Nachruf auf Juliane Weber:Kohls perfekte Maschinistin

Nachruf auf Juliane Weber: Juliane Weber im Jahr 1979 in ihrem Bonner Arbeitszimmer. Schon damals, drei Jahre vor Kohls Amtsantritt als Kanzler, war sie dessen langjährige Büroleiterin.

Juliane Weber im Jahr 1979 in ihrem Bonner Arbeitszimmer. Schon damals, drei Jahre vor Kohls Amtsantritt als Kanzler, war sie dessen langjährige Büroleiterin.

(Foto: Heinrich Sanden/DPA)

Juliane Weber war die Büroleiterin von Helmut Kohl - und weit mehr als das. Sie bestimmte seinen Lebensrhythmus und wusste über den Bundeskanzler "alles", wie er selbst sagte. Nun ist die Hüterin seiner Macht gestorben.

Von Stefan Kornelius

Im Leben von Helmut Kohl gab es Freund und Feind - und es gab die Gruppe der Urvertrauten. Freund und Feind war jederzeit austauschbar. Man bleibt nicht 16 Jahre lang Bundeskanzler ohne die notwendige Flexibilität in Machtallianzen.

Der Kreis der Urvertrauten aber änderte sich nicht. Zu ihm gehörten der Fahrer Ecki Seeber, "Ede" Eduard Ackermann, Abteilungsleiter im Kanzleramt, später Kohls Berater "Fritzi" Andreas Fritzenkötter - und natürlich Juliane Weber. Selbstverständlich konnte sich Kohl auch auf einen Kreis hochloyaler Berater und Beamter verlassen. Aber keiner genoss jenes intime Vertrauen, das Juliane Weber zur mächtigsten (und einzigen) Frau im Orbit des Kanzlers und damit an der Spitze des Staates vor und nach der Vereinigung machte.

Sie verströmte eine manchmal Furcht einflößende Autorität

Weber wurde 1939 in Dresden geboren, flüchtete mit ihrer Mutter im Krieg gen Westen und landete schließlich in Mainz, wo sie im Finanzministerium als Referentin eine Anstellung fand. Noch bevor Helmut Kohl Oppositionsführer im Ludwigshafener Stadtrat und Fraktionschef der CDU im rheinland-pfälzischen Landtag wurde, zog er die junge Frau als Mitarbeiterin an seine Seite - und von dort sollte sie nie wieder weichen.

Juliane Weber verströmte in den Jahren der Kanzlerschaft eine manchmal Furcht einflößende Autorität. Ihr Stellentitel als Büroleiterin Kohls beschreibt nur unzureichend, mit welcher Strenge und schneidenden Schärfe sie den Zugang zum Regierungschef und seinen Lebensrhythmus bestimmte. Der Mann, der sein Leben mithilfe des BASF-Taschenkalenders organisierte, hatte in Juliane Weber die perfekte Maschinistin für sein schier unendliches Netzwerk an Freundschaften und Kontakten.

Ihre Elefantensammlung auf dem Schreibtisch, auf Fensterbänken und in anderen Winkeln des Büros zeugte von ihrem Anspruch: Kraftvoll, wuchtig, dickhäutig und im engsten Kreis gern auch mal trompetend war ihr Auftritt. Die Herde musste zusammengehalten werden. Dabei ist Juliane Weber kaum öffentlich in Erscheinung getreten. Der Flick-Untersuchungsausschuss zu mysteriösen Spendenzahlungen an die CDU brachte ihr eine Vorladung ein, und natürlich wusste sie, was über Kohls Schreibtisch gegangen war und wer dem Kanzler heimlich die Aufwartung machte. Aber Weber war schweigsam, loyal bis zur Selbstaufgabe, Eigenschaften, die all ihre Vorgänger und Nachfolgerinnen auf diesem Platz nicht minder verbissen aufbrachten.

"Es gibt nur zwei Menschen, die alles über mich wissen", sagte Kohl

Mit Kohl teilte Weber sein Dasein - wie weit die Allianz freilich ging, darüber wurde in Bonn gern und viel spekuliert. Gewiss ist, dass der Kanzler mit der Büroleiterin mehr von seinem Politikerleben teilte als mit jeder anderen Person. Hannelore Kohl, auch sie ein Kriegsflüchtling aus Sachsen, war sich dieser Gerüchte stets bewusst und nahm Juliane Weber demonstrativ in den Urlaub mit, um das Gerede zu ersticken. Gelegentlich begleitete Weber den Kanzler auch auf Auslandsreisen, sie organisierte die Gesellschaften, mit denen sich Kohl in den freien Minuten umgeben wollte. Ein Fingerwink genügte, und die im gebührenden Abstand lauernde Entourage wusste, wer diesmal der oder die Auserwählte sein würde.

"Es gibt nur zwei Menschen, die alles über mich wissen", sagte Helmut Kohl einmal, "meine Frau und Juliane Weber." Das war nicht gelogen, und heute wüsste man gern, was Juliane Weber über die späten Lebensjahre und Kohls zweite Ehefrau dachte. Aber dazu schwieg sie, auch nach ihrem Ruhestand, den sie mit ihrem Mann, einem früheren Finanzdirektor beim ZDF, in der Nähe von Bonn verbrachte. Am vergangenen Samstag starb Juliane Weber, die Hüterin der Macht, im Alter von 84 Jahren.

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