Jordan Peterson Kämpfer gegen politische Korrektheit

"Reißt euch zusammen", lautet eine von Jordan Petersons Botschaften. Seine Zielgruppe: junge Männer.

(Foto: imago/ZUMA Press)
  • Jordan Peterson ist Professor für Psychologie an der University of Toronto, sein Buch "12 Rules for Life" hat ihn laut New York Times zum "einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart" gemacht.
  • Auf Peterson ruhen die Hoffnungen vieler Konservativer, die dem vermeintlich übermächtigen linken Denken in Medien und Hochschulen etwas entgegensetzen wollen.
  • Peterson selbst inszeniert sich als Tabubrecher und Kämpfer gegen politische Korrektheit.
Von Matthias Kolb, Saskatoon, Kanada

Der erste Applaus brandet auf die noch leere Bühne. Wer störe, müsse den Saal verlassen, dröhnt es aus den Lautsprechern. Dann tritt Jordan Peterson ins Rampenlicht. Für ihn ist der Auftritt in der kanadischen Provinzstadt Saskatoon der 68. seiner Lesereise, doch für viele der 2000 Besucher erfüllt sich ein Traum. "Der Mann hat mein Leben verändert", sagt Nick Caldwell. Er habe mit 19 die Uni abgebrochen und sich an einem "dunklen Ort" befunden, ehe er auf Youtube einen Vortrag des Psychologieprofessors von der University of Toronto entdeckte. Dann las er Petersons Ratgeber "12 Rules for Life", der diesen laut New York Times zum "einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart" gemacht hat. Im Herbst erscheint das Buch auf Deutsch.

Auf Peterson ruhen die Hoffnungen vieler Konservativer, die dem vermeintlich übermächtigen linken Denken in Medien und Hochschulen etwas entgegensetzen wollen. Dann steht er auf der Bühne, 56 Jahre, drahtig, Maßanzug, Einstecktuch. "Reißt euch zusammen", fordert er und meint die jungen Männer, seine wichtigste Zielgruppe. Wenn Frauen sie zurückweisen würden, dann weil sie zu wenig zu bieten haben. Für Peterson heißt Leben Leiden, und die Leser sollen die Schuld dafür nicht anderen geben, sondern nach etwas suchen, das ihrem Leben "Sinn" verleihe. So einfach.

Wer richtig argumentiert, lässt Populisten keine Chance

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Viele seiner Ratschläge sind banal und stehen so oder ähnlich in vielen Selbsthilfe-Büchern: "Steh gerade", "Sag die Wahrheit oder lüge zumindest nicht", "Räume dein Haus auf, bevor du die Welt kritisierst". Und doch: Seit Januar wurden zwei Millionen Exemplare verkauft, Teil eines regelrechten Peterson-Kultes. Vanity Fair nannte ihn die "Einstiegsdroge für die Alt-Right-Bewegung", im Wochentakt erscheinen Essays wie "Warum die Linke so viel Angst vor Jordan Peterson hat" im Atlantic.

Ein Magazin nannte ihn eine "Vaterfigur für die Generation, die politische Korrekheit hasst"

Entscheidender als das Buch sind dafür die wöchentlichen Videos und Podcasts; allein Petersons Youtube-Kanal hat 1,4 Millionen Abonnenten, Peterson, so das Washingtoner Insider-Magazin Politico, sei eine "Vaterfigur für die Generation, die politische Korrektheit hasst", eine der "50 einflussreichsten politischen Figuren".

Konservative verehren ihn nicht, weil er den Kapitalismus anpreist und am Klimawandel zweifelt, sondern weil er die an den Hochschulen herrschenden Ideen infrage stellt. Im Atlantic beschreibt Caitlin Flanagan, dass ihre Söhne bei Trumps Wahlsieg weinten, aber nun viel Peterson konsumieren: "Er spricht all das an, was wegen Identitätspolitik und in den geschützten Räumen tabu ist. Sie merken plötzlich, dass man anders über Geschichte, Philosophie, Mystik und Religion reden darf."

Auch diese Themen stecken nämlich in "12 Rules for life". Peterson mischt die Ratschläge mit persönlichen Anekdoten, Studienergebnissen über Evolution und Neurologie sowie Beispielen aus seiner Zeit als Therapeut. Oft kommt er auf sein Idol, den Dissidenten Alexander Solschenizyn, zurück und erinnert an die Millionen Toten, die in den Gulags ermordet wurden - für junge Amerikaner etwas völlig Neues. Er plädiert für Strenge in der Kindererziehung, auch die gelegentliche Ohrfeige. Die Ehe sei wichtig für Stabilität im Alltag, ebenso Pünktlichkeit. Doch das Beharren auf Manieren und seine Überzeugungen sind zwar konservativ, aber weder neu noch radikal. Was also ist es dann?

Zunächst: Peterson ist ein Meister des gesprochenen Worts. Wer einen Vortrag oder das Audiobook hört, nimmt ihn anders wahr. Gedankensprünge, die bei der Lektüre ermüden, wirken natürlicher. Mit viel Pathos bringt er Struktur in das Chaos da draußen. Und: Er nutzt die Medien der Gegenwart perfekt. Als "Gutenberg-Moment" bezeichnet er den Boom der unabhängigen Podcasts, in denen er stundenlang über seine Themen spricht.

Eine Interviewanfrage lehnte sein Agent ab. Dafür genießt Peterson die Rolle des Stargasts bei Joe Rogan, Ben Shapiro oder Sam Harris, den anderen Stars des "intellectual dark web". Als der Psychologe Peterson und der Philosoph Harris zehn Stunden über ihre Thesen diskutierten, zahlten 20 000 Menschen Eintritt für eine der Live-Übertragungen in Vancouver, Dublin und London.

"Heute können sich die Leute jeden Tag zwei Stunden weiterbilden, was früher undenkbar war."

"Das Problem mit Büchern liegt darin, dass man nichts parallel machen kann. Wenn du aber einen Podcast hörst, kannst du gleichzeitig abwaschen oder Lkw fahren", sagt Peterson: "Heute können sich die Leute jeden Tag zwei Stunden weiterbilden, was früher undenkbar war." Und natürlich ist klar, wer die Rolle des Lehrers übernehmen soll.

Jahrelang hat er seine Vorlesungen aufgenommen, Neulinge finden genug Videos vor, um etwa seine 15-teilige Bibel-Vorlesungsreihe zu verfolgen. Das komplette Material ist frei zugänglich, und so bringen seine Fans im Stundentakt kurze Videos mit Titeln wie "Wie man einen Marxisten zum Verstummen bringt" oder "Peterson zerlegt feministische Reporterin" heraus. Gerade auf Youtube tadelt der Kanadier andere Professoren dafür, ihre "mörderischen Ideologien" von Marxismus und Dekonstruktivismus zu verbreiten.