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Kanada:Trudeau in der Halbzeit-Krise

Children take a 'selfie' with Canada's PM Trudeau and Toronto Waterfront CEO Fleissig, during a press conference where Alphabet Inc, the owner of Google, announced the project 'Sidewalk Toronto' in Toronto

Selfies kann Justin Trudeau - hier mit dem Manager William Fleissig und Kindern aus Toronto.

(Foto: REUTERS)

Kanadas Premierminister gilt als das Gegenteil von US-Präsident Trump. Doch seine Beliebtheitswerte sinken, die Kritik wächst und die politische Konkurrenz hat sich auch verjüngt.

Mit seinen Socken ist der Premierminister groß herausgekommen, mal regenbogenfarben, mal mit Nato-Aufdruck oder kanadischem Ahornblatt: Justin Trudeau hat es mit Leichtigkeit auch auf die Seiten der Lifestyle-Magazine geschafft und ein Konzert von Coldplay hat er auch schon angesagt.

Reden kann er. Kanadas smarter Regierungschef hat sich bei internationalen Auftritten derart blendend in Szene gesetzt, dass im Schatten seine Malaise im eigenen Land kaum wahrgenommen wurde. Zur Hälfte seiner Amtszeit ist der Liberale Trudeau ins Trudeln geraten, zum ersten Mal schwindet seine Beliebtheit. Nicht rapide, aber spürbar. Fünf Prozentpunkte hat er in Umfragen binnen vier Wochen verloren, gleichzeitig klettern die Konservativen - macht eine Lücke von nur noch wenigen Prozent.

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Unerwartet heftig ist etwa der Widerstand gegen die geplante Steuerreform. Die liberale Regierung will unter anderem Schlupflöcher bei Kleinunternehmern schließen und damit gut verdienende Kanadier treffen, die bisher ihr Einkommen auf Familienmitglieder streuen und so ihre Abgaben niedrig halten konnten.

Die Opfer der Reform seien aber mitnichten alle Bonzen, schrieb die Zeitung Globe and Mail. Farmer und Ärzte mit großem Schuldenberg und kleinen Kindern würden getroffen und rebellierten nun in Rathäusern, weil sie sich als Steuerbetrüger gebrandmarkt fühlen. "Die Liberalen haben es mit einem einzigen politischen Akt geschafft, dass es schwerer wird, einen Hausarzt zu finden, jungen Menschen einen ersten Job zu geben und für Mittelklassefamilien, ihre Zukunft zu sichern", sagte der Konservative Pierre Poilievre.

Schwierige Verhandlungen mit dem komplizierten Nachbarn Trump

Auch in der Wirtschaftspolitik kann es Trudeau derzeit kaum jemandem recht machen. Er hat sich einerseits massiven Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben, der vielen nicht weit genug geht, während sich andererseits die ölreichen Provinzen wegen erhöhter Umweltauflagen um ihre Geschäfte gebracht fühlen. So hat Trans Canada in Alberta den Bau einer geplanten Pipeline abgesagt, was aber offenbar weniger mit einer Kapitulation vor dem strengen Umweltschutz zu tun hat, wie viele meinen, als mit düsteren Gewinnprognosen.

Auch der versprochene Aussöhnungsprozess mit der indigenen Bevölkerung schleppt sich hin. Und wie die schwierigen Verhandlungen mit seinem komplizierten Nachbarn Donald Trump über das Freihandelsabkommen Nafta ausgehen werden, ist längst nicht ausgemacht.

Trudeau, der sehr flott in seine Amtszeit gestartet war, muss sich nun an ausgesprochen hohen Erwartungen messen lassen. Der Premier dürfte deshalb noch nicht gleich um eine mögliche Wiederwahl bangen, noch ist der Regierungschef beliebt. Aber er ist nach zwei Jahren im Amt in der politischen Mühsal angekommen, ein wenig zurechtgestutzt von den eigenen Wählern. Und die zweite Hälfte könnte noch schwieriger werden.

Als Trudeau vor zwei Jahren kanadischer Premier wurde, hob er sich ab von seinem blassen Vorgänger, dem Konservativen Stephen Harper. Trudeau besann sich wieder der kanadischen Geschichte, die geprägt ist von Toleranz, Liberalität.

Und natürlich half auch der Familienstammbaum: Trudeau ist Spross des einstigen Premierministers Pierre Trudeau, der fast 16 Jahre das Land geführt und noch souveräner vom einstigen Mutterland Großbritannien gemacht hatte. Nachdem Trump gewählt worden war, galt Trudeau im Norden erst recht als weltoffener Antipode des "America-first"-Präsidenten. Es strahlte sich noch leichter.

Doch nun hat er im eigenen Land Konkurrenz bekommen. Die Konservativen haben seit Ende Mai in dem erst 38-jährigen Andrew Scheer einen neuen Parteichef, der noch fast acht Jahre jünger ist als der junge Trudeau. Und auch die New Democrats erfinden sich gerade neu: Sie machten den Turban tragenden Anwalt Jagmeet Singh, 38, zu ihrem Chef, der Trudeau prompt Druck von links macht.

Viel dürfte für den Premier davon abhängen, wie er durch die Nafta-Verhandlungen mit Trump kommt. Kanadas Wirtschaft wächst stabil; aber sie ist auch auf Freihandel mit dem großen Nachbarn USA angewiesen.

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