Missbrauch in der Katholischen Kirche:"Im Namen der Diözese" bittet Marx um Entschuldigung

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Missbrauch in der Katholischen Kirche: Im Gutachten zum Missbrauch von Minderjährigen durch katholische Priester werden auch Kardinal Marx persönlich Fehler im Umgang mit zwei Fällen vorgeworfen. (Archivbild)

Im Gutachten zum Missbrauch von Minderjährigen durch katholische Priester werden auch Kardinal Marx persönlich Fehler im Umgang mit zwei Fällen vorgeworfen. (Archivbild)

(Foto: Lennart Preiss/dpa)

Was den Opfern sexuellen Missbrauchs durch Kirchenpersonal widerfuhr, habe ihn "erschüttert" und seine Wahrnehmung der Kirche verändert, sagt Kardinal Marx. Eine weitere Erklärung soll folgen.

Von Carim Soliman

Es ist womöglich die vielsagendste Pressekonferenz in diesem Fall, weil auf ihr besonders wenig gesagt wird. Eigentlich ist es nicht einmal eine Pressekonferenz. Das Erzbistum München und Freising lädt am Donnerstagnachmittag zu einem "Pressestatement", - Nachfragen ausdrücklich nicht vorgesehen. Lediglich das Wetter setzt die Vorgänge im Inneren der Münchner Karmelitenkirche gebührend in Szene, in eine biblische. Es hagelt und donnert, ein Wintersturm geht nieder, bevor Kardinal Reinhard Marx ans Mikrofon tritt, um die Ergebnisse des lange erwarteten Gutachtens der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl zu kommentieren.

Die Gutachterinnen und Gutachter hatten ihre Ergebnisse bereits am Vormittag vorgestellt. 1000 Seiten, die den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen im Erzbistum München und Freising nicht nur dokumentieren. Angesichts der Fakten wolle man keine Grunderkenntnisse mehr gewinnen, sagte Gutachterin Marion Westpfahl. Vielmehr werfe die Studie ein Licht auf die Kultur der Vertuschung und des Wegschauens. Leitende Verantwortliche haben demnach jahrzehntelang den Schutz der Kirche über das Leid der Opfer gestellt. Es gehe "auch und insbesondere um individuelle Schuld", sagt Westpfahl. Ein Konzept, mit dem katholische Geistliche bestens vertraut sein müssten. Doch es liegt offenbar ein himmelweiter Unterschied zwischen Theologie und Praxis. Kardinal Marx war ausdrücklich zu der Pressekonferenz der Kanzlei, einer richtigen Pressekonferenz, eingeladen. Er lehnte jedoch ab, zugunsten des separaten Statements in der Karmeliterkirche.

Man wolle die Ergebnisse erst einmal gründlich lesen und analysieren, mit diesen Worten begründet ein Pressesprecher der Diözese die Stellungnahme im kleineren Rahmen, bevor Marx das Wort ergreift. In einer Woche wolle man sich in einer weiteren Pressekonferenz den Fragen der Öffentlichkeit stellen. In sich gehen, beraten, nach vorne schauen - auch Kardinal Marx hält sich in seiner kurzen Rede an diese Marschroute. Sein erster Gedanke gelte den Opfern sexuellen Missbrauchs durch Kirchenpersonal. Was ihnen widerfuhr, habe ihn "erschüttert" und seine Wahrnehmung der Kirche verändert. Die Bekundungen des Mitgefühls und der Fassungslosigkeit werden zwischendurch immer wieder durch ein leises Schniefen unterbrochen, der anscheinend kränkelnde Marx wischt sich mit einem Stofftaschentuch die Nase. Nun müsse die Erzdiözese die Ergebnisse des Gutachtens auswerten, um nach 2010 weitere Veränderungen in der Kirche zu beraten und umzusetzen.

Damals, vor elf Jahren, war ein erstes Gutachten zu Missbrauchsfällen fertiggestellt worden. Doch im Gegensatz zum neuen Bericht gelangte es nie an die Öffentlichkeit, angeblich aus Datenschutzgründen. Bis heute liegt er in einem Tresor im Münchner Ordinariat. Mit Ausnahme der Autorinnen und Autoren kennen lediglich Kardinal Marx und sein engster Kreis in der Erzdiözese den Inhalt. Ebenso weiß nur dieser kleine Personenkreis, ob und inwiefern der Bericht zu Veränderungen geführt hat, auf denen sich durch den zweiten Bericht nun aufbauen ließe. Dieser zeichnet jedenfalls ein gänzlich anderes Bild vom vermeintlichen Sinneswandel der katholischen Kirche in München und des ihr vorstehenden Erzbischofs. Marx habe die Verantwortung für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle an das Generalvikariat abgegeben. Als Erzbischof habe er sich lediglich für geistliche Belange verantwortlich gefühlt. Wie bereits unter seinen Vorgängern, darunter Kardinal Joseph Ratzinger, inzwischen als Benedikt XVI. emeritierter Papst, sei das Problem unter Marx lange nicht Chefsache gewesen. Erst 2018, acht Jahre nach der Fertigstellung des ersten Gutachtens, habe sich seine Einstellung geändert.

Weitere vier Jahre später spricht Kardinal Marx von nicht weniger als einer "Erneuerung der Kirche" und schließt damit seine Stellungnahme in der Karmelitenkirche ab. Gemeinsam müsse man Reformen erarbeiten und sich schädlicher Machtstrukturen annehmen. Er bezieht sich stets auf Gruppen: Die Kirche, die Diözese, das Generalvikariat müssten handeln. Was ist mit der "individuellen Schuld", um die es den Anwältinnen und Anwälten hinter dem neuen Gutachten geht? Kardinal Marx spricht in der Karmelitenkirche von einer "Mitverantwortung", die er trage. Er bittet um Entschuldigung, nicht für persönliche Fehler, sondern "im Namen der Diözese". Nach knapp fünf Minuten ist das Pressestatement vorbei. Auf den sprichwörtlichen Sturm um die Ergebnisse der Missbrauchsstudie dürfte es kaum eine Wirkung haben. Aber immerhin der Hagelsturm vor den Toren hat sich gelegt. Dicke Schneeflocken rieseln leise gegen die Mauern der Kirche.

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SZ PlusMissbrauch in der Kirche
:"Der Herr Kardinal ist einverstanden"

Der emeritierte Papst beteuert, er habe als Erzbischof in München nichts über Missbrauchsfälle erfahren. Die Gutachter aber finden in den Akten viele Belege, dass Joseph Ratzinger davon gewusst haben muss.

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