Katholische Kirche:"Die Toten sollen ruhen, die Wahrheit aber muss ans Licht"

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Katholische Kirche: Bischof Felix Genn nach der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster.

Bischof Felix Genn nach der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Vier Tage nach der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens räumt der Münsteraner Bischof Felix Genn eigene Fehler ein. Zurücktreten will er nicht, aber Macht abgeben.

Von Annette Zoch

Als Reaktion auf das Missbrauchsgutachten für sein Bistum will der Münsteraner Bischof Felix Genn die Einführung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit auf diözesaner Ebene prüfen lassen. Eine solche Verwaltungsgerichtsbarkeit wird für ganz Deutschland schon seit Langem gefordert, ein entsprechender Vorschlag der Deutschen Bischofskonferenz liegt seit Jahren in Rom.

Mit einer kirchlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit könnte das Handeln bischöflicher Stellen einer rechtlichen Überprüfung unterzogen werden. Solche Gerichte könnten gerade bei Missbrauchsfällen kirchliche Verwaltungsakte durchschaubarer, transparenter und rechtlich überprüfbar machen, sagte Genn am Freitag. Bislang kommen Missbrauchsbetroffene in kirchenrechtlichen Verfahren nicht vor, nicht mal als Zeugen.

Zudem will Genn die Bistumsgremien neu ordnen und Macht abgeben. "Obwohl kirchenrechtlich die Letztverantwortung in vielen Fragen beim Bischof bleiben wird, bin ich bereit, mich im Rahmen einer Selbstverpflichtung an die Entscheidungen diözesaner Gremien zu binden und das auch verbindlich festzuschreiben", sagte Genn. Personalentscheidungen würden künftig "transparenter, nachvollziehbarer und partizipativer getroffen". Die Personalkonferenz werde "geschlechtergerecht" aufgestellt, um "männerbündischen Strukturen" entgegenzuwirken.

Genn selbst räumte ein, als Bischof Fehler im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs gemacht zu haben, sowohl in seiner Zeit als Bischof von Essen zwischen 2003 und 2009, als auch in Münster. "Insbesondere war ich in den Anfangsjahren als Bischof von Münster bei manchen Auflagen, die ich Beschuldigten gemacht habe, zu milde und habe nicht hart genug durchgegriffen", sagte Genn. In einzelnen Fällen seien die Auflagen zudem nicht hinreichend kontrolliert worden. Auch habe er Pfarreien nicht rechtzeitig oder hinreichend über Missbrauchstäter informiert, die bei ihnen als Priester eingesetzt worden seien.

Konkret sprach Genn auch den verurteilten Missbrauchstäter Peter H. an, der 1980 von Essen ins Erzbistum München und Freising versetzt worden war und in München erneut übergriffig wurde. Ihm wurde erst 2010 der priesterliche Dienst untersagt. "In diesem Fall habe ich mich auf das verlassen, was die Verantwortlichen in München mir zugesagt haben. Das war rückblickend ein Fehler", sagte Genn. H. war erst Anfang der Woche vom Apostolischen Stuhl aus dem Klerikerstand entlassen worden. Einen Rücktritt lehnte Genn ab, er wolle stattdessen seine verbleibenden Bischofsjahre nutzen, Maßnahmen gegen sexuellen Missbrauch zu ergreifen.

Die Gruft mit den Bischofsgräbern ist derzeit geschlossen

Um Kontrollen zu verstärken, werde zum Beispiel ab kommendem Jahr jedem Täter und Beschuldigten ein sogenannter Fallmanager zugewiesen, kündigte der Bischof an. Diese Person solle unter anderem regelmäßig überprüfen, ob Auflagen eingehalten werden. Am Freitag startete das Bistum auch ein neues Internetportal, über das Betroffene sexuellen Missbrauchs oder Zeugen möglicher Fälle sich anonym melden können. "Jede Meldung eines möglichen sexuellen Missbrauchs wird der Staatsanwaltschaft Münster übergeben", sagte Genn.

Ein unabhängiges Gutachten von Historikern der Universität Münster hatte am Montag mindestens 610 Missbrauchsopfer im Bistum Münster zwischen 1945 und 2020 genannt. Die Kinder und Jugendlichen seien mehrheitlich zwischen zehn und 14 Jahre alt gewesen, ein Viertel von ihnen Mädchen, erklärte das fünfköpfige Wissenschaftsteam. Die Studie geht von etwa 196 beschuldigten Klerikern aus. Die Dunkelziffer liege wahrscheinlich bis zu fünfmal höher, hieß es.

Seit Montag war auch die Bischofsgruft im St.-Paulus-Dom mit den Gräbern der im Gutachten schwer belasteten Bischöfe Reinhard Lettmann, Heinrich Tenhumberg und Michael Keller geschlossen. Das Bistum will in unmittelbarer Nähe der Gräber an die Verfehlungen der Bischöfe erinnern. Hierzu will sich das Bistum noch mit Missbrauchsbetroffenen verständigen. Bis eine passende Form gefunden sei, solle die Gruft geschlossen bleiben, so Bischof Genn: "Die Toten sollen ruhen, die Wahrheit aber muss ans Licht."

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