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Kanzlerkandidat Steinbrück:"Erfolgreiche SPD-Kanzler standen immer rechts"

Aus drei mach eins: Mit Peer Steinbrück wird der "gefährlichste" Kandidat der SPD-Troika nun Herausforderer von Kanzlerin Merkel. Politikwissenschaftler erklären, warum Steinbrück CDU-Wähler abgreifen könnte und wie sich Parteichef Gabriel nun wohl verhalten wird.

Matthias Kohlmaier

Erst wollte Parteichef Gabriel nicht, nun lässt sich auch Frank-Walter Steinmeier, der Wahlverlierer von 2009, auf kein zweites Duell mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ein. Damit bleibt aus der Troika nur noch einer übrig: Peer Steinbrück wird Kanzlerkandidat der SPD. Eine "sehr pragmatische Entscheidung", sieht darin der Politikwissenschaftler Gerd Langguth.

Langguths Meinung ist aussagekräftig, weil er die Gegnerin besser kennt als viele andere. 2006 hat er eine 400 Seiten starke Biographie zu Angela Merkel veröffentlicht. Und nun sagt der Mann, der an der Universität Bonn lehrt: "Steinbrück ist für Angela Merkel der gefährlichste Kandidat." Mit seiner Meinung steht er nicht alleine.

"In finanzpolitischen Fragen ist Steinbrück Angela Merkel überlegen", sagt Peter Lösche, wie Langguth Politikwissenschaftler und seit 1957 SPD-Mitglied. Die beiden Experten sind sich noch in einem weiteren Punkt einig - und der ist wohl das Hauptproblem des designierten Merkel-Herausforderers Steinbrück: Eine echte Chance gegen die in sämtlichen Beliebtheits-Rankings ganz weit vorne liegende Kanzlerin hat Steinbrück wohl nicht - wenigstens nicht nach derzeitigem Stand. Es gibt jedoch laut Lösche eine Option, die das ändern könnte. "Eine echte Chance wird Steinbrück nur haben, wenn die Auswirkungen der Finanzkrise bis 2013 auch Deutschland erreichen sollten."

Unabhängig von der Finanzkrise sind sich die Experten einig, dass Steinbrück aus SPD-Sicht der beste Mann für die Aufgabe ist. "Die CDU kann keinen Einschlafwahlkampf wie 2009 führen und sich sozialdemokratische Positionen zu eigen machen", sagt auch Politikberater Michael Spreng. Das werde gegen den SPD-Kandidaten Steinbrück nicht möglich sein. Spreng war 2002 Wahlkampfleiter im Team des damaligen CDU/CSU-Kandidaten Edmund Stoiber.

Was bedeutet die Entscheidung pro Steinbrück für den SPD-Wahlkampf? Wird er die Kanzlerin scharf angreifen? Nein, sagt Lösche: "Steinbrück wird seine Kompetenzen herausstellen, aber auf direkte Attacken auf die Kanzlerin weitgehend verzichten." Dabei könnte dem gebürtigen Hamburger Steinbrück seine Positionierung im eher konservativen Flügel der SPD zugutekommen. "Er wird im Wählerreservoir der CDU wildern", sagt Langguth. Spreng hebt die Thematik auf eine historische Ebene, wenn er sagt: "Erfolgreiche Kanzler der Sozialdemokraten standen immer rechts vom SPD-Mainstream."

Langguth, von 1976 bis 1980 Bundestagsabgeordneter der CDU, denkt bei der Entscheidung der Sozialdemokraten noch an einen weiteren Protagonisten. Einen, der nicht so weit "rechts" steht: Parteichef Sigmar Gabriel. Dessen Devise werde laut Langguth nun lauten: Wir wollen als Dreier-Gremium weiterhin funktionieren. Das werde der SPD-Chef aber nicht aus reiner Nächstenliebe so handhaben. Langguth vermutet dahinter Kalkül: "Damit wird Gabriel seinen Einfluss auf den Kanzlerkandidaten behalten wollen."

Vorteil für Merkel

Seinen Einfluss in der Partei hätte Gabriel dagegen bereits in der Gegenwart nutzen können, um für Steinbrück eine gelungene Inthronisation als Kanzlerkandidat zu arrangieren. Denn auch wenn er Steinbrück bei der Pressekonferenz als "besten Kanzlerandidaten für die SPD" bezeichnet, sah der Zeitplan vor ein paar Wochen noch ganz anders aus.

Ursprünglich war die Verkündung des SPD-Anwärters für den Januar 2013 geplant - nach der Landtagswahl in Niedersachsen. Doch nun wurde der Druck auf die Partei (und wohl auch aus der Partei) offensichtlich zu groß. "Gabriel ist die Regie entglitten", meint Politikberater Spreng.

Einen Vorteil hat die Entscheidung allemal - zumindest für Angela Merkel. Sie weiß nun, mit wem sie es zu tun bekommt. Obgleich ihr klar sein dürfte, dass sie gegen dasjenige Drittel der Troika mit den besten Zustimmungswerten antreten muss. Experte Langguth gibt jedoch zu bedenken, dass die vorverlegte Nominierung ihre Tücken haben könnte: "Durch die frühe Kür kann Steinbrück auch schnell entzaubert werden".

© Süddeutsche.de/mikö/rus

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