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Geschichte von Katalonien:Blind vor lauter Liebe

Demonstranten in Barcelona schwingen die Estelada, die Fahne Kataloniens, garniert mit einem Revolutionsstern aus Kuba.

(Foto: Francisco Seco/AP)

Seit Jahrhunderten fühlen sich die wirtschaftlich erfolgreichen Katalanen in Spanien benachteiligt. Über die Wurzeln eines uralten Konflikts.

Der Platz der katalanischen Herrlichkeit ist ein wenig herrlicher Ort. Der Städteplaner Ildefons Cerdà hatte die Plaça de les Glòries Catalanes als Mittelpunkt Barcelonas gedacht, als er im 19. Jahrhunderts jene visionäre, schachbrettartige Neustadt namens Eixample ("Erweiterung") anlegte, in der sich heute das Geschäftsleben abspielt. Doch geworden ist aus dem Platz der Herrlichkeit ein ödes Betongeflecht aus Rampen, Überführungen und Parkplätzen, die einen kleinen, zu Recht wenig besuchten Park mit mediterranen Pflanzen einfrieden.

In der Tat liegen die letzten Ereignisse katalanischer Glorie eine Zeit lang zurück. Die im Nordosten Spaniens gelegene Region war letztmals im Mittelalter eine Großmacht. In Union mit der aragonesischen Krone beherrschten die Katalanen im 13. und 14. Jahrhundert ein mediterranes Reich, das vom Roussillon über Mallorca, Sardinien und Sizilien bis nach Griechenland reichte, wo sie die Kolonie Neopàtria gründeten. Sie trieben Handel und bauten hübsche romanische Kirchen, die heute noch das Hinterland der Costa Brava schmücken, während der Rest Spaniens noch mit Kriegführen gegen die Mauren im Süden der Halbinsel beschäftigt war.

Im Konflikt mit Madrid zogen die merkantil veranlagten Katalanen oft den Kürzeren

1469, als die spanische Reconquista fast abgeschlossen war, vermählte sich Isabella von Kastilien mit Ferdinand von Aragon. Die Heirat legte den Grundstein für das heutige Spanien - aus kastilischer Sicht ein glorioses Datum, aus katalanischer der Beginn einer Geschichte der Demütigung und Unterdrückung. Diese wird von einem erheblichen Teil der Katalanen als derart schmerzhaft empfunden, dass sie zugunsten einer Unabhängigkeit vom ungeliebten Spanien ohne großes Nachdenken EU-Mitgliedschaft, Euro und ihre Rolle als Wirtschaftsstandort internationaler Konzerne aufs Spiel setzen würden.

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Zwar behielt Katalonien nach der Zwangsvermählung mit dem strengen Kastilien zunächst seine Corts, eine Art ständisches Parlament. Doch Madrid beäugte die Selbstbestimmung mit Argwohn. Barcelona wurde vom lukrativen Amerikahandel ausgeschlossen, die Stadt durfte sich nicht ausbreiten, weshalb sie wie ein Ghetto in die Höhe wuchs. Die Altstadt ist heute einer der am dichtesten besiedelten Flecken Europas.

In den häufigen Auseinandersetzungen mit Madrid zogen die eher merkantil als kriegerisch veranlagten Katalanen stets den Kürzeren: vom Aufstand der Segadors, der Schnitter, gegen Madrider Zentralisierungswünsche im Jahr 1640 bis zum Einmarsch der Truppen des faschistischen Generals Francisco Franco am Ende des Bürgerkriegs 1939. Als traumatischstes Ereignis aber wird der 11. September empfunden, nicht der von 2001 freilich, sondern der von 1714.

Katalonien hatte sich im Spanischen Erbfolgekrieg auf die falsche Seite geschlagen, die der Habsburger. Als in Madrid ein Bourbone den Thron bestieg, nahm der furchtbare Rache. Er ließ Barcelona 15 Monate lang belagern, bis Zehntausende Soldaten in die Breschen stürmten, die die Artillerie in die Mauern gerissen hatte. Kraft und Vorräte der Verteidiger waren aufgezehrt. Die Truppen Philipps V. nahmen die katalanische Hauptstadt im Sturm.

Noch einmal hisste Stadtkommandant Rafael Casanova i Comes die Flagge der Heiligen Eulalia, der Schutzpatronin der Stadt - da zerriss ihm eine bourbonische Kugel den Oberschenkel. Er stürzte, und mit ihm die katalanische Eigenständigkeit. Die Sprache wurde verboten, die Selbstverwaltung beendet, die Ernte zerstört, ein Teil Barcelonas niedergerissen und stattdessen eine Zitadelle gebaut, sie stand dort, wo sich heute der Parc de la Ciutadella ausbreitet.

Der katalanische Schriftsteller Albert Sánchez Piñol hat die Ereignisse des Sturms auf Barcelona erst kürzlich in seinem Historienroman "Victus" ("besiegt") schwülstig beschrieben, der Schinken mit dem deutschen Titel "Der Untergang Barcelonas" wurde 2012 das Buch zum neuen Unabhängigkeitstraum. Es ist ein weiterer Beweis, dass niemand Niederlagen und Demütigungen so lustvoll zelebrieren kann wie die Katalanen. Außerhalb der Region - und vor allem in Madrid - wird die Lust am Schmerz gerne als Ausdruck des "Victimismus" gesehen, einer Haltung, sich immer als Opfer darzustellen - und daraus den Anspruch auf Sonderrechte abzuleiten.

In der Tat haben sich die Katalanen mit dieser Methode einiges erkämpft: ein weitreichendes Autonomiestatut, die absolute Dominanz der katalanischen Sprache im öffentlichen Leben, ihre eigene Polizeieinheit; sie haben ihre Bücher, ihren FC Barcelona, ihre synchronisierten Filme, ihre Gedenktage, ihr Gefühl nationaler Identität.

Für die Außendarstellung gibt die Regierung in Barcelona Millionen aus, es gibt zahlreiche katalanische Auslandsvertretungen, natürlich auch in Brüssel und Berlin. Was ihnen fehlt, ist Finanzhoheit, ein erheblicher Streitpunkt, denn die Katalanen zahlen mehr in die spanische Kasse, als sie herausbekommen. Madrid blieb in dieser Frage so stur, dass sich die Meinung in Katalonien verfestigte, nur mit Unabhängigkeit sei die Kontrolle über den eigenen Etat zu erreichen.

Der Anspruch auf einen Staat fußt auf einer langen Geschichte. Katalonien entstand im 8. und 9. Jahrhundert in den Pyrenäen aus den Resten des Reiches der Westgoten. Angeblich war die Keimzelle das Pyrenäenstädtchen Ripoll, am Fuße eines Gebirgsmassivs, in dem das Hochtal Nuria liegt. Nuria und das dortige Kloster sind wichtige Symbolorte, in dem Heiligtum entstand 1931 auch das erste Autonomiestatut - Eigenständigkeit besitzt für viele Katalanen eine quasireligiöse Dimension.

Mag sein, dass diese in der Zeit weitgehender Isolierung entstand. Die Westgoten hatten die iberische Halbinsel nach Ende der Römerzeit beherrscht, bis sie nach 711 von den Arabern, später Mauren genannt, hinweggefegt wurden. Diese kontrollierten aber nie wirklich den äußersten Nordosten, weshalb sich die katalanische Kultur aus den Pyrenäen heraus ungestört entwickeln konnte. Das Gebirge verlieh Identität. Nicht umsonst gab 1902 der Komponist Felip Pedrell seiner katalanischen National-Oper den Titel "Els Pirineus".

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Eine Eskalation wie jetzt um Katalonien gab es in Spanien zuletzt vor dem Bürgerkrieg in den 1930er Jahren. Allerdings dürfte in der Region früher oder später Ernüchterung eintreten.

Der Name Katalonien leitet sich möglicherweise ab aus Gotholandia, Land der Goten, wo die Sprache Català gesprochen wird, weshalb man auf Deutsch "Katalanisch" sagt und nicht "Katalonisch". Andere vermuten den Ursprung in altiberischen oder maurischen Wörtern. Català entwickelte sich aus dem Spätlatein und ist eine eigenständige Sprache in der romanischen Familie. Literarische Zeugnisse sind spätestens seit dem 11. Jahrhundert belegt. Es steht grammatikalisch dem Französischen etwas näher als dem Spanischen - das eigentlich die Sprache Kastiliens ist und deshalb Castellano heißt. Für fremde Ohren hat Katalanisch einen harten, konsonantischen Klang.

Nach Francos Sieg zogen falangistische Schlägertrupps durch Barcelona und bedrohten die Passanten: "Bell nicht, katalanischer Hund, sprich christlich!", also Kastilisch. Solche Demütigungen sind unvergessen und unverziehen.