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Jordan Peterson:Mehr Prediger als Professor

Peterson: der Kämpfer gegen politische Korrektheit. Im Herbst 2016 wurde er zum Star, als er per Video seinen Protest gegen das "C-16"-Gesetz erklärte, wonach an kanadischen Hochschulen genderneutrale Pronomen verwendet werden müssten. Sein Recht auf "freie Meinungsäußerung" werde verletzt, er werde eher ins Gefängnis gehen, als sich unterzuordnen. Es folgten Proteste und Auftritte bei Fox News, wo er für den Kampf gegen übertriebenen Minderheitenschutz gefeiert wurde. Er nahm Urlaub von der Hochschule, schrieb sein Buch und ging auf Werbetour.

Dann folgte im Januar 2018 ein Interview im britischen Sender Channel 4 über Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Peterson betonte, dass die "patriarchalen Strukturen" nur ein Faktor seien. Es sei nun mal so, dass Frauen soziale Berufe bevorzugten und nur wenige 100 Stunden pro Woche arbeiten wollten. Die Moderatorin war schlecht vorbereitet, unterbrach ihren Gast und legte ihm verdrehte Zitate in den Mund. Peterson aber lässt sich nie provozieren und überschüttet das Gegenüber bei Bedarf mit einer Fülle an Informationen, die kaum jemand kontern kann. Ihn als "smarten Kerl für dumme Leute" zu beschimpfen, wie manche Medien es tun, entlarvt ihn nicht, sondern hilft ihm, sich als Tabubrecher zu inszenieren.

200 Dollar kostet ein VIP-Pass, ein fairer Preis, finden seine Anhänger in Saskatoon

In Saskatoon dauert es nur Minuten, bis Peterson-Fans das Channel-4-Video ansprechen, als Beweis für die Denkfaulheit der Linken, die Slogans nachplappern und Petersons Forderung missachten: als Individuum Verantwortung zu übernehmen.

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Es sei "intellektuell inspirierend", Peterson zu folgen, sagen Dustin und Jason. Beide sind Mitte 20 und saßen Stunden im Auto, um ihm die Hand zu schütteln. 200 Dollar kostet ein VIP-Pass, ein fairer Preis, um jenem Mann zu danken, der ihnen die Augen geöffnet hat, finden sie.

Andere sind alarmiert, so wie Bernard Schiff, der früher das Psychologie-Institut der University of Toronto leitete. "Ich war Jordan Petersons größter Förderer. Jetzt halte ich ihn für gefährlich", lautete die Überschrift eines Artikels von ihm im Toronto Star. Darin wirft der 79-Jährige Peterson vor, Studien zu verdrehen, vor allem zur Evolution. Was nicht passt - etwa wie wichtig Kooperation für den Fortbestand von Lebewesen ist - wird weggelassen. Lieber erkläre er am Beispiel von Hummern den seit Milliarden von Jahren existierenden Mechanismus der fortpflanzungsfixierten männlichen Dominanz-Hierarchie. Sie präge Männer bis heute, so Peterson, daher sei es skandalös, wenn sie wegen ihres "normalen" Verhaltens als "Tyrannen" beschimpft wurden. Schlimmer in Schiffs Augen: Peterson missbrauche den Professorentitel, obwohl er agiere wie ein Prediger. Und: Er diffamiere jeden Kritiker als "böse".

Lange Zeit habe er Peterson verteidigt. Als sich dieser 1998 in Toronto bewarb, gab Schiff ihm einen Job, obwohl Kollegen ihn für "exzentrisch" hielten. Damals erschien Petersons erstes Buch "Map of Meaning", das kaum beachtet wurde. Die beiden wurden Freunde. Zum Bruch kam es, als Peterson seinen Feldzug gegen das C-16-Gesetz startete.

Mit einer Mischung aus Entsetzen und Belustigung verfolgt der 79-Jährige seither, wie sich das Internet täglich mit neuen Texten, Tweets und Videos über Jordan Peterson füllt. Der erhält mittlerweile von Fans jeden Monat knapp 100 000 Dollar über die Spendenplattform Patreon. Ähnlich geschäftstüchtig ist Petersons Tochter Mikhaila. Sie litt lange an chronischen Schmerzen, doch seit sie wie ihr Vater nur noch Fleisch isst, geht es ihr angeblich blendend.

In Saskatoon verbirgt Peterson nicht, wie wohl er sich auf der Bühne fühlt. "Diese Auftritte sind besser als alle Interviews", erzählt er. Hier könne er "Ideen testen" und sehen, was das Publikum fesselt. Der Vorwurf der Zuspitzung läuft ins Leere: Peterson agiert wie ein professioneller Entertainer.

Im zweiten Teil, bei den Publikumsfragen, wird er aggressiver: Die Hochschulen seien von innen "verfault", Studenten würden einer "Gehirnwäsche" unterzogen. Hier müsse man ansetzen, um die westliche Zivilisation zu retten. Der Applaus ist riesig.

In Debattenzirkeln diskutieren eine Anarchistin, ein Ingenieur und ein Fahrradkurier seine Ideen

Bernard Schiff erinnert Petersons Eingeständnis des "Ideentestens" an Methoden, die Demagogen wie Stalin und Hitler verwendeten, eben jene Demagogen, vor denen Petersons Bücher wortreich warnen. Seine Anhänger hingegen verfolgen fasziniert, wie er seine Thesen weiterentwickelt, und sehen dies als Beleg seiner Redlichkeit. Meetup-Gruppen aus 15 bis 20 Teilnehmern debattieren Petersons Werk. In Toronto sitzen dann ein Ingenieur und eine ehemalige Anarchistin neben einer Kuratorin, die wegen ihres Glaubens an der Akademie gemobbt wurde, dazu ein Fahrradkurier, der immer die Wahrheit sagt: "Peterson hat mir gezeigt, wie akzeptiert Lügen in der Gesellschaft sind." Die Lebensläufe sind unterschiedlich, alle formulieren die gleiche Botschaft: "Wir folgen ihm nicht blind, natürlich sagt er seltsame Sachen, aber er fordert uns heraus." Und jeder in der Gruppe ist überzeugt: "Wer sich mit ihm beschäftigt, der erkennt, dass der Mann die Gesellschaft nicht spalten will."

Gerade tourt der rastlose Peterson durch die USA, ehe er im Oktober Großbritannien und Skandinavien besucht und 2019 nach Australien reist. Kürzlich gab er bekannt, dass er bald einen neuen Buch-Vertrag unterschreiben wolle. Das Werk mit dem Arbeitstitel: "12 more rules. Beyond mere order" soll 2020 erscheinen. Außerdem sammelt er Geld für eine Online-Universität, an der all jene Dinge unterrichtet werden, welche die "radikale Linke" verschweigen wolle.

Nichts spricht dafür, dass Peterson genug hat vom Ruhm. Er kokettiert damit, irgendwann in die Politik zu gehen. Im Frühjahr nannte er die damalige Ministerpräsidentin der Provinz Ontario "die gefährlichste Frau des Landes", zuletzt attackierte er Kanadas Premierminister, den stolzen Feministen und Ex-Lehrer Justin Trudeau, für dessen Energiepolitik. An seine 850 000 Follower twitterte er "Make Trudeau a Drama Teacher again".

Solche Äußerungen hören gerade jüngere konservative Denker in Washington mit Schrecken: Sie wissen, dass Jordan Peterson als Politiker viel weniger bewirken könnte als der Kulturkämpfer mit eigenem Medienimperium.

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