Katholische Kirche:"Wir könnten schon viel weiter sein"

Katholische Kirche: "Für die Verzögerung liegt die Verantwortung klar auf der Seite Roms", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, am Montag in Augsburg.

"Für die Verzögerung liegt die Verantwortung klar auf der Seite Roms", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, am Montag in Augsburg.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Zum Auftakt der Vollversammlung der deutschen Bischöfe sorgt ein Brandbrief aus Rom für Aufregung. Ist der Reformprozess in Gefahr? Der Vorsitzende Bätzing kontert.

Von Annette Zoch

Nach Jahren der Selbstbeschäftigung wollten sich die deutschen katholischen Bischöfe bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Augsburg endlich vertieft mit gesellschaftlichen Fragen befassen: dem Zustand der Demokratie und den anstehenden Wahlen in Ostdeutschland, beispielsweise. Oder mit der Friedensethik angesichts des zwei Jahre währenden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.

Doch den Vatikan treibt ein ganz anderes Thema um, nämlich der deutsche Kirchenreform-Prozess. Bereits im vergangenen November hatte sich in Essen der sogenannte Synodale Ausschuss konstituiert, ein Gremium von Bischöfen und Laien, das aus der vierjährigen Reformdebatte hervorgegangen war und das wiederum ein auf Dauer angelegtes Beratungsgremium erarbeiten soll. Auf der Frühjahrsvollversammlung in Augsburg sollte über die Satzung des Ausschusses abgestimmt werden.

Aus Rom kam ein "Basta!" per Brief

Doch diese Abstimmung hatte Rom am Wochenende per brieflichem "Basta!" verboten. Ein Synodaler Ausschuss sei vom geltenden Kirchenrecht nicht vorgesehen und daher wäre ein diesbezüglicher Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz ungültig, schreiben die Unterzeichner, der Chef der römischen Glaubensbehörde, der Chef der Bischofsbehörde und der Kardinalstaatssekretär. Der Papst unterstütze das Schreiben ausdrücklich. Also ließ Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, den Tagesordnungspunkt streichen.

"Im Respekt vor den römischen Verantwortlichen" habe er der Bitte entsprochen, sagte Bätzing am Montag in Augsburg. "Wir werden die Zeit jetzt nutzen, um über die Einwände zu diskutieren." Er sei aber verwundert über den Zeitpunkt unmittelbar vor der Vollversammlung. "Ich muss sagen, dass wir teilweise monatelang bis ein halbes Jahr auf die Festlegung von Terminen warten", sagte Bätzing. "Ich sage das hier ehrlich: Wir könnten schon viel weiter sein, die Gespräche könnten längst geführt sein, und für die Verzögerung liegt die Verantwortung klar auf der Seite Roms."

Die Hauptsorge des Vatikans sei die Autorität des Bischofsamts, so Bätzing, doch: "Diese Autorität ist angezählt durch den Missbrauch. Das betrifft auch die Autorität des Papstes." Deshalb müsse sie auf einen neuen Boden gestellt werden, deshalb seien Reformen wichtig. Dass sexueller Missbrauch "systemische Gründe" habe, sei "in der Weltkirche noch ein Lernprozess", sagte die Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz, Beate Gilles.

Hat man im Vatikan Angst?

Irritiert über den Brief äußerte sich auch die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp: "Wir erwarten von Rom, dass es das gute Miteinander der deutschen Bischöfe mit der Vertretung der Laien nicht unterminiert, sondern wertschätzt und als Ressource wahrnimmt", sagte sie. "Die katholische Kirche in Deutschland hat keine zweite Chance, wenn sie jetzt den Synodalen Weg stoppt."

Der Münsteraner Kirchenrechtsprofessor Thomas Schüller ist selbst Mitglied im Synodalen Ausschuss. "Rom hat Angst vor etwas, was überhaupt keine rechtliche Verbindlichkeit hat, das ist schon bemerkenswert", sagte er der Süddeutschen Zeitung. "Aber auch ohne Rechtsverbindlichkeit kann ein guter Gedanke wie ein Lauffeuer durch die Welt gehen. Das ist es, wovor Rom wirklich Angst hat."

Der Reformprozess sei theologisch gut unterfüttert, Rom könne dem nichts entgegensetzen. "Am Ende des Synodalen Ausschusses stünde ein Gremium, was die Bischöfe in ihrer Amtsgewalt einhegt, und das wird nun mit reiner Autoritätsgewalt zu Ende gebracht." Ohnehin lasse Papst Franziskus Willkür walten, so Schüller: Für das Amazonasgebiet habe er ein Statut genehmigt, bei dem Bischöfe gleichberechtigt stimmberechtigt seien.

Schüller hofft auf ein drittes Konzil, das vielleicht aus der Weltsynode hervorgehen könne: "Das Erste und Zweite Vatikanische Konzil haben den Leitungsprimat des Papstes und der Bischöfe festgelegt, und da kommen wir nun nicht mehr raus", sagt Schüller. "Das ist ja kein urkirchliches Prinzip, sondern eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, und darauf liegt einfach kein Segen."

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