Kirche:Viele Menschen finden die Kirchensteuer nicht mehr zeitgemäß

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Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) hat die katholische Kirche im vergangenen Jahr mehr als 6,8 Milliarden Euro Kirchensteuern eingenommen. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa (Foto: dpa)

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München (dpa) - Rund drei Viertel der Menschen in Deutschland finden die Kirchensteuer nicht mehr zeitgemäß. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur hervor. 74 Prozent der Befragten gaben demnach an, dass sie das Einziehen der Kirchensteuer nicht mehr für zeitgemäß halten. Nur 13 Prozent hielten es für zeitgemäß. Weitere 13 Prozent machten keine Angaben oder hatten keine Meinung dazu.

Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) hat die katholische Kirche im vergangenen Jahr - trotz schwindender Mitgliederzahl - mehr als 6,8 Milliarden Euro Kirchensteuern eingenommen. Bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) waren es im selben Jahr mehr als 6,2 Milliarden.

Kirchensteuereinnahmen

Laut einer 2019 veröffentlichten Prognose der beiden großen Kirchen könnten die Kirchensteuereinnahmen wegen steigender Löhne der Steuerzahler auch bis ins Jahr 2060 noch in etwa auf dem Niveau von 13 Milliarden Euro bleiben - allerdings bei deutlich steigenden Ausgaben, die in rund 40 Jahren bei knapp 25 Milliarden liegen könnten.

Die Kaufkraft wird der Voraussage zufolge dann rund 50 Prozent unter der von 2017 liegen. Die Kirchen haben sich darum schon seit einiger Zeit einen Sparkurs verordnet.

Zu schaffen macht beiden großen Kirchen in dem Zusammenhang der massenhafte Verlust von Mitgliedern. Allein 2022 traten mehr als eine halbe Million Menschen aus der katholischen und rund 380.000 aus der evangelischen Kirche aus. Inzwischen ist die Mehrheit der Deutschen nicht mehr Mitglied in einer der großen christlichen Kirchen.

Von den Menschen, die sich in der YouGov-Umfrage als Christen bezeichneten, gaben 43 Prozent an, das Zahlen der Kirchensteuer könne auch sie zum Austritt bewegen.

Der Sprecher der katholischen Reformbewegung "Wir sind Kirche", Christian Weisner, nennt das "höchst alarmierend". "Die Selbstverständlichkeit, einer der beiden großen Kirchen anzugehören, ist schon lange vorbei. Warum soll ich, so fragen sich viele, ein Leben lang für eine Institution zahlen, wenn ich deren Leistungen und Einrichtungen ohnehin nicht in Anspruch nehme, höchstens noch kirchlich beerdigt werden möchte?"

Ländervergleich

Die deutsche Kirchensteuer ist im Ländervergleich ein ziemlicher Sonderfall. Es gibt sie seit dem 19. Jahrhundert, heute beträgt sie acht bis neun Prozent der Lohn- und Einkommensteuer. Dafür, dass das Finanzamt sie einzieht und weiterleitet, bezahlen die Kirchen Gebühren an den Staat. In Bayern wird die Kircheneinkommensteuer durch eigene Kirchensteuerämter festgesetzt und erhoben.

"Die Kirchensteuer finanziert nicht meine Privatvergnügungen, sondern viele Dinge, von denen alle leben", sagte der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, gerade erst beim Sommerempfang seines Erzbistums.

"Das, was wir tun in Schulen, in Einrichtungen, Kindergärten, manches wird refinanziert, aber alles nicht. Millionen. Die Universität in Eichstätt, Hochschulen, ganze Regionen, Hunderte von Millionen fließen in das Gemeinwesen Bayern zum Nutzen aller Menschen, bis in die Frage auch hinein, ob wir schön restaurierte Kirchen in Oberbayern und in Niederbayern haben, sodass Menschen, die hier als Touristen sind, in eine Kirche hineinkommen und sagen: Was ist das schön! Aber ohne Kirchensteuer ginge das nicht. Das soll allen klar sein."

In der YouGov-Umfrage bezeichneten immerhin 61 Prozent aller Befragten die karitativen Aufgaben der Kirche in Kindergärten, Krankenhäusern und der Altenpflege als wichtig oder sogar sehr wichtig.

"Die Kirchensteuer bleibt wichtig, damit all das, was die Kirche tut, auch in den sozialen Bereichen, weiterhin finanziert werden kann", sagt ein EKD-Sprecher.

Gründe, wieso Menschen aus der Kirche austreten

Und auch der Religionspädagoge Ulrich Riegel sieht ohne die Kirchensteuer große Einschnitte: "Sicher ist, dass beide Kirchen vieles an Angeboten ohne die Kirchensteuer nicht mehr aufrecht erhalten könnten. Darunter finden sich auch viele Angebote, die im Sinn der Wohlfahrt sind und von den Menschen akzeptiert werden", sagte er der dpa. "Allerdings zeigt das Beispiel aus Italien, dass die Abschaffung der Kirchensteuer nicht dazu führt, dass es die Kirche danach nicht mehr gibt. Ob es der italienischen Kirchen nun besser geht, ist natürlich eine Frage, die man erst noch stellen müsste."

In Italien sei es üblich, viel mehr für Finanzmittel zu werben, sagte Weisner von "Wir sind Kirche": "Wenn die Kirchen auch in Zukunft noch Gelder für die Finanzierung ihrer vielfältigen und anerkennenswerten Aufgaben erhalten wollen, müssen sie alle Finanzquellen transparent offen legen, echte Mitbestimmung ermöglichen und sehr viel mehr dafür werben."

Die Kirchensteuer liegt auf der Liste der möglichen Austrittsgründe in der YouGov-Umfrage auch nur auf Platz zwei. Fast die Hälfte (49 Prozent) nannte den Skandal um sexuellen Missbrauch als möglichen Grund für einen Kirchenaustritt. 25 Prozent gaben einen schwindenden Glauben und 20 Prozent einen Reformstau als mögliche Austrittsgründe an. Nur 18 Prozent antworteten, es gebe keine Gründe für sie, aus der Kirche auszutreten.

Experten sehen eine Klagewelle kommen

Zuletzt hatten Schadenersatz- und Schmerzensgeldklagen in Köln und Traunstein Schlagzeilen gemacht. Das Kölner Landgericht hatte im Juni einem Missbrauchsbetroffenen 300.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen, auch in Traunstein ist die Klage eines Betroffenen anhängig.

Gerade erst wurde bekannt, dass am Landgericht Köln eine weitere Klage eingegangen ist. Die heute 56 Jahre alte, frühere Pflegetochter eines zu einer langen Haftstrafe verurteilten ehemaligen Priesters verlangt 830.000 Euro als Entschädigung für das ihr zugefügte körperliche und seelische Leid.

Experten sehen eine Klagewelle auf die katholische Kirche zurollen, die die Bistümer finanziell zusätzlich in Bedrängnis bringen könnte.

© dpa-infocom, dpa:230716-99-418189/3

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