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USA:Sanders und Biden müssen zusammenfinden

Bernie Sanders (links) und Joe Biden.

(Foto: dpa(2); Collage SZ)

Egal, wer das Rennen um die Kandidatur gewinnt: Nur wenn die Demokraten vereint auftreten, haben sie bei der Präsidentschaftswahl eine Chance gegen Trump.

Kommentar von Stefan Kornelius

Joe Biden hat sein Lazarus-Wunder erlebt, die Auferstehung aus der politischen Grabkammer, die völlig unerwartete Berufung auf den Spitzenplatz unter den Präsidentschaftsbewerbern der Demokraten. Wieder einmal hat dieser Vorwahltag gezeigt, dass es in den modernen Schnappatmungsdemokratien vor allem um das politische Momentum geht, um das perfekte Timing, um das Fünkchen Aufmerksamkeit, das eine Selfie-Gesellschaft gerade mal aufzubringen in der Lage ist.

Joe Biden, Vizepräsident neben Barack Obama und in vielerlei Hinsicht ein Relikt von damals, hat diesen Glücksmoment erhascht. Sein Vorwahlerfolg in South Carolina, ermöglicht durch ein eindeutiges Bekenntnis der schwarzen Wähler, und zwei weitere Glücksmomente haben sein Comeback bewirkt: der vernünftige Rückzug der moderaten und sympathischen Kandidaten Pete Buttigieg und Amy Klobuchar; und die Entmystifizierung des Dollar-Desperados Mike Bloomberg, dessen virtuelle Kandidatur nach zwei Bühnenauftritten in sich zusammenfiel.

Nun hat diese Vorwahl endlich die Dynamik bekommen, die ihrer Bedeutung gerecht wird. Die Demokraten ringen um ihre Identität. Nach allem Ermessen werden für einige Zeit noch zwei Seelen in ihrer Brust schlagen. Bernie Sanders, der einen Sozialismus mit amerikanischem Antlitz predigt, verkörpert wie vor vier Jahren schon gegen Hillary Clinton das große Bedürfnis der amerikanischen Linken nach mehr Gerechtigkeit und auch nach mehr Staat. Am Super Tuesday hat sich sein Mobilisierungspotenzial allerdings erschöpft. Er ist in den Südstaaten, vor allem aber in Texas und Minnesota unterlegen - das sind die alles entscheidenden Territorien für das Duell gegen Donald Trump. Der Weg zur Nominierung wird nun sehr steil für ihn werden.

Aber auch Joe Biden hat mit dem Wahlerfolg seine eigentlichen Probleme nicht hinter sich gelassen. Dass die Koalition der Vernünftigen sich um ihn schart, macht aus ihm noch keinen besseren, charismatischeren und vor allem visionäreren Politiker. Und die Erleichterung bei den Establishment-Demokraten in Washington kann nicht verdecken, welch eklatante organisatorische Defizite Bidens Kampagne noch überwinden muss.

Wie vor vier Jahren schon bleibt die größte Schwäche der Demokraten ihre Zerrissenheit. Viermal in den vergangenen 30 Jahren wurde die Präsidentschaftswahl in den USA dadurch entschieden, dass eines der Lager durch eine Abspaltbewegung geschwächt und so in die Niederlage getrieben wurde: Der Name Ross Perot steht für das Trauma der Republikaner, Ralph Nader oder Bernie Sanders (bei Hillary Clintons Kandidatur) haben das Wählerpotenzial der Demokraten gespalten.

Wollen die Demokraten gegen Donald Trump bestehen, müssen sie die Wiederholung der Spaltung von 2016 um jeden Preis verhindern. Egal, wer gewinnt: Biden und Sanders müssen zusammenfinden. Denn nur wenn das Gefolge von Sanders mobilisiert bleibt und die moderate Mitte inklusive der Minderheiten Biden treu bleibt, kann die Partei Trump gefährlich werden. Der Super Tuesday hat gezeigt, dass die Wähler der Demokraten zum Generalangriff bereit sind - wenn sich ihre Generäle auf eine gemeinsame Schlachtordnung einigen können.

© SZ/aner
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