Familie und Erziehung:Mama, Papa! Bitte mithelfen

Familie und Erziehung: Gut gefüllte Garderobe in einer Kindertagesstätte in Hannover.

Gut gefüllte Garderobe in einer Kindertagesstätte in Hannover.

(Foto: Bernhard Classen/imago images)

Die Kita-Krise trifft auch Gegenden, die auf dem Papier vorbildliche Betreuungsschlüssel haben. Erzieherinnen arbeiten krank, Eltern springen ihnen bei. Warum? Ein Besuch in Stuttgart.

Von Joshua Beer, Stuttgart

Es ist Mittagszeit bei den "Neckarpiraten", einer Kindertagesstätte im Stuttgarter Stadtbezirk Bad Cannstatt. Im Erdgeschoss des umgebauten Wohnhauses schlafen die Krippenkinder, im ersten Stock flitzen die Älteren umher, wedeln mit Spielzeugdinosauriern und schieben Holzautos über den Straßenteppich. Mittendrin steht Laura Tegethoff, 29 Jahre alt, blonde Haare und Pantoffeln an den Füßen.

Dort, im ersten Stock, ist Tegethoff eine von zwei Fachkräften, die sich um die 20 Kinder in der Einrichtung kümmern, die älter als drei Jahre alt sind. Hinzu kommen ein Auszubildender und eine Aushilfe. "Vorher habe ich das alleine gemacht", sagt Tegethoff.

Ausgerechnet im Südwesten soll es eine Kita-Krise geben?

Die Erzieherin wechselte im Januar zu den "Neckarpiraten", weil sie es in ihrer alten Kita in Stuttgart nicht länger aushielt. Ausfälle, Kündigungen, Notbetreuungen. "Es wurde immer schlimmer." Um Eltern, Kolleginnen und die Kinder nicht im Stich zu lassen, kam Tegethoff häufig krank zur Arbeit - und verschleppte eine Bronchitis. Seit Kurzem engagiert sie sich in einer Stuttgarter Initiative aus Fachkräften und Eltern, die für bessere Bedingungen in Kitas eintritt. Ihr Name scheut kein Drama: "Kitastrophe".

Familie und Erziehung: Wegen ihrer Erfahrungen als Erzieherin engagiert sich Laura Tegethoff in einer Initiative für bessere Kita-Bedingungen.

Wegen ihrer Erfahrungen als Erzieherin engagiert sich Laura Tegethoff in einer Initiative für bessere Kita-Bedingungen.

(Foto: Joshua Beer)

Kranke Erzieher und geschlossene Kitas - solche Geschichten hört man aus dem ganzen Land. Doch gerade der Südwesten weist auf dem Papier vorbildliche Zahlen auf. Ausgerechnet da soll es jetzt eine Kita-Katastrophe geben?

Deutschlandweit fehlen nicht nur 400 000 Kitaplätze, sondern auch etwa 430 000 Fachkräfte, errechnete die Bertelsmann-Stiftung im November 2023. Die Personalnot zwingt Kitas immer wieder zu Notbetreuungen, bei denen sie nur einen Teil der Kinder aufnehmen - oder sie bleiben gleich ganz geschlossen.

Die Kita-Krise wirkt in den Bundesländern allerdings unterschiedlich stark. Laut dem Kinderbetreuungsreport 2023 des Deutschen Jugendinstituts (DJI) steigt bei Eltern seit Jahren der Bedarf an Krippenplätzen, in Westdeutschland zuletzt auf 47 Prozent, im Osten auf 61 Prozent.

Wie es um den Personalstand in deutschen Kitas bestellt ist, ermittelte das Statistische Bundesamt zuletzt im März 2023. Demnach kommen in Gruppen von Kindern bis drei Jahren auf eine Kita-Kraft genau vier Kinder. In Berlin und den neuen Bundesländern waren es gar mehr als fünf. Zum Vergleich: In Bayern lag der Schlüssel bei 3,6 Kindern. Ähnliche Differenzen zeigen sich bei Gruppen von über Dreijährigen.

Laura Tegethoff hält nicht viel von Bestwerten

Im Westen schafft nur ein Bundesland den von der Bertelsmann-Stiftung empfohlenen Idealschlüssel von genau drei betreuten Kindern unter drei Jahren pro Kita-Kraft: Baden-Württemberg. Hier ist auch der Anteil von Fachkräften am Kita-Personal höher als im Rest des Landes, deutlich mehr als 80 Prozent. Nach einem Krisenherd klingt das nicht.

Allerdings zählt der offizielle Stellenschlüssel längst nicht nur Fachkräfte, sondern "pädagogisch tätige Personen". Das können ungelernte Aushilfen, FSJler, ja selbst Praktikanten sein. Und die dürfen alleine keine Kita-Gruppe beaufsichtigen.

Laura Tegethoff hält deshalb nicht viel von diesen Bestwerten: "Der Stellenschlüssel ist so berechnet, dass alle da sein müssen." Sobald jemand Urlaub nimmt, in Fortbildung geht oder krank wird, breche das System zusammen. Und wer tagtäglich mit Kleinkindern zu tun hat, "angeniest und angehustet" werde, werde häufiger krank, vor allem im Winter.

In Baden-Württemberg findet zudem ein Fünftel der Eltern, die ihr Kind in die Kita schicken wollen, keinen Platz - das liegt über dem bundesdeutschen Schnitt. 60 000 Fachkräfte fehlen. Die Landesregierung führte deshalb einen "Erprobungsparagrafen" ein, der es Kitas seit Dezember vergangenen Jahres erlaubt, von gesetzlichen Vorgaben wie Mindestpersonalschlüsseln abzuweichen. Bereits seit 2022 können Kita-Gruppen um zwei Kinder vergrößert werden. Mit dem neuen Paragrafen dürfen Kitas nun auch die Anzahl der Fachkräfte verringern, sofern es der zuständige Kommunalverband erlaubt. Den Kitas soll das "Freiraum für Kreativität" geben, schreibt ein Sprecher des Kultusministeriums. "Das ist gerade in Zeiten des Fachkräftemangels enorm wichtig."

Erzieherinnen schippen Schnee im Winter

Erzieherinnen wie Laura Tegethoff vermuten darin eher eine Maßnahme, um den Rechtsanspruch von Eltern auf einen Kita-Platz zu erfüllen, damit sie ihn am Ende nicht einklagen. Doch wenn wenig Fachkräfte viele Kinder betreuen, bleibe frühkindliche Bildung auf der Strecke, sagt Tegethoff. Sie spricht aus Erfahrung: In ihrer alten Kita seien fast nie genug Fachkräfte da gewesen. Jeden Mittwoch standen sie mittags eine Stunde lang zu zweit mit 50 Kindern da. "In der Zeit ging es nur darum, die Kinder möglichst ruhig zu halten und einfach aufzupassen, dass sich niemand verletzt." Sich mal mit einem Kind hinzusetzen und zu lesen - oder ihm auch nur das Schneiden mit der Schere beizubringen -, schaffte Tegethoff genauso wenig wie Elterngespräche.

Stattdessen kehren Erzieherinnen Sand von den Wegen oder schippen Schnee im Winter, weil Hausmeister fehlen. Sie waschen Bettwäsche und wischen Kartoffelbrei von Stühlen, weil die Putzkräfte dafür nicht angestellt sind. Initiativen wie die "Kitastrophe" fordern daher von der Politik, Hilfskräfte stärker für diese Arbeiten anzuwerben anstatt nur für den pädagogischen Dienst. Sie könnte außerdem das Beschäftigungsverbot von qualifizierten Geflüchteten lockern.

Solange das nicht passiert, hilft in der Krise vor allem eine Gruppe aus: Eltern.

Im Treppenhaus der "Neckarpiraten" hängen die Fotos aller Kita-Familien samt ihrer Zuständigkeiten: Eine putzt das Aquarium, die andere macht den Kochplan, die dritte die IT. Das geht, weil die Kita klein und über einen privaten Verein organisiert ist. Um Erzieherinnen in größeren Kitas zu entlasten, fordert die "Kitastrophe", wieder mehr Kinderkrankheitstage einzurichten, die Eltern ausreizen können. Jeweils 15 Tage im Jahr pro Kind stehen ihnen zu, im vergangenen Jahr waren es noch doppelt so viele.

Morgens Mails checken: Hat die Kita auf?

Sadaf Rostamkhani findet das "eine schwierige Sache". Sie hat zwei Töchter, die eine drei, die andere sieben Jahre alt. Eltern geben ihre Kinder nun mal in der Kita ab, um ihren Aufgaben nachzugehen, sagt die Dozentin der Stuttgarter Hochschule der Medien am Telefon. Sie hat selbst "chaotische Zeiten" mitgemacht, darunter wochenlange Notbetreuungen. Im vorvergangenen Winter bat ihre Kita die Eltern, morgens um halb acht die Mails zu checken, ob sie ihr Kind abliefern können. Manchmal kam die Absage eine halbe Stunde vorher, so erzählt es Rostamkhani. "Und dann stehst du da." Dann muss das Kind mit zum Arzttermin oder gar zum Bewerbungsgespräch. Rostamkhani selbst ist flexibel, weil sie zurzeit nur samstags unterrichtet.

Eltern in Vollzeitjobs oder prekären Verhältnissen aber könnten oft nicht umdisponieren und auch schlechter in der Kita aushelfen. Sie kenne eine Mutter, die wegen dauernden Notbetreuungen ihren Job verloren hat. Aus der Krise helfe nur eins: mehr Fachkräfte einstellen.

Die Landesregierung baut dafür pädagogische Bildungsgänge an Schulen aus und setzt auf mehr Werbung. Stuttgart wiederum möchte Ganztagsplätze in der Krippe "bedarfsgerecht" verringern und mehr 30- und 35-Stunden-Plätze anbieten. Tübingen hat das bereits umgesetzt. Tatsächlich bevorzugen laut dem DJI seit der Pandemie immer mehr Eltern von Krippenkindern Halbtagsplätze, vor allem in Westdeutschland.

Doch bis diese Maßnahmen Wirkung zeigen, muss jemand den Laden am Laufen halten. "Ich liebe meinen Beruf", sagt Erzieherin Laura Tegethoff. "Trotzdem bin ich mir heute nicht mehr sicher, ob ich ihn noch einmal wählen würde."

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