Süddeutsche Zeitung

Krise des Liberalismus:Wenn die einst liberalen Werte Kopf stehen

Linksliberale sind keineswegs immun gegen Verschwörungstheorien, für die sie die Rechten geißeln. Sie nutzen sie sogar, um sich vor Verantwortung zu drücken.

Als ich einige Wochen nach Trumps Wahlsieg New York besuchte, fand ich mich inmitten einer kollektiven Psychose wieder. Die Intellektuellen der Stadt waren wie besessen von Verschwörungstheorien. Niemand interessierte sich für die Gründe, warum Trumps Wähler so entschieden hatten. Eindrucksvoll war auch, wie viele der geistigen Elite, mit denen ich sprach, die Ergebnisse einfach ablehnten. Sie waren überzeugt, dass die Wahl von feindlichen Mächten manipuliert worden war. Diese heimtückische Einflussnahme - nicht irgendein Mangel in der US-amerikanischen Gesellschaft - sei der Grund dafür, dass die politische Ordnung plötzlich auf dem Kopf stand.

Verschwörungstheorien wurden von Liberalen immer als Symptom für wahnhaftes Denken betrachtet. Eine gefeierte Studie des Politikwissenschaftlers Richard Hofstadter - "The Paranoid Style in American Politics" - verortete das schon 1964 am rechten Rand. Doch im New York vom Dezember 2016 zeigten auch die hellsten liberalen Köpfe Anzeichen derselben Störung. Fast zwei Jahre später halten sie noch immer an Verschwörungstheorien fest, um ihre Niederlage zu erklären.

Die ehemals führende Buchrezensentin der New York Times, Michiko Kakutani, widmet Hofstadter in ihrem polemischen Buch "The Death of Truth" ("Der Tod der Wahrheit") mehrere Seiten. Sie schreibt, dass der "moderne rechte Flügel" von einem Gefühl von Kränkung und Enteignung mobilisiert wird. Oder wie Hofstadter es formulierte: Sie fühlten sich, als wären ihnen die USA weggenommen worden. Der Charme dieser Zitate liegt darin, dass sie eine mangelhafte Eigenwahrnehmung offenbaren. Es ließe sich schwerlich eine passendere Beschreibung finden für den Schmerz der Liberalen, die sich ihrer historisch festgelegten Rolle als moralische und intellektuelle Führer der Gesellschaft beraubt sehen.

Denjenigen, die sich diesen paranoiden Liberalismus zu eigen machen, bringt er einige Vorteile. Die liberalen Eliten, die in den vergangenen dreißig Jahren in vielen westlichen Staaten an der Macht waren, müssen so für die Debakel, die sie verwaltet haben, keine Verantwortung übernehmen. Sie können sich in der Sicherheit wiegen, dass sie Opfer von Mächten wurden, die jenseits ihrer Kontrolle liegen. Diese Verschwörungstheorie unterstellt, dass in den liberalen Gesellschaften nichts Grundlegendes falsch läuft. Kein vernünftiger Mensch kann bezweifeln, dass sich der russische Staat in die westliche Politik einmischt. Doch nur ein weltfremder Geist kann sich vorstellen, dass Wladimir Putin den Niedergang des Liberalismus lenkt.

Die Gründe für die Unordnung in liberalen Gesellschaften liegen vielmehr in diesen Gesellschaften selbst. "The Death of Truth" erwähnt die Finanzkrise nur am Rande, ebenso die wachsende Zahl derer, die ausgeschlossen sind von einer produktiven Rolle in der Gesellschaft. "Fake News" identifiziert Kakutani zwar korrekt als ein Hauptproblem, aber nur im Kontext der Trump-Regierung sowie im Bezug auf Russland und andere autoritäre Regimes, wie das von Viktor Orbán in Ungarn. Als wäre die Verfälschung der Sprache unter Liberalen eine vollkommen unbekannte Praxis. Dabei ist eine ähnliche Form des linguistischen Engineerings in den USA (und anderen westlichen Ländern) längst im Gange. Abweichungen vom "korrekten" Sprachgebrauch werden streng bestraft.

Die illiberalen Kräfte, die über Europa marschieren, kommen nicht einfach aus dem Nichts

Der Liberalismus selbst hat eine Metamorphose hinter sich: von einer Philosophie der Toleranz zu einer Orthodoxie, die Abweichler verfolgt. Nur wenige Liberale, die Universitäten, Medienkonzerne und andere Unternehmen leiten, zeigen ein Gespür für die komplexe und widersprüchliche Sphäre von Ethik und Politik. Für viele von ihnen besteht die Welt aus einfachen moralischen Fakten. Der westliche Kolonialismus sei durch und durch böse, historische nationale Identitäten seien dem Wesen nach rassistisch und Religionen nichts weiter als Strukturen der Unterdrückung. Jeder, der diese angeblichen Fakten in Frage stellt, hat eine Umschulung nötig oder die fristlose Kündigung zu erwarten.

Das Besondere der Gegenwart liegt aber darin, dass der geopolitische Rückzug des Westens mit dem Vorstoß einer übertrieben liberalen Ideologie in westlichen Gesellschaften zusammenfällt. Das Ende des Kommunismus wurde als Schlusspunkt der politischen Entwicklung gefeiert. In Zukunft sollte jede legitime Regierungsform als Kopie einer liberalen Demokratie daherkommen. Dabei war der Kollaps der Sowjetunion weniger ein Sieg für den Liberalismus als die Niederlage eines restriktiven aufklärerischen Projekts, das auf die Jakobiner zurückgeht und von Lenin umgesetzt worden war.

Das postkommunistische Russland machte sich die westliche Ideologie vom Kult des freien Marktes allerdings keineswegs zu eigen. Stattdessen ist es zu einer eurasischen Macht geworden, die sich in Abgrenzung zum Westen als eine eigene Zivilisation auf Grundlage der östlich-orthodoxen Religion definiert. Ähnlich hat sich China vom Maoismus abgewandt, um eine neo-konfuzianische Variante des Staatskapitalismus zu entwickeln.

Liberale verstehen die Historie als eine Geschichte der Erlösung

Unterdessen hat der liberale Fluchtpunkt, auf den alle übrigen Gesellschaften vermeintlich zulaufen, eine andere Form angenommen. Die liberale Lebensweise entstand in Folge der frühmodernen Religionskriege in Europa, als Teil einer Suche nach Toleranz. Heutzutage definiert sich der vorherrschende Liberalismus jedoch als Gegenteil. In einer ironischen Umkehrung wurden die Liberalen aus den Folgejahren des Kalten Krieges, die daran glaubten, dass der Westen endlich triumphiert hatte, durch einen neuen Typus ersetzt, für den der Westen als Erzfeind gilt. Für diese "alternativen Liberalen" ist Toleranz ein Feind der sozialen Gerechtigkeit.

In alternativ-liberalen Kreisen stehen die früheren liberalen Werte Kopf. Privilegierte Absolventen der Elite-Universitäten wüten gegen kulturelle Aneignung, während sie die Klagen verarmter und verzweifelter Proletarier verächtlich als Ausdruck eines weißen Überlegenheitsdenkens abqualifizieren. Sie respektieren die Identitäten von Minderheiten ausdrücklich, aber nicht alle gleichermaßen. Der Staat Israel wird als kolonialistische Bastion des verhassten Westens dämonisiert. Sie heißen rassistische Beleidigungen gegen Juden gut, obwohl dieselben Beleidigungen bezogen auf jede andere Gruppe wütende Proteste hervorgerufen hätten.

In all dem steckt eine Lektion. Die Überzeugung, dass liberale Werte auf der "richtigen Seite der Geschichte" zu finden sind, kommt einem Glaubensbekenntnis gleich. Liberale Gesellschaften sind Nebenprodukte des westlichen Monotheismus, die die Praxis der Toleranz mit dem Glauben untermauert haben, dass diese Toleranz gottgewollt sei. Weltliche Liberale glauben, dass sich die Geschichte in Richtung ihrer Werte entwickelt. Doch ohne eine leitende Vorsehung - nach Art der monotheistischen Vorstellung - hat Geschichte keine Richtung.

Trotz alledem verstehen Liberale die Historie als eine Geschichte der Erlösung. Deswegen müssen sie Putin und Xi Jinping, Orbán und Salvini eben als Rückschritte in die Vergangenheit auffassen. Eine Zukunft, zu der hypermoderne Zaren, technokratische Eroberer und intelligente Demagogen gehören, ist für sie undenkbar. Also werden Fakten ignoriert oder geleugnet. Während postfaktischer Populismus zu einem Klischee dieses Zeitalters wurde, ist der Aufstieg des postfaktischen Liberalismus der noch prägendere Bestandteil.

Man kann von Liberalen kein Eingeständnis erwarten, dass ihr Glaube widerlegt wurde. Dafür müssten sie sich auch eingestehen, dass sie die Gegenwart nicht begreifen. Eine unmögliche Forderung, da sie sich für derart lange Zeit als die intellektuellen Vorreiter der Menschheit gesehen haben. Ob weltlich oder religiös: Mythen werden nicht widerlegt. Stattdessen schwinden sie und verschwinden gemeinsam mit den Menschen, die sie verkörpern, von der Bildfläche. Diesen Prozess kann man inzwischen in ganz Europa beobachten.

Man kann Werte pflegen, ohne zu glauben, dass sie von Gott oder der Geschichte vorbestimmt sind

Die illiberalen Kräfte, die über den Kontinent marschieren, kommen nicht einfach aus dem Nichts. Sie sind eine Reaktion auf das hyperliberale Projekt eines Europas ohne Binnengrenzen. Wenn Richtlinien zur Einwanderung der Kontrolle der Mehrheit entrissen werden, werden massenhafte Immigration und liberale Demokratie zu Rivalen. Wenn Parteien der Mitte im großspurigen Projekt der kontinentalen Freizügigkeit gefangen bleiben, sind illiberale Demokratien die logische Folge. Liberale können diese Logik nicht begreifen, da sie bedeutet, dass ihre Vision von Europa trügerisch und selbstzerstörerisch ist. Wenn sie bei Europa falschliegen, liegen sie bei allem falsch. Währenddessen erodiert die politische Mitte mehr und mehr.

Das kollektive Durcheinander, das ich in New York beobachtet habe, war ein Symptom einer akuten kognitiven Dissonanz. Aufgeklärte liberale Köpfe - die glaubten, sie hätten den Gang der Geschichte verstanden - mussten mit einem Mal erkennen, dass sie nicht einmal ihre eigene Gesellschaft verstehen. Die Paranoia, in die sie sich stürzten, war ein Resultat der Zerstörung ihrer Weltsicht und ihres Platzes in dieser Welt. Das Ergebnis ist, dass sie intellektuell und politisch paralysiert sind. Falls sie irgendeine Agenda haben, dann die, zu ihrer Welt vor dem Sündenfall zurückzukehren - ein Jahrzehnt zurück in eine Welt, die die aktuelle Krise hervorgebracht hat.

Es ist möglich, die Werte der Toleranz und persönlichen Freiheit zu pflegen und zu verteidigen, ohne zu glauben, dass sie von Gott vorherbestimmt oder von der Geschichte garantiert seien. Es reicht, die liberale Gesellschaft als einen der zivilisierteren Wege zu verstehen, den die Menschen erdacht haben, um tagtäglich miteinander auszukommen. Aber diese bescheidene Auffassung zu akzeptieren, würde das Selbstbild untergraben, an das sich Liberale gegenwärtig klammern. Ein Selbstbild, nach dem sie die Welt in eine Zukunft führen, die sie selbst gestaltet haben. Also ziehen sie es vor, sich selbst als Opfer anzusehen, und das, was vom liberalen Way of Life übrig geblieben ist, entschwinden zu lassen in die Vergangenheit.

John Gray ist britischer Philosoph. Zuletzt erschien von ihm "Raubtier Mensch. Die Illusion des Fortschritts" (Klett Cotta). Aus dem Englischen von Simon Rayß.

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SZ vom 07.09.2018/doer
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