bauernhof bei Kempten

Lieselotte Bach und die anderen "Arbeitsmaiden" beim Fahnenappell vor ihrem RAD-Bauernhof bei Kempten

(Foto: Oliver Das Gupta (Reproduktion))

"Sonnig. Ich stehe um fünf Uhr auf. Die Wehrmacht rückt in Polen ein. Also ist Kriegszustand. Um acht kommt die Nachricht, dass Danzig sich zum Reich gehörig betrachtet. Um zehn hören wir die Reichstagssitzung mit dem Appell des Führers. Nachmittags erringen unsere Flieger die Luftherrschaft über Polen. Wir arbeiten den ganzen Tag."

Der von Bach erwähnte "Appell" war Adolf Hitlers berüchtigte Rede, in der er die Lüge verbreitete, ein polnisches Kommando habe den deutschen Sender Gleiwitz überfallen. Nun, seit 5.45 Uhr, werde "zurückgeschossen", schreit Hitler damals und Millionen Deutsche hören wie die Abiturientin Lieselotte an den Volksempfängern zu. Aus Bachs knappen Notizen geht nicht hervor, wie niedergeschlagen die Stimmung unter den jungen Frauen damals war. Lieselotte Bach sagt heute:

"Wir haben alle geweint, als der Krieg begann. Wir ahnten, was auf uns zukommt. Zwar waren wir alle nach dem Ersten Weltkrieg geboren. Aber unsere Eltern hatten uns erzählt, wie groß das Leid und die Not damals waren. Bei uns gab es 1939 keine Euphorie wie 1914. Manchmal erinnert mich die Stimmung damals an die heutige Lage in der Ukraine.

Schon in den Monaten vor dem Kriegsausbruch 1939 haben wir das Gefühl gehabt, dass Krieg kommt. Mitte Mai 1939 hatten wir Gasmasken bekommen und wurden über chemische Kampfstoffe aufgeklärt. Am Tag des Kriegsbeginns ordneten unsere 'Führerinnen' an, den ganzen Tag Radio zu hören. So erfuhren wir, was los war.

Der Krieg war zwar zunächst weit weg in Polen, aber für uns 'Arbeitsmaiden' änderten sich einige Dinge. Wir mussten unsere Sportanzüge neben die Betten legen. Und die Gasmasken obenauf.

Meine Mutter rief dann bald an, auch weil meine Großmutter gestorben war. Meine Eltern waren vom Feldzug in Polen überhaupt nicht begeistert. Der Vater hatte den gesamten Ersten Weltkrieg an der Westfront zugebracht."

"Wir haben funktioniert"

Bachs nationalkonservative Eltern hatten beide studiert. Mutter Venator war eine der ersten promovierten Juristinnen Deutschlands. Der Vater betrieb eine Steuerberatungskanzlei in Starnberg.

Lieselotte Bach liest ihre Tagebuch-Eintragungen vom Kriegsbeginn 1939

Lieselotte Bach liest ihre Tagebuch-Eintragungen vom Kriegsbeginn 1939

(Foto: Oliver Das Gupta)

Bach räumt ein, dass sie und die anderen "RAD-Kameradinnen" 1939 "fast alles" geglaubt hätten, was die Nazi-Propaganda ihnen eintrichterte. "Wir haben funktioniert." Kurz vor Kriegsausbruch seien sie einmal ins nahe Hindelang gefahren, um der Nazi-Größe Rudolf Heß ein Ständchen zu singen. Doch der "Stellvertreter des Führers" hatte keine Zeit für die jungen Frauen. Er müsse jetzt nach Berlin, habe Heß gesagt, erzählt die 94-Jährige.

Der Krieg wirkte sich sofort auf Lieselotte Bach und ihre Familie aus:

"Im Mai '39 hatte ich meinen späteren Mann Ernst bei einem Tanzabend während einer Dampferfahrt auf dem Starnberger See kennengelernt. Er war Fahnenjunker und musste nun nach Polen. Ihm passierte nichts. Aber zwei junge Männer - beide hießen Helmut - von einem nahen Kemptener RAD-Männerlager kamen nicht zurück. Sie sind gleich in den ersten Kriegswochen gefallen. Da ist uns der Krieg plötzlich ganz nah gekommen. Kurz zuvor hatten wir mit beiden noch Volkstänze eingeübt.

Meine Mutter vermisste meine Arbeitskraft auf dem heimischen Hof. Denn unser Verwalter war von der Wehrmacht eingezogen worden. Dafür nahmen drei Soldaten Quartier in unserem Haus. Sie bauten eine Flugabwehrstellung am Ortsrand."

Lieselotte Bach (mit Blume im Haar) inmitten ihrer RAD-Kameradinnen bei einer Feier.

Lieselotte Bach (mit Blume im Haar) inmitten ihrer RAD-Kameradinnen bei einer Feier.

(Foto: Oliver Das Gupta)

Bachs Zeit in Kempten endete im November 1939. Sie zog nach München und begann, Agrarwissenschaften zu studieren. Ihr Vater, der Weltkriegsveteran, meldete sich 1940 nach dem Sieg über Frankreich freiwillig, "weil er glaubte, dass sie ohne ihn den Krieg nicht gewinnen". Bald musste er erkennen, dass die Deutschen einen Vernichtungskrieg im Osten führten (hier mehr dazu). Als der Wehrmachtsoffizier ins sowjetische Smolensk kommt, erfährt er, dass alle Juden der Stadt ermordet oder deportiert worden waren.

Der Vater überlebt den Krieg, doch Lieselotte Bach verliert zwei andere geliebte Menschen: Ihr einziger Bruder Ludwig fällt beim Vormarsch auf Stalingrad, ihr Ehemann wird im Herbst 1944 auf dem Balkan als vermisst gemeldet. Wenige Wochen zuvor hatte er die Studentin Lieselotte Venator geheiratet.

Im Frühjahr 1945 erreicht der Krieg ihr Heimatdorf Wangen. Es kommt zu einem letzten Gefecht, bei dem drei Männer der Waffen-SS im Garten der Venators sterben.

Wie die Zeitzeugin das Kriegsende erlebt hat, schilderte sie SZ.de in diesem Protokoll.

© SZ.de/gal
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