Juden in Deutschland Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung

Ohne jeden Zweifel gibt es also nicht nur einen für Leib und Leben von Juden gefährlichen Antisemitismus in Deutschland. Jüdische Mitbürger erleben darüber hinaus zunehmend Ablehnung und Hass, der sich vor allem im Internet ausbreitet. Jede Online-Suche nach Themen, die mit Juden, dem Judentum oder mit Israel zu tun haben, führt auch zu Seiten, auf denen Juden als Feinde der Menschheit und als das Böse schlechthin beleidigt, diffamiert oder sogar auf schlimmste Weise bedroht werden.

Aber wie verbreitet sind antisemitische Vorurteile, Stereotypen und Ablehnung in der Bevölkerung insgesamt, jenseits von Straftaten, Belästigungen oder Beleidigung, die Juden unmittelbar erleben?

2015 unternahm auch die Anti-Defamation League (ADL) in New York City, eine Organisation, die sich gegen Diskriminierung von Juden einsetzt, eine umfassende Befragung zum Antisemitismus weltweit. Zehntausende Erwachsene in 100 Ländern nahmen daran teil.

In Deutschland stellten die Fachleute eine allgemeine antisemitische Haltung bei 16 Prozent der 600 Teilnehmer fest. Und bestimmte Vorurteile gegenüber Juden waren noch deutlich weiter verbreitet. (Grafik)

Auch Fachleute der Universitäten in Bielefeld und Leipzig untersuchen die Verbreitung antisemitischer Einstellungen seit Jahren. Die Wissenschaftler unterscheiden mehrere Formen von Antisemitismus.

Klassischer Antisemitismus

Als "klassisch antisemitisch" gilt etwa die Meinung, Juden hätten in Deutschland zu großen Einfluss, würden nicht hierher passen oder wären mitschuldig daran, dass sie verfolgt werden.

Die Umfragen der vergangenen Jahre zeigen für den klassischen Antisemitismus unterschiedliche Werte - je nachdem, wie gefragt wurde. Mussten sich die Teilnehmer entscheiden zwischen Ablehnung und Zustimmung von Juden (jeweils eher/voll und ganz), so zeigten in einer Studie des Instituts für interdisziplinare Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Uni Bielefeld im Jahr 2016 von den Teilnehmern mit nur 5,8 Prozent sehr wenige diese Form von Antisemitismus.

Eine zweite Untersuchung, in der mit drei Fragen genauer hingeschaut wurde und auch eine Antwort "teils/teils" möglich war, wiesen dagegen nur 2,4 Prozent klassischen Antisemitismus auf - allerdings antworteten jeweils um die sieben Prozent auf die Fragen mit "teils/teils", was den Fachleuten zufolge eher als Signal für Antisemitismus zu sehen ist.

Eine vergleichbare Studie der Universität Leipzig fand einen antisemitisch eingestellten Anteil der Befragten von 4,8 Prozent. Auch dieser Wert dürfte aufgrund eines erheblichen Anteils von Teilnehmern, die "teils/teils" angaben (18- 20 Prozent) deutlich zu gering sein.

Was die Studien beider Universitäten klar zeigen: Der klassische Antisemitismus war 2016 auf dem niedrigsten Stand seit 2001.

Sekundärer und israelbezogener Antisemitismus

Im Vergleich zum klassischen Antisemitismus ist der Anteil derjenigen, die sogenannten sekundären Antisemitismus zeigen, deutlich höher. Hier wird den Juden zum Beispiel vorgeworfen, sie würden versuchen, aus dem Holocaust Vorteile zu gewinnen. Darüber hinaus gibt es einen israelbezogenen Antisemitismus, der daran zu erkennen ist, dass die Kritik an der Politik Israels einhergeht mit antisemitischen Stereotypen und Nazi-Vergleichen. Ein weiteres Anzeichen dafür ist es, wenn die israelische Politik als typisch jüdisch bezeichnet wird.

26 Prozent der von den Bielefelder Wissenschaftlern Befragten warfen den Juden 2016 vor, die Verbrechen der Nazis zu ihrem Vorteil ausnutzen zu wollen. 40 Prozent äußerten Verständnis dafür, dass Juden wegen der israelischen Politik abgelehnt würden. Und 25 Prozent verglichen die israelische Politik mit jener der Nazis. "In dieser Gleichsetzung [...] offenbart sich die für den Antisemitismus typische Täter-Opfer-Umkehr, die der eigenen Entlastung der deutschen Mehrheitsbevölkerung dient", schreiben die Wissenschaftler.

Gerade die Frage, was noch Kritik an Israel ist und was Antisemitismus, lässt sich aber nicht einfach beantworten. So zeigen Analysen von Friesel-Schwarz, dass in den Tausenden von Emails, die der Zentralrat der Juden und die israelische Botschaft in den vergangenen Jahren erhalten haben, die Ablehnung der Palästinenserpolitik meist mit einem klaren oder zumindest unterschwelligen Antisemitismus einhergeht. "Israel ist definitiv nicht eine, sondern DIE Projektionsfläche für klassischen Judenhass", so die Wissenschaftlerin in ihrem Vortrag im Februar.

Auch Wilhelm Kempf von der Universität Konstanz berichtete 2015, dass 26 Prozent der von ihm befragten Deutschen mit ihrer Israelkritik auch antisemitische Einstellungen zeigten. Aber 38 Prozent übten zwar Kritik an Israel, lehnten zugleich aber antisemitische Stereotype und Vorurteile klar ab. Ihre Haltung basiert Kempf zufolge auf einer pazifistischen Einstellung und dem Engagement für Menschenrechte.

Letztlich zeigt der Blick auf die Daten, dass der antisemitisch eingestellte Anteil der Bevölkerung zumindest nicht größer geworden ist. Im Gegenteil: "Im Zeitverlauf nimmt die Zustimmung zu antisemitischen Meinungen tendenziell ab", heißt es in einer Expertise des IKG in Bielefeld für den Expertenkreis Antisemitismus. Gerade der sekundäre und israelbezogene Antisemitismus ist allerdings nach wie vor weit verbreitet.