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Juden in Deutschland:Wie verbreitet ist Antisemitismus und von wem geht er aus?

Kundgebung gegen Judenhass

Ein Protestschild von einer Kundgebung gegen Antisemitismus steht vor dem Brandenburger Tor in Berlin (Archivbild)

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Ablehnung von Juden breitet sich unter Deutschen nicht weiter aus, aber der Antisemitismus zeigt immer offener sein Gesicht. Zahlen und Grafiken zu einem furchtbaren Phänomen.

Der Antisemitismus in Deutschland nimmt zu, so heißt es häufig. Tatsächlich ist er weit verbreitet, das belegen Umfragen und die Zahlen der Polizei zu antisemitischen Straftaten seit Jahrzehnten eindeutig. Aber zeigen sie auch, dass immer mehr Menschen in Deutschland eine antisemitische Einstellung haben? Und hängt der Antisemitismus, wie lange Zeit angenommen wurde, fast ausschließlich mit einer rechten oder rechtsextremen Einstellung zusammen? Ein Blick auf die relevanten Studien zeigt, dass es komplizierter ist.

Seit 2001 veröffentlicht das Bundesinnenministerium jährlich in der Polizeistatistik die Zahlen antisemitisch motivierter Straftaten und ordnet sie bestimmten Kategorien von Tätern zu. So kam es dem Ministerium zufolge 2018 insgesamt zu 1799 antisemitischen Vergehen. 2014 waren es fast 1600 Fälle, 2006 sogar mehr als 1800. Seit 2001 ist es im Schnitt zu etwa vier Vergehen täglich gekommen.

Ähnlich stark schwankt die Zahl der Gewalttaten: zwischen 28 und 64 Fälle pro Jahr wurden seit 2001 angezeigt. 2018 waren es 37 Fälle.

Hohe Dunkelziffer bei Straftaten

Experten gehen allerdings davon aus, dass es eine große Dunkelziffer gibt, weil viele Fälle gar nicht angezeigt werden. Wie zum Beispiel eine Studie der European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) zum Antisemitismus in EU-Staaten schon 2013 zeigte, hatten in Deutschland in den fünf Jahren zuvor nur 28 Prozent derjenigen Juden, die Opfer einer schweren antisemitischen Belästigung geworden waren, dies bei der Polizei oder einer anderen Organisation gemeldet. Die tatsächliche Zahl solcher Straftaten läge demnach mehr als dreimal so hoch.

Auch die Berichte antisemitischer Vorkommnisse in Berlin, die die " Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus" (RIAS) des Vereins für Demokratische Kultur in Berlin seit 2015 zählt, deuten auf eine hohe Dunkelziffer hin. 2016 wurden dort 470 Vorfälle gezählt, 2017 waren es 951 und 2018 schon 1083. Am häufigsten zählte RIAS "verletztendes Verhalten" - also gezielt böswilliges oder diskriminierendes Verhalten auch ohne antisemitische Stereotype. Auch körperliche Angriffe ohne starke Schädigungen hatten 2018 stark zugenommen. 46 Fälle waren es in diesem Jahr, mit insgesamt 86 Betroffenen. Damit waren es deutlich mehr als 2017, in dem RIAS 18 solche Ereignisse gemeldet wurden. Zu extremer Gewalt gegen Juden ist es der Organisation zufolge seit Beginn der Erfassung 2015 in Berlin nicht gekommen.

Antisemitismus

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Die Statistik der Berliner Polizei weist deutlich niedrigere Zahlen auf, die allerdings ebenfalls zunehmen. 324 antisemitische Straftaten waren es 2018, und damit 18 mehr als 2017. Von der RIAS werden allerdings auch Vorfälle gezählt, die möglicherweise unterhalb der Strafbarkeitsschwelle liegen.

Auf Probleme mit der Polizeistatistik hat der "unabhängige Expertenkreis Antisemitismus" in seinem Bericht an die Bundesregierung 2017 hingewiesen. Demnach wird die Zahl der tatsächlichen antisemitischen Vorfälle dadurch systematisch unterschätzt, "dass bei jedem Vorfall, bei dem es zu mehreren Delikten gekommen ist (z.B. Beleidigung, Raub, Körperverletzung), nur das Delikt mit der höchsten Strafandrohung gezählt wird". Bei einem Raubüberfall etwa würde also ein antisemitisches Verhalten ignoriert. Außerdem würden Polizei und Justiz antisemitische Straftaten häufig gar nicht als solche erkennen.

Die Zahl antisemitischer Straftaten ist demnach hoch, und es gibt noch deutlich mehr Fälle, als die Polizeistatistik aufzeigt. Bei der gegenwärtig erkennbaren Zunahme muss es sich aber nicht um eine langfristige und anhaltende Entwicklung handeln. Die Statistik lässt sich zumindest als Hinweis nutzen: 2002 und 2006 waren die Fallzahlen hier größer.

Antisemitische Einstellungen werden zunehmend gezeigt

Eindeutig belegen lässt sich aber eine andere Veränderung beim Antisemitismus in Deutschland. Die Bereitschaft nimmt zu, antisemitische Einstellungen im Internet, insbesondere in den sozialen Medien, unverhohlen zu zeigen. Das zeigen Untersuchungen von Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin. Die Sprachwissenschaftlerin hat etwa Studien zu antisemitischen Äußerungen in den Kommentarbereichen von online-Qualitätsmedien (u.a. Welt, SZ, Zeit, FAZ, taz, Tagesspiegel, Focus) ausgewertet, und zwar "wenn über Themen wie ­NS-Vergangenheit oder Besuche deutscher Politiker in Israel berichtet ­wurde", wie sie in einem Interview mit jungle.world erklärte - und eine signifikante Zunahme festgestellt. Auch bezüglich der Radikalität.

"Der vorhandene Antisemitismus ist auf der Einstellungsebene sichtbarer geworden", stellt auch der Berliner Politikwissenschaftler Samuel Salzborn in der SZ fest. Und wenn die Einstellungen lauter und aggressiver würden, nähmen auch die Straftaten, körperliche Übergriffe, Propagandadelikte und Beleidigungen zu, so Salzborn.