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Jan Stöß als möglicher Wowereit-Nachfolger:Stöß fordert Veränderung

Wenn alles beim Alten bleiben sollte, kann man auch einen nehmen, der immer dabei war, eben Michael Müller, der schon ewig an Wowereits war, seit drei Jahren als Stadtentwicklungssenator. Der Verwaltungsrichter Stöß aber kommt von außen. Er führt die SPD Berlins seit zweieinhalb Jahren, gehört nicht zum Senat, hat auch kein Mandat im Abgeordnetenhaus, wo Raed Saleh Fraktionschef ist. Stöß will eine neue Linie, er verspricht von Mut zur Veränderung: "Ich stehe für eine Erneuerung, nicht für ein bloßes "Weiter so"." Als Partei-Linker will er als einziger richtig viel anders machen. Er will für Wohnungsbau, Infrastruktur und soziale Zwecke mehr Geld ausgeben, hat als Einziger ein Hundert-Tage-Programm präsentiert. "Ich habe in meinem 100-Tage-Programm aufgeschrieben, wo wir gleich am Anfang die Weichen richtig stellen müssen", sagt er der Partei. Er spricht von einem Anfang, wo sie doch seit 13 Jahren die Regierungsspitze stellen.

Mehr Einfluss für die Bezirke

Es gibt in der Partei Leute, die sich nach ein wenig oder sogar richtig viel Neuanfang sehnen. Einzelne Kreise haben sich für Stöß ausgesprochen, manche Unterstützer werben vehement für ihn. Viele Sozialdemokraten an der Basis freut, dass Stöß die Bezirke der Stadt wieder stärken, ihnen wieder mehr Geld und Gehör geben will. Der Senat habe sie schlecht behandelt, sagte Stöß dazu - das war dann schon ein offener Angriff. Er verspricht auch, das Rote Rathaus, den Sitz des Regierenden Bürgermeisters wieder mehr an die SPD heran zu führen.

Aber ob das die Mehrheit ist, weiß man nicht. Wenn Stöß beim Mitgliederforum auf der Bühne neben dem Favoriten Müller steht, kann jeder spüren, dass jedes einzelne seiner kritischen Worte gegen die Senatslinie sich zugleich gegen Müller richtet. Sagen darf er das nicht. Das ist wie eine ungeschriebene Spielregel. In diesem Spiel hat jeder seine Rolle, und Stöß ist früh als der Angreifer ausgemacht worden. Er hat einiges getan, um dieses Bild zu nähren. Er hat vor zwei Jahren Michael Müller als Parteichef gestürzt, und als in diesem Frühjahr Wowereit öffentlich unter Druck geriet, drückte Stöß gewaltig mit.

Schon in der Schule war er der Angreifer

"Wenn etwas gegen meine Überzeugungen geht, mache ich den Mund auf und ducke mich nicht weg", sagt er. Aus Hildesheim, wo er aufwuchs, gibt es diese Geschichte von der Abschlussfeier seiner Abitur-Klasse. Als Schülersprecher hielt Stöß dort demnach eine scharfe Rede, er blickte zurück und sprach an, was ihm nicht gefiel. Der Direktor zog die Empfehlung für die Studienstiftung des Deutschen Volkes zurück. Also studierte Stöß, Sohn eines Hauptschullehrers und einer Hausfrau, eben mit Bafög. Das sei doch auch gegangen, sagt er.

Er kann attackieren, oft scheint ihn richtig die Lust dazu zu packen, dann will er sich auch nicht mäßigen. Ohne ein starkes Auftreten ginge es nicht, sagt er. Als Regierender Bürgermeister müsste er sich ja zum Beispiel im Streit um den Länderfinanzausgleich gegen einen wie Horst Seehofer behaupten. Das ist für ihn Politik. Er fing früh an, den Mund aufzumachen. In Hildesheim am Gymnasium Himmelsthür wurde er zum Klassensprecher und zum Schulsprecher und dann zum Landesschülersprecher gewählt, bis hinauf in die Bundesschülervertretung. Nach dem Abitur zog es ihn nach Berlin. Schon vorher hatte er oft Ausflüge in die Stadt unternommen. Über die ZVS, die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze, bekam Stöß erst mal einen Studienplatz in Göttingen, konnte aber bald in die Hauptstadt wechseln, wo er das Leben viel spannender fand. Er lebt in Schöneberg, ist meist mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs.