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Gewerkschaften:Auf der Suche nach der digitalen Solidarität

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Die Gewerkschaft Verdi ist zwar noch immer groß, hat aber Schwindsucht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die praktische Solidarität der Gewerkschaften entstand in den Werkshallen und an den Fließbändern. Die Digitalisierung lässt diese Dinge verschwinden. Wie können die Gewerkschaften überleben?

Es gibt Rote Listen für gefährdete Tiere, Pflanzen und Pilze. Rote Listen für Organisationen und Parteien gibt es noch nicht. Gäbe es sie, die Gewerkschaft Verdi wäre dort aufgeführt, die SPD auch. Früher war das Rot die Farbe des kämpferischen Selbstbewusstseins, heute gilt sie als farbige Markierung für anhaltende Gefährdung. Die Gewerkschaft Verdi ist zwar noch immer groß, hat aber Schwindsucht. Von den 2,8 Millionen Mitgliedern, die sie 2001 bei ihrer Gründung, beim großen Gewerkschaftszusammenschluss hatte, hat Verdi seitdem ein Drittel verloren.

In diesen 18 Jahren hat Frank Bsirske die Gewerkschaft geführt. Bsirske ist der Wachtelkönig der Gewerkschaften. Er ist ein seltenes Exemplar: Deutschlands dienstältester Gewerkschaftschef, der einzige mit grünem Parteibuch; mit unverkennbarer Stimme, klassenkämpferisch, aber freundlich. Den Mitgliederschwund hat er nicht aufhalten können. In der kommenden Woche, auf dem Verdi-Bundeskongress in Leipzig, tritt Frank Bsirske, jetzt 67 Jahre alt, zurück, sein bisheriger Stellvertreter wird der Nachfolger. Es endet nicht nur eine Ära Bsirske. Für die Gewerkschaftsbewegung insgesamt ist eine Zeit zu Ende, in der das Wort Solidarität identitätsstiftende Bedeutung hatte.

Durch die Digitalisierung werden viele Menschen ihre Arbeit verlieren

Die Digitalisierung verändert alles, sie verändert den gesamten Wertschöpfungsprozess, sie verändert die Erfindung und die Entwicklung, das Marketing, den Einkauf, die Produktion und den Vertrieb, den Verkauf und die Entsorgung. Arbeitsverhältnisse werden völlig neu organisiert, Erwerbsarbeit findet immer häufiger außerhalb eines Betriebes statt. Immer mehr Aufgaben werden an Leiharbeitsfirmen und rechtlich Selbständige ausgelagert, die Grenzen zwischen dem Arbeitnehmer- und dem Selbständigenstatus werden fließend. In der bisherigen Welt der Gewerkschaften bleibt so kaum ein Stein auf dem anderen.

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Der Streik am Mittwoch hat bei mehreren Rundfunkanstalten zu Programmausfällen geführt - und könnte nun auch Flaggschiffe wie die "Tagesschau" in Probleme bringen.   Von Detlef Esslinger

Gewerkschafter sagen, dass man sich dem digitalen Wandel nicht ausliefern dürfe, sondern ihn in die richtige Richtung lenken müsse. Wie geht das? Insgeheim hat so mancher Funktionär Angst, dass das gar nicht geht. Es funktioniert jedenfalls nicht mit ein bisschen Bastelei an der Arbeitszeitverordnung. Wenn die fahrerlose Mobilität kommt, werden Taxi- und Busfahrer, Lieferanten, Lkw- und Gabelstapelfahrer ihre Arbeit verlieren. Im Bereich der Dienstleistung wird künstliche Intelligenz massenhaft die Arbeit von Büroangestellten übernehmen. Es ist die Zeit des großen Umbruchs.

Schon immer gab es Erfindungen, die den Menschen ihre bisherige Arbeit wegnahmen. Der mechanische Webstuhl ersetzte die Werkstatt zu Hause; an die Stelle der Arbeit im eigenen Haus traten das Fließband in der Fabrik und dann der Industrieroboter. Die Großfamilie wurde von der Kleinfamilie abgelöst, es entstand die Arbeiterfamilie, deren Leben sich nach den Bedürfnissen von Arbeit und Kapital auszurichten hatte. Vater, Mutter, Kinder; die Kleinfamilie war nun die neue Normalfamilie, und normal waren auch die elenden Arbeits-und Produktionsbedingungen. Damit beginnt die große Geschichte der Gewerkschaften und die Geschichte der Arbeitersolidarität.