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Krise des Liberalismus:Wenn die einst liberalen Werte Kopf stehen

NY State Probe Into Trump Foundation Widens With Subpoena Of Trump's Former Lawyer Michael Cohen

Nach der Wahl interessierte sich in New York niemand für die Gründe, warum Trumps Wähler so entschieden hatten.

(Foto: AFP)

Linksliberale sind keineswegs immun gegen Verschwörungstheorien, für die sie die Rechten geißeln. Sie nutzen sie sogar, um sich vor Verantwortung zu drücken.

Als ich einige Wochen nach Trumps Wahlsieg New York besuchte, fand ich mich inmitten einer kollektiven Psychose wieder. Die Intellektuellen der Stadt waren wie besessen von Verschwörungstheorien. Niemand interessierte sich für die Gründe, warum Trumps Wähler so entschieden hatten. Eindrucksvoll war auch, wie viele der geistigen Elite, mit denen ich sprach, die Ergebnisse einfach ablehnten. Sie waren überzeugt, dass die Wahl von feindlichen Mächten manipuliert worden war. Diese heimtückische Einflussnahme - nicht irgendein Mangel in der US-amerikanischen Gesellschaft - sei der Grund dafür, dass die politische Ordnung plötzlich auf dem Kopf stand.

Verschwörungstheorien wurden von Liberalen immer als Symptom für wahnhaftes Denken betrachtet. Eine gefeierte Studie des Politikwissenschaftlers Richard Hofstadter - "The Paranoid Style in American Politics" - verortete das schon 1964 am rechten Rand. Doch im New York vom Dezember 2016 zeigten auch die hellsten liberalen Köpfe Anzeichen derselben Störung. Fast zwei Jahre später halten sie noch immer an Verschwörungstheorien fest, um ihre Niederlage zu erklären.

Die ehemals führende Buchrezensentin der New York Times, Michiko Kakutani, widmet Hofstadter in ihrem polemischen Buch "The Death of Truth" ("Der Tod der Wahrheit") mehrere Seiten. Sie schreibt, dass der "moderne rechte Flügel" von einem Gefühl von Kränkung und Enteignung mobilisiert wird. Oder wie Hofstadter es formulierte: Sie fühlten sich, als wären ihnen die USA weggenommen worden. Der Charme dieser Zitate liegt darin, dass sie eine mangelhafte Eigenwahrnehmung offenbaren. Es ließe sich schwerlich eine passendere Beschreibung finden für den Schmerz der Liberalen, die sich ihrer historisch festgelegten Rolle als moralische und intellektuelle Führer der Gesellschaft beraubt sehen.

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Denjenigen, die sich diesen paranoiden Liberalismus zu eigen machen, bringt er einige Vorteile. Die liberalen Eliten, die in den vergangenen dreißig Jahren in vielen westlichen Staaten an der Macht waren, müssen so für die Debakel, die sie verwaltet haben, keine Verantwortung übernehmen. Sie können sich in der Sicherheit wiegen, dass sie Opfer von Mächten wurden, die jenseits ihrer Kontrolle liegen. Diese Verschwörungstheorie unterstellt, dass in den liberalen Gesellschaften nichts Grundlegendes falsch läuft. Kein vernünftiger Mensch kann bezweifeln, dass sich der russische Staat in die westliche Politik einmischt. Doch nur ein weltfremder Geist kann sich vorstellen, dass Wladimir Putin den Niedergang des Liberalismus lenkt.

Die Gründe für die Unordnung in liberalen Gesellschaften liegen vielmehr in diesen Gesellschaften selbst. "The Death of Truth" erwähnt die Finanzkrise nur am Rande, ebenso die wachsende Zahl derer, die ausgeschlossen sind von einer produktiven Rolle in der Gesellschaft. "Fake News" identifiziert Kakutani zwar korrekt als ein Hauptproblem, aber nur im Kontext der Trump-Regierung sowie im Bezug auf Russland und andere autoritäre Regimes, wie das von Viktor Orbán in Ungarn. Als wäre die Verfälschung der Sprache unter Liberalen eine vollkommen unbekannte Praxis. Dabei ist eine ähnliche Form des linguistischen Engineerings in den USA (und anderen westlichen Ländern) längst im Gange. Abweichungen vom "korrekten" Sprachgebrauch werden streng bestraft.

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Der Liberalismus selbst hat eine Metamorphose hinter sich: von einer Philosophie der Toleranz zu einer Orthodoxie, die Abweichler verfolgt. Nur wenige Liberale, die Universitäten, Medienkonzerne und andere Unternehmen leiten, zeigen ein Gespür für die komplexe und widersprüchliche Sphäre von Ethik und Politik. Für viele von ihnen besteht die Welt aus einfachen moralischen Fakten. Der westliche Kolonialismus sei durch und durch böse, historische nationale Identitäten seien dem Wesen nach rassistisch und Religionen nichts weiter als Strukturen der Unterdrückung. Jeder, der diese angeblichen Fakten in Frage stellt, hat eine Umschulung nötig oder die fristlose Kündigung zu erwarten.

Das Besondere der Gegenwart liegt aber darin, dass der geopolitische Rückzug des Westens mit dem Vorstoß einer übertrieben liberalen Ideologie in westlichen Gesellschaften zusammenfällt. Das Ende des Kommunismus wurde als Schlusspunkt der politischen Entwicklung gefeiert. In Zukunft sollte jede legitime Regierungsform als Kopie einer liberalen Demokratie daherkommen. Dabei war der Kollaps der Sowjetunion weniger ein Sieg für den Liberalismus als die Niederlage eines restriktiven aufklärerischen Projekts, das auf die Jakobiner zurückgeht und von Lenin umgesetzt worden war.

Das postkommunistische Russland machte sich die westliche Ideologie vom Kult des freien Marktes allerdings keineswegs zu eigen. Stattdessen ist es zu einer eurasischen Macht geworden, die sich in Abgrenzung zum Westen als eine eigene Zivilisation auf Grundlage der östlich-orthodoxen Religion definiert. Ähnlich hat sich China vom Maoismus abgewandt, um eine neo-konfuzianische Variante des Staatskapitalismus zu entwickeln.