Kenan Malik über Multikulturalismus "Es ist notwendig, dass Menschen sich beleidigen"

Rechtspopulistische Kundgebung in Köln: "Gerade weil wir in einer pluralen Gesellschaft leben, brauchen wir die größtmögliche Meinungsfreiheit", sagt Kenan Malik.

(Foto: imago/Future Image)

Wenn Linke die Meinungsfreiheit verraten, dann liegt das an Multikulti-Politik, glaubt Kenan Malik. Der britische Autor über Vielfalt, den Triumph der Identitätspolitik und Mesut Özil.

Interview von Sebastian Gierke

Kultur, Identität, Religion, Migration: Das sind Themen, über die in vielen Ländern gerade heftig gestritten wird. Und das sind die Themen, über die der Publizist Kenan Malik bereits seit Jahrzehnten nachdenkt und forscht. Malik wurde 1960 in Indien geboren, wuchs in Manchester auf. Er hat Neurobiologie, Geschichte und Wissenschaftsphilosophie in London studiert, lehrte in Oxford und Cambridge.

SZ: Ein deutscher Nationalspieler tritt aus der Nationalmannschaft zurück. Wegen Rassismus. Im Jahr 2018. Eine Bankrotterklärung für Deutschland?

Kenan Malik: Ob Rassismus im Spiel war oder nicht bei der Art und Weise, wie der DFB ihn behandelt hat, ist unmöglich zu sagen. Rassismus wird heute viel zu leicht zu einer Anklage. Und Özil war sehr naiv bei seinem Treffen mit Erdoğan. Trotzdem, die Kritik an ihm ist völlig übertrieben. Er ist Fußballer, kein Politiker.

Özil sagt, die DFB-Verantwortlichen hätten ihn als Deutschen behandelt, solange das Team gewonnen hat - und als Immigranten, als es verlor.

Das klingt für mich glaubhaft. Auch in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang: Die Beziehungen zwischen der deutschen Gesellschaft und der türkischen Minderheit waren und sind ein Problem. Diese Probleme gibt es überall in Europa. Die ersten schwarzen Fußballer spielten ab Ende der 1970er Jahre für das englische Nationalteam. Viele Fußballfans weigerten sich, sie als Engländer zu akzeptieren. Einige meinten sogar, die Tore der schwarzen Spieler seien keine echten Tore. Menschen akzeptieren Minderheiten in guten Zeiten, aber nicht unbedingt in schlechten.

Wer richtig argumentiert, lässt Populisten keine Chance

Miteinander diskutieren, so richtig, das wird immer seltener. Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn erklärt, warum er trotzdem optimistisch ist, wie wir wieder Lust an Komplexität bekommen - und was Claudia Roth damit zu tun hat. Interview von Sebastian Gierke mehr ...

Warum?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Das ist oft auch das Problem: zu glauben, es gäbe einfache Antworten. Wir müssen über Multikulturalismus sprechen. Der Begriff hat verschiedene Bedeutungen angenommen. Multikulturalismus steht für die Vielfalt, die wir jeden Tag in unseren Gesellschaften erleben. Er steht aber auch für den politischen Prozess, mit dem Staaten versuchen, diese Vielfalt zu managen. Und oft untergräbt der politische Prozess das, was gut ist an der erlebten Vielfalt.

Das müssen Sie genauer erklären.

In einer kosmopolitischen Gesellschaft zu leben, ist absolut zu begrüßen. Solche Gesellschaften stehen für kulturelle Vielfalt, für Aufgeschlossenheit, für offene Grenzen, egal ob es dabei um physische, kulturelle oder ethnische Grenzen geht. Multikulturalismus als politischer Prozess ist etwas völlig anderes. Da wird Vielfalt gemanagt, Menschen werden in ethnische, kulturelle oder religiöse Schubladen gesteckt. Dieser Multikulturalismus steht nicht für Aufgeschlossenheit, sondern schafft neue Grenzen.

Kenan Maliks Buch "Das Unbehagen in den Kulturen. Eine Kritik des Multikulturalismus und seiner Gegner " ist auf deutsch 2017 bei Novo Argumente erschienen.

(Foto: oh)

Multikulturalismus heißt also nicht: Jeder kann leben, so wie er es möchte, solange er dabei die Gesetze und seine Mitbürger achtet? Eine Art kategorischer Imperativ des Zusammenlebens?

Nein. Wir müssen Vielfalt und Multikulturalismus trennen. Vielfalt ist das Rohmaterial für eine offene, dynamische Gesellschaft. Es ist extrem problematisch, Vielfalt und das politische Management des Multikulturalismus gleichzusetzen. Einerseits erlaubt erst das es vielen Menschen, Zuwanderung für die Fehler der Sozialpolitik verantwortlich zu machen und Minderheiten zum Problem zu erklären. Und auf der anderen Seite treibt es viele traditionelle Liberale und Linke dazu, klassische Ideen der Aufklärung aufzugeben.

Welche Ideen meinen Sie?

Die Idee der Freiheit zum Beispiel, insbesondere die Meinungsfreiheit. Oft heißt es: Im Namen der Verteidigung von Vielfalt darf nicht mehr alles gesagt werden.

Sie meinen zum Beispiel die Frage: Dürfen Religionen kritisiert werden?

Heute machen sich viele Sorgen wegen des Zusammenpralls des Westens und des Islams. Sie fürchten, dass muslimische Werte mit westlichen Werten unvereinbar sind. Es wird angenommen, dass diese Ängste neu sind. Aber es gab in Europa schon immer gewaltige religiöse Konflikte. In Nordeuropa wurden Katholiken bis vor gar nicht so langer Zeit genauso betrachtet, wie Muslime heute betrachtet werden. Sie wurden als der innere Feind gesehen, als unvereinbar mit europäischer Kultur. Juden wurden noch viel stärker als eine Bedrohung für europäische Identität und Werte wahrgenommen, am Ende wurden sie Opfer im größten Völkermord der Geschichte.

Konflikt und Konfrontation. Ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Jeder soll immer alles sagen dürfen?

Mittlerweile wird akzeptiert, dass die Meinungsfreiheit im Namen von Toleranz oder Respekt beschnitten wird - weil sonst Minderheiten verletzt werden könnten. Ich bin da ganz anderer Meinung. Gerade weil wir in einer pluralen Gesellschaft leben, brauchen wir die größtmögliche Meinungsfreiheit. Es ist unvermeidlich und notwendig, dass Menschen sich beleidigen. Jeder soziale Fortschritt oder Wandel passiert, indem Einstellungen angegriffen werden, die für den Einzelnen oder eine bestimmte Gruppe wichtig sind.

Es gibt doch Dinge, die man nicht sagen kann.

'Das kannst du nicht sagen', dieser Satz ist viel zu oft die Antwort von denen, die die Macht haben, wenn jemand ihre Macht herausgefordert hat. Zu akzeptieren, dass man bestimmte Dinge nicht sagen darf, bedeutet zu akzeptieren, dass bestimmte Formen der Macht nicht herausgefordert werden können.

Warum auch rechte Bewegungen zur Zivilgesellschaft gehören

Engagierte Bürgerinnen und Bürger gelten vielen als Mittel gegen Rassismus und Nationalismus. Aber so einfach ist es nicht, sagt Edgar Grande vom neuen Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung. Interview von Markus C. Schulte von Drach mehr ...

Aber kann es unter den aktuellen Voraussetzungen einen fairen Wettstreit der Ideen geben? Minderheiten leiden unter strukturellen Nachteilen. Sie haben nicht die gleiche Macht, die gleichen Ressourcen wie die Mehrheit, werden diskriminiert. Es gibt keine Waffengleichheit.

Es gibt keine wichtigere Waffe für Minderheiten als die Meinungsfreiheit. Es war immer so, dass die Wettbewerbsbedingungen nicht fair waren. Aber fragen Sie sich: Wer profitiert am meisten von Zensur? Es sind die, die die Macht haben und glauben, sie müssten zensieren, was die Leute sagen. Und wer profitiert am meisten von Meinungsfreiheit? Die, deren Ideen Gehör finden müssen, die andere überzeugen müssen.

Noch mal: Gibt es nicht einen Punkt, an dem man sagen muss: genug. Das ist keine Meinung mehr, das ist Hass.

Diejenigen, die für Meinungsfreiheit sind, müssen Bigotterie jedes Mal entgegentreten, wenn sie zum Vorschein kommt. Aber: Wenn man abscheuliche, hasserfüllte Ideen verbietet, gehen die dann weg? Nein! Sie verbreiten sich im Verborgenen weiter. Es ist besser, wenn diese Ideen sichtbar sind, dann kann man sie attackieren. Zensur absorbiert unsere Verantwortung, Hass und Zorn entgegenzutreten.

Die AfD in Deutschland macht Politik, indem sie die Grenze des Sagbaren immer weiter nach rechts verschiebt.

Deutschland und Frankreich haben mit die stärksten Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Europa. Das hat die extreme Rechte nicht gestoppt. Ein Grund, warum die AfD so groß geworden ist: Mainstream-Politiker plappern deren Argumente nach, Argumente, die sich oft um Immigration oder den Islam drehen. So verleihen sie ihnen Legitimität. Das muss sich ändern.

Nach Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft haben viele Menschen unter dem Hashtag #MeTwo erzählt, wie sie in Deutschland rassistisch diskriminiert werden. Da kam die Forderung auf: Biodeutsche, sagt einfach mal nichts, hört zu, was in eurem Land passiert. Und lernt endlich daraus. Das ist doch richtig.

Ich habe diese Debatte nicht verfolgt. Grundsätzlich scheint es mir aber so: Das Letzte, was man tun sollte, ist zu den Deutschen, den Franzosen oder den Briten zu sagen: 'Sag nichts, hör einfach zu.' Natürlich ist nicht alles, was Nichtmigranten sagen, rassistisch und sollte als oft wichtiger Beitrag gehört werden. Wir können nur dann debattieren, wenn wir rassistische Vorstellungen als solche benennen und widerlegen. Das geht aber nicht, wenn diese Vorstellungen gar nicht geäußert werden.