Japan Vom Star zum Zombie

Die Elektronikindustrie des Landes war einst weltweit führend. Doch vom Glanz vergangener Zeiten ist wenig übrig. Das liegt vor allem an den starren Hierarchien, die neue Ideen schon im Ansatz ersticken.

Von Christoph Neidhart

Mit der "Mavica", seiner ersten Digital-Kamera, verschreckte Sony die Cebit 1989. Und vor allem die etablierte Foto-Industrie: Statt Film zeichnete Sony Bilder auf einer Floppy-Disk auf. Das war bis dahin unvorstellbar. Ein paar Jahre später zeigte Sanyo der Welt in Hannover die "Zukunft der Mobiltelefonie". Bis in die Nullerjahre war Japan die Weltmacht der Technologie und die Cebit eine Bühne, auf der Nippon das demonstrieren konnte. Aus Angst vor Japan blockierte der US-Kongress einst Übernahmen amerikanischer Tech-Firmen durch japanische Giganten und die Welt studierte Nippons angeblich überlegene Management-Modelle.

Die Marke Sanyo, die es mit Kühlschränken und Fernsehern in die "Fortune-500"-Unternehmen geschaffte hatte und zum Pionier der Solarenergie und Batterie-Technik wurde, ist untergegangen. Panasonic hat den einst stolzen Konzern 2009 geschluckt. Sony, der Erfinder neuer Geräte wie das Transistorradio, den Walkman und den CD-Spieler, gilt heute als "Me-too"-Produzent - so werden Firmen genannt, die Geräte nachkonstruieren, die andere erfunden haben.

Smartphones von Sony sind vielleicht eleganter, technisch etwas besser und wahrscheinlich teurer, aber die Zeit, in der Sony die Branche mit Innovationen überrumpelte, liegt weit zurück. In den vergangenen Jahren hat der Konzern vor allem mit Verlusten Schlagzeilen gemacht. Die bahnbrechenden Entwicklungen kommen heute aus Kalifornien, Korea, Taiwan und zusehends auch aus China. Wenn japanische Manager in die Schlagzeilen kommen, dann sehr oft, weil sie sich für Fehler oder Skandale entschuldigen müssen.

Sony und Sanyo sind nur Beispiele. Toshiba schrammt derzeit knapp an einer Pleite vorbei, Panasonic hat sich jahrelang durch Krisen geschleppt, Sharp war ein Zombie, bis Hon Hai aus Taiwan, besser bekannt als Foxconn, der größte Auftragshersteller der Welt, das Unternehmen voriges Jahr übernahm. Obwohl Samsung, einst Musterbeispiel eines "Me-Too"-Herstellers, der Marktanteile über tiefe Preise gewann, inzwischen von der chinesischen Konkurrenz bedrängt wird, machen die Koreaner heute mehr Profit als in Japan die ganze Branche.

Wie konnte es so weit kommen? Mit hohen Kosten hat das wenig zu tun. In Japan sind die Löhne, seit Sony den Weltmarkt beherrschte, kaum gestiegen; zudem produzieren auch japanische Firmen in China. Dazu kommt, dass sich Geräte japanischer Top-Marken nie über den Preis verkauft haben. Verantwortlich für die Schwäche der japanischen Elektronikindustrie sind vielmehr die starren Strukturen und Hierarchien. In Japan entscheidet nicht Kompetenz sondern Seniorität. Die gegenwärtigen Führungsriegen: alles Männer, alle gleich alt, die sich seit der Uni kennen und sich als Befehlsempfänger ihr ganzes Arbeitsleben im Unternehmen hochgedient haben. Sie wollen auf keinen Fall etwas falsch machen. Anders als ihre Vorgänger wagen sie deshalb auch nichts. Und die Banken und der Staat halten Unternehmens-Zombies am Leben, blockieren Neugründungen.

Sharp war ein solcher Zombie, Toshiba droht einer zu werden - oder das, was von Toshiba übrig ist, nachdem der einstige Gigant fast alle erfolgreichen Abteilungen verkauft haben wird. Denn er muss die Milliarden-Schulden begleichen, die das Management dem Unternehmen mit dem Fälschen der Bücher und unbedachten, überteuerten Übernahmen von Nuklearfirmen eingebrockt hat.

Wie Toshiba gingen viele japanische Unternehmen in den Jahren des starken Yen auf weltweite Einkaufstour. Vor Investitionen im Inland schrecken sie zurück, zumal es leichter scheint, über Akquisitionen zu wachsen als etwas Neues zu wagen oder die Strukturen zu erneuern und damit die Profitabilität zu verbessern. Doch Toshiba zeigt den Japanern, in welche Fallgruben Firmenübernahmen führen können, insbesondere, wenn man die Bücher nur schlampig prüft und übertriebene Ambitionen hat: Toshiba wollte nichts weniger als den Weltmarkt für Atomenergie beherrschen.

Hier ein Stellenabbau, dort ein bisschen Unternehmenskosmetik. Aber ja nichts Radikales

Sony hat lange versucht, sein Kerngeschäft mit seinen Musik-, Filmstudios und seiner Versicherung über Wasser zu halten. Als das nicht mehr ging, stieß das Unternehmen Vaio, seine Laptop-Abteilung ab und gliederte das Fernsehergeschäft aus, das zehn Jahre rote Zahlen schrieb. Losgelöst von den Fesseln des Stammhauses kehrt jedoch ausgerechnet dieses Fernsehergeschäft zur Profitabilität zurück. Bedeutender ist, wie Sony seinen Fokus verschiebt: von der Verbraucherelektronik auf Halbleiter, andere Komponenten und Medizintechnik. Ob man sich ein iPhone 7 von Apple, ein Galaxy S7 von Samsung oder ein Huawei P9-Smartphone kauft: "It's a Sony", wie die Sony-Werbung früher sagte. In allen diesen Telefonen stecken Bildsensoren von Sony.

Den Wechsel vom Konsumgüter- zum Komponenten-Hersteller hat TDK, einst die führende Musikkassetten-Marke, längst hinter sich. TDK stellt die Leseköpfe für die meisten Computer-Festplatten her. Und hat jüngst mit Qualcomm, den Konstrukteuren der populärsten Smartphone-Chips, ein Joint-Venture für drahtlose Verbindungen für das Internet der Dinge gegründet. Wie TDK gibt es in Japan viele Komponenten-Hersteller, die ihre Nische beherrschen: Ibiden, Mitsumi, Alps, Fuji, Nitto und Nidec setzen alle mehr als zwei Milliarden Euro pro Jahr um. Die Verbraucher nutzen ihre Produkte täglich, ohne die Namen je gehört zu haben.

Sharp war der weltweit führende Hersteller kleiner Bildschirme, etwa für das iPhone von Apple, sein wichtigster Kunde. Aber Sharp hatte sich mit Investitionen übernommen. Da zugleich andere Sparten ins Stolpern gerieten, konnte das Unternehmen die Verluste nicht auffangen. Hon Hai, mit dem Sharp bereits damals zusammenarbeitete, bot an einzusteigen, um Sharp zu helfen, Samsung ebenfalls. Sharp lehnte ab und beschränkte sich auf Unternehmenskosmetik: Hier ein paar tausend Entlassungen, dort ein paar tausend Entlassungen. Nur ja nichts Radikales. So verschuldete sich Sharp immer tiefer, bis eine Rettung nicht mehr möglich und die Übernahme durch Hon Hai der einzig Ausweg aus der drohenden Pleite war. Soweit hätte es nicht kommen müssen. Wie wertvoll Sharps Substanz war, zeigte sich nach wenigen Monaten. In taiwanischen Händen schreibt das Unternehmen wieder schwarze Zahlen. Aus dem Zombie soll wieder eine Top-Marke werden.

Es geht auch anders. Das beweisen junge Unternehmen wie Softbank, ein Funktelefonie-Imperium, oder der Online-Händler Rakuten. Sie werden von ihren Gründern, von starken Figuren, geführt: Softbank von Masayoshi Son, von dem viele Japaner sagen, er sei aber ein Koreaner, obwohl er in Japan geboren und Staatsbürger ist. Und Hiroshi Mikitani, der verärgert aus dem Unternehmerverband ausgetreten ist. Die Regierung präsentiert die beiden gern als Vorzeige-Unternehmer, aber das Wirtschaftsestablishment schneidet sie.

Ein anderes Beispiel ist Epson, der Druckerhersteller in den japanischen Alpen. Als alle Welt auf den Laser-Drucker schwor, perfektionierte Epson den Ink-Jet-Printer fürs Büro. Und konzentrierte sich darauf. Die meisten Elektronikfirmen Japans waren Gemischtwarenläden, die alles machten. Epson auch, bis Minoru Usui Firmenchef wurde. Er kam - und das ist in Japan selten -, nicht direkt von der Uni zu Epson, sondern arbeitete zunächst woanders. Der heute 61-Jährige war zudem für japanische Verhältnisse jung, als er Chef wurde. Im Epson-Management sitzen mehr Ausländer als in anderen japanischen Firmen. Warum es Epson gerade in der Provinz schafft, die Fallgruben von Japans Unternehmenskultur zu meiden: "Vielleicht gerade weil wir in der Provinz sind. Die Kommunikation ist hier viel einfacher als in Tokio, intern und auch mit Partnern und den Behörden", glaubt Usui.