Koalitionsverhandlungen:Fünf Gründe, warum die SPD Merkel nicht fürchten muss

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Merkel, ein Garant für den Niedergang ihrer Koalitionspartner? So ein Quatsch. Die SPD hat beste Chancen, gestärkt aus der Regierung hervorzugehen. Helfen könnten ihr die Euro-Krise und die Erfahrung.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Die Angst vor der großen Koalition geht um in der SPD. An der Basis bilden sich Bündnisse gegen die verhasste "GroKo", Unterschriftenlisten kursieren, vor der SPD-Zentrale in Berlin treffen sich Demonstranten. Erst habe Merkel die SPD kleinregiert, dann die FDP - und jetzt wolle sie die Sozialdemokraten endgültig zu Staub machen, heißt es da in etwa.

Aber: Einen wirklich guten Grund sich vor Merkel zu fürchten hat die SPD nicht. Sowohl SPD als auch FDP haben sich in ihren Regierungsjahren mit Merkel vor allem selbst demontiert. Das dürfte der SPD so nicht noch einmal passieren. Fünf Gründe, warum die SPD gestärkt aus der großen Koalition hervorgehen kann.

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Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel kennen Angela Merkel bereits.

(Foto: AFP)

1. Die SPD kommt diesmal aus der Opposition

2005 war Gerhard Schröder Kanzler und ganz besoffen von dem Umstand, dass er doch noch so weit aufgeholt hatte. Angeschlagen von den Agenda-Reformen hat es für die SPD dennoch knapp nicht gereicht, wieder den Kanzler zu stellen. Die Partei hatte wegen der tiefen Einschnitte in den Sozialstaat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Sie konnte nicht einfach alles über Bord werfen, was sie vorher mit den Grünen beschlossen hatte, schon gar nicht in einer Regierung mit der Union.

Jetzt aber kommt die SPD mit frischen Ideen aus der Opposition. Die Agenda wiegt zwar immer noch schwer, den harten Linksschwenk im Wahlprogramm haben die Wähler der SPD deshalb nicht wirklich abgenommen. In der Regierung aber - und nur da - kann sie nun diesen Glaubwürdigkeitsverlust wieder wettmachen. Wenn sie etwa den Mindestlohn umsetzt und die größten Missstände der Hartz-Reformen ausbügelt.

2. Die SPD kennt Merkel schon

Es gab so einige in der SPD, die Merkels Fähigkeiten in der ersten großen Koalition maßlos unterschätzt haben. Mit Merkels eher moderierendem und zurückhaltendem Politikstil der kleinen Schritte konnten die basta-erfahrenen Genossen wenig anfangen. Inzwischen sollten sie sich aber darauf eingestellt haben. Parteichef Sigmar Gabriel und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier haben beide schon unter Merkel regiert. Sie wissen: Merkel wird Partnerin in der Koalition, aber Gegnerin im Kampf um Aufmerksamkeit sein. Einlullen lassen war 2005.

3. Die Euro-Krise ist eine Chance für die SPD

Anders als die FDP wird die SPD die Euro-Krise nicht allein Merkel überlassen. Sie wird präsenter sein, wohl vor allem dadurch, dass sie den Finanzminister stellen wird. Die Finanzkrise in Europa wird noch einige Zeit andauern. Die Bürger haben zwar offenbar mehrheitlich den Eindruck, dass Merkel sie bisher ganz gut durchgelotst hat. Jetzt aber gilt es zu zeigen, dass es in der großen Koalition zwei Lotsen gibt: Merkel und einen noch nicht benannten SPD-Finanzminister. Wenn dann noch erkennbar sozialdemokratische Forderungen durchgesetzt werden, kann die Partei zum politischen Profiteur werden.

4. Die Partei ist geschlossener denn je

Anders als 2005 ist die SPD mit sich selbst halbwegs im Reinen. So geschlossen wie heute waren die Reihen der Sozialdemokraten lange nicht mehr - vom Bauchgrummeln wegen der sich anbahnenden großen Koalition mal abgesehen. Das ziemlich linke Programm zur Bundestagswahl hat die Linken in der SPD befriedet. Das ist vor allem in der Bundestagsfraktion wichtig. Die inneren Grabenkämpfe dort sind weitgehend überwunden. SPD-Chef Gabriel bindet zudem die Basis ein, ist offen für Veränderungen und Reformen der Parteistrukturen. Trotz der erneuten Wahlniederlage im September will in der Partei kaum einer auf ihn verzichten. Nicht wegen mangelnder Alternativen. Sondern weil die SPD in Gabriel einen Vorsitzenden gefunden hat, der sein Amt liebt und lebt, wie kaum einer seiner Vorgänger.

5. Auch Merkels Zeit geht einmal zu Ende

Die Kanzlerin steht nicht mehr am Anfang ihrer Karriere, sondern nach menschlichem Ermessen eher am Ende. 2005 war es noch die Aura des Neuen, die sie interessant machte. Inzwischen ist Merkel Teil der bundesrepublikanischen Inneneinrichtung. Ihre Sympathiewerte sind zwar hoch. Aber das muss ja nicht so bleiben. Bisher konnte Merkel die Wähler mit ihrer angeblichen Sozialdemokratisierung ganz gut blenden. In einer Regierung mit der SPD dürfte das nicht mehr so einfach gehen. Die Chance der SPD liegt darin, glaubwürdiger als Merkel Wähler der Mitte und links der Mitte an sich zu binden. Auch für den Moment, in dem Merkels Zeit zu Ende ist.

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