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Japan:Im Zweifel gegen den Angeklagten

Verurteilungsquote wie in Diktaturen: Festnahme in Japan.

(Foto: Hiroto Sekiguchi/AP)
  • In Japans Rechtsprechung gilt das Geständnis als "König der Beweismittel". Mehr als 90 Prozent aller Taten, die Gerichte beurteilen, bestreiten die Angeklagten nicht.
  • Die Verurteilungsrate liegt bei absurd hohen 99,9 Prozent.
  • Falsche und erzwungene Geständnisse sind nicht selten. Oft werden Verhaftete in Geständnisse manövriert, ehe sie einen Anwalt sprechen können.

Zehn Jahre saß Ayako Haraguchi im Gefängnis, für einen Mord, mit dem sie wohl nichts zu tun hat, der vielleicht gar kein Mord war. 1980 wurde sie verurteilt, seither kämpft die nun 90-Jährige um Wiederaufnahme ihres Verfahrens. Sie verzichtete sogar auf vorzeitige Haftentlassung, um die Chance zur Rehabilitierung zu wahren. Alt und schwach wurde sie darüber, aber ihre Tochter, 62, kämpft weiter, sie sagt: "Wenn Mutter stirbt, ehe sie freigesprochen wurde, ist ihr Leben vergeudet."

Im dritten Anlauf erreichten ihre Anwälte Ende Juni, dass der Prozess nach 37 Jahren neu aufgerollt wird. So weit war Haraguchi vor 15 Jahren schon. Damals hielt das Gericht fest, sie sei verurteilt worden aufgrund unglaubwürdiger Geständnisse ihrer angeblichen Mittäter. Das Gericht warf der Staatsanwaltschaft vor, sie habe deren Geständnisse manipuliert oder sogar abgepresst. Die drei Männer hätten einfach gesagt, was der Staatsanwalt wollte. Der Gerichtspsychologe hatte sie als vermindert zurechnungsfähig eingestuft.

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Der Fall ereignete sich im abgelegenen Süden der Insel Kyushu. Dort fischte in der Nacht des 12. Oktober 1979 ein Nachbar Haraguchis Schwager betrunken und blutend aus einem Kanal. Der 42-Jährige war offenbar vom Rad gestürzt. Der Nachbar brachte ihn zum Bauernhof der Familie. Doch die bemerkte das nicht, am nächsten Morgen erstattete sie Vermisstenanzeige. Drei Tage später fand man den Schwager tot beim Misthaufen hinter dem Kuhstall.

Die Anklage sah den Fall so: Haraguchi habe den Schwager mit einem Handtuch erwürgt, um seine Lebensversicherung zu kassieren. Sein Neffe und zwei seiner Brüder, einer war Haraguchis Mann, sollen geholfen haben. Die Leiche zeigte freilich keine Würgespuren. Die Gerichtsmedizin fand auch keine Hinweise auf einen Erstickungstod. Die Geständnisse der drei in einem eigenen Verfahren verurteilten Männer waren widersprüchlich. Nach einer Vermutung könnte der Schwager auch durch die Sturzverletzung verblutet sein.

Als das Bezirksgericht Kagoshima vor 15 Jahren die Wiederaufnahme anordnete, legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Das Obergericht Fukuoka folgte dem. Auch jetzt kam die Berufung sofort: Japans Staatsanwaltschaft will nicht, dass ihre Fehler und Manipulationen ans Licht kommen. Haraguchi ist kein Einzelfall. Im Fischerstädtchen Himi wurde 2002 der Taxifahrer Hiroshi Yanagihara wegen zwei Vergewaltigungen zu drei Jahren Haft verurteilt. Der 35-Jährige unterschrieb im Verhör unter Druck ein Geständnis, widerrief es aber. Er hatte ein Alibi, die gesicherten Schuhspuren passten nicht zu ihm. Das interessierte das Gericht nicht. Vier Jahre später, Yanagihara hatte die Haft verbüßt, gestand ein Serienvergewaltiger die Taten.

In Japans Rechtsprechung gilt das Geständnis als "König der Beweismittel". Mehr als 90 Prozent aller Taten, die Gerichte beurteilen, bestreiten die Angeklagten nicht. Das trägt bei zu der absurd hohen Verurteilungsrate von 99,9 Prozent. Dabei sind falsche und erzwungene Geständnisse nicht selten. Oft werden Verhaftete in Geständnisse manövriert, ehe sie einen Anwalt sprechen können.

"Bei Fällen, die ich von Anfang an betreue, passe ich auf, dass mein Klient nichts gesteht, was er nicht getan hat", sagt Anwältin Tomomi Uraki in Tokio. Auch sie hat schon Leute verteidigt, die falsche Geständnisse abgelegt hatten. Wie den Jungen, der erst in der Berufung zu ihr kam. Er hätte fälschlicherweise zugegeben, mit dem Enkeltrick eine alte Frau betrogen zu haben. Der Staatsanwalt drohte im Verhör, sollte er nicht gestehen, ziehe er seine Mutter und seine Freundin in die Untersuchung hinein. Wenn er aber "ein gemeinsam aufgesetztes Geständnis" unterschreibe, komme er mit einer milden Strafe davon. Der Junge wurde verurteilt. Uraki ging in Berufung. Und verlor. Japans Strafverteidiger verlieren fast immer.