Katholische Kirche:Missbrauchsstudie belegt Versagen von Bischöfen

Lesezeit: 2 min

Katholische Kirche: Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster

Die Historiker Thomas Großbölting (3. v. r.) und Klaus Große Kracht (2. v. r.), sprechen bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Von 1945 bis 2020 sind einer Studie zufolge 610 Minderjährige im Bistum Münster Opfer von Missbrauch geworden. Auch, weil Bischöfe die Taten vertuscht haben.

Von Leopold Zaak

610 Betroffene, 196 beschuldigte Kleriker, etwa 5100 Missbrauchsfälle: Das sind die Zahlen aus der Studie zum Missbrauch im Bistum Münster. "Das wird die Katholikinnen und Katholiken noch lange beschäftigen", sagte Klaus Große Kracht, einer der Autoren der Studie. Am Montag hat die Gruppe von vier Historikern und einer Ethnologin die Ergebnisse der Studie präsentiert und sie an die Opfer sowie an Felix Genn, den Bischof von Münster übergeben.

Die Studie umfasst den Zeitraum von 1945 bis 2020 und untersucht nur das Hellfeld: Sie stützt sich also auf empirisch nachweisbare Fälle, die sich entweder durch Dokumente im bischöflichen Archiv oder Aussagen von Betroffenen nachweisen lassen. Die Autoren der Studie vermuten, dass das Dunkelfeld bei den Betroffenen bis zu zehn Mal höher sei. Demnach wären es 5000 bis 6000 Opfer.

Die 196 beschuldigten Kleriker machen der Studie zufolge vier Prozent aller Priester aus, die im Zeitraum von 1945 bis 2020 im Amt waren. Damit liegt die Zahl der Beschuldigten um ein Drittel höher als in der 2018 vorgestellten MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz. Angesichts dieser Zahlen widersprach der Historiker Thomas Großbölting der Schilderung des 2008 verstorbenen Bischofs Reinhard Lettmann, der von Einzelfällen gesprochen hatte. Großbölting sagte, der Missbrauch habe im Bistum Münster flächendeckend stattgefunden und sei vertuscht worden, um die Institution der Kirche zu schützen.

Die neue Studie gibt aber neben den Dimensionen des Missbrauchs im Bistum Münster auch Einblicke in die Strukturen der Kirche sowie in das Verhalten der Verantwortlichen.

Vorwürfe auch gegen heutige Bischöfe von Münster und Essen

Die Studie belegt, dass ehemalige und heute noch aktive Kirchenverantwortliche im Umgang mit Missbrauchsfällen versagt hätten. Im Zeitraum von 1945 bis 2008 hätten demnach Bischöfe auch bereits verurteilte Geistliche immer wieder in der Seelsorge eingesetzt und damit weitere Taten ermöglicht. Ein Vorwurf in einem Fall trifft auch den heutigen Essener Bischof Franz-Josef-Overbeck, der früher Weihbischof in Münster war. Overbeck habe 2009 entschieden, den Fall eines beschuldigten Mitarbeiters im Offizialat nicht der Missbrauchskommission vorzulegen.

Aber auch Felix Genn, der aktuelle Bischof von Münster wird durch die Studie belastet. Zu Beginn seiner Amtszeit sei der Bischof Tätern kirchenrechtlich nicht immer mit der gebotenen Strenge begegnet und habe sie zum Beispiel nicht in Rom gemeldet. Genn habe eingeräumt, gegenüber Beschuldigten "zu sehr als Seelsorger und zu wenig als Dienstvorgesetzter gehandelt zu haben".

Die Studie kommt auch zu dem Ergebnis, dass neben dem Verhalten von Priestern und Bischöfen auch die katholische Kirche in ihrer Struktur mitverantwortlich für den Missbrauch sei. Die katholische Sexualmoral schaffe ein Klima, das Taten begünstige und es oft minderjährigen Opfern schwer mache, über die Taten zu sprechen.

Schon im Dezember 2020 hatte die Historikergruppe Zwischenergebnisse aus ihrer Studie veröffentlicht. Damals sprach sie von etwa 300 Opfern - meist Jungen, die im Durchschnitt elf Jahre alt waren, als sie das erste Mal sexuelle Gewalt erfuhren - und etwa 200 beschuldigten Priestern und Diakonen.

Zur SZ-Startseite

Katholische Kirche
:"Sie kommen aus der Hölle"

Geschätzt 216 000 Kinder und Jugendliche sind in Frankreich seit den Fünfzigerjahren von Priestern und Ordensleuten missbraucht worden. Das ist das Ergebnis einer Studie, die in der französischen Kirche wie eine Bombe einschlug.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB