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Juden in Wien:Spuren des Pogroms

Ausstellung "Nicht mehr verschüttet"

Uhrenblatt mit römischen Ziffern, lateinischen und hebräischen Buchstaben aus der Ausstellung "Nicht mehr verschüttet" im Haus der Geschichte in Wien.

(Foto: Klaus Pichler)
  • Nach dem "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland fielen während der Pogromnacht im November 1938 zahlreiche Einrichtungen des blühenden Wiener Judentums der Vernichtungswut der Nazis zum Opfer.
  • Die Täter ließen den Schutt in der Malzgasse in den Keller räumen und einmauern, erst 2018 wurde alles wieder ausgegraben
  • Eine Ausstellung des "Haus der Geschichte Österreich" zeigt die geborgenen Exponate.

Die Exponate liegen in einer lang gezogenen Glasvitrine: Scherben und Fetzen, Verrostetes und Verkohltes. Archäologische Fundstücke, museumsgerecht präsentiert wie andernorts die Schätze aus dem Grab des Tutenchamun oder die aus der Vesuvasche geborgenen Überbleibsel aus Pompeji.

Auch diese Funde hier geben Auskunft über eine Kultur aus vergangenen Zeiten - vor allem aber bezeugen sie den großen Kulturbruch. Denn was nun ausgestellt wird im Haus der Geschichte Österreich, gehörte einst zu einem florierenden Zentrum jüdisch-orthodoxen Lebens in der Malzgasse 16 im 2. Wiener Gemeindebezirk. Zerstört wurde es von den Nazis in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.

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"Nicht mehr verschüttet" heißt die Ausstellung, die am Wiener Heldenplatz noch bis zum 19. April 2020 zu sehen sein wird. Sie erzählt im Kleinen sehr eindringlich die große, grausame Geschichte. Seit 1870 schon gab es in der Malzgasse eine Talmud-Thora-Schule, seit 1906 auch eine Synagoge und seit 1913 ein jüdisches Museum, das als erstes der Welt gilt.

Ein erster Brandsatz gegen das Museum flog im Oktober 1938, in der Pogromnacht im November wurden dann auch die Schule und die Synagoge zerstört. Die nationalsozialistischen Täter und Herrscher ließen Schutt und Trümmer in den Keller des Anwesens räumen und dort einmauern.

Achtzig Jahre lang lag das dann verborgen im Untergrund der Malzgasse wie in einer Zeitkapsel. Entdeckt wurde der vergessene Kellerraum erst 2018, als die 1956 am alten Platz wiedereröffnete jüdische Schule eine Erweiterung plante. Stein für Stein wurde alles abgetragen, der Aushub brachte mehr als hundert einzelne Fundstücke zutage, die Auskunft geben über die Geschichte dieses Ortes.

Es sind Alltagsgegenstände wie Keramiktassen und Kochgeschirr, die einst zur Schulküche gehörten, in der bedürftige Kinder gespeist wurden. Aus dem Sportfundus der Schule fanden sich noch rostige Metallhanteln, in der Ausstellung zu sehen sind zudem sieben kleine, gläserne Tintenfässer, die wundersamerweise unversehrt blieben.

Ausstellung "Nicht mehr verschüttet"

Chanukka-Lampe aus dem ersten, 1938 zerstörten jüdischen Museum in der Malzgasse in Wien, zu sehen in der Ausstellung "Nicht mehr verschüttet".

(Foto: Klaus Pichler)

Drei Uhrenblätter mit römischen Ziffern sowie lateinischen und hebräischen Buchstaben sind Überbleibsel aus der Synagoge. Auf das alte Museum verweisen zersplitterte Grab- und Gedenksteine sowie eine Chanukka-Lampe für das achttägige Lichterfest.

Wie jäh das jüdische Leben in der Malzgasse unterbrochen wurde, zeigt eindrucksvoll und bedrückend der gekrümmte Torso einer Plastik-Puppe. Auch Schuhe wurden aus dem Schutt geborgen, keine Paare, nur zerschlissene Einzelstücke.

Hervorgehoben schließlich, in einer eigenen kleinen Vitrine, sind die Reste zweier Wurfbrandsätze zu sehen. Wahrscheinlich sind sie durch Zufall mit im Kellerschutt vergraben worden.

Zeugnisse des Gewaltexzesses

Womöglich aber, so wird von den Ausstellungsmachern spekuliert, habe auch jemand die Spuren der Tat für die Nachwelt sichern wollen. In jedem Fall geben sie ein Zeugnis ab vom Gewaltexzess in der Wiener Malzgasse.

Die Erinnerung daran ist nun nach mehr als acht Jahrzehnten wieder ans Tageslicht gebracht worden.

Nicht mehr verschüttet. Haus der Geschichte Österreich, Wien, bis 19. April 2020.

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