Süddeutsche Zeitung

Jan Stöß als möglicher Wowereit-Nachfolger:Angreifen, ohne anzugreifen

"Armut ist eben nicht sexy." Der Berliner SPD-Landeschef Jan Stöß attackiert unterschwellig Parteikollegen und verspricht einen Neuanfang, sollte er Regierender Bürgermeister werden. Weggefährten schwärmen von seinem Talent, zu vermitteln.

War das jetzt ein Angriff? Auf ihren Klaus, den noch Regierenden? Darf der das? Jan Stöß hat erst eine knappe Minute geredet. Schon ist eine Spannung im Berliner Willy-Brandt-Haus zu spüren, die vorher fehlte. Bei Michael Müller ging es ruhig zu, Raed Saleh erzählte viel Persönliches. Jetzt aber wird der Ton kämpferisch, ein wenig zumindest. Nicht böse, nicht aggressiv. Es ist ein Angriffchen, aber einigen Berliner Sozialdemokraten dürfte schon das zu viel sein. Stöß hat erst mal die Entwicklung von Berlin gelobt, auf einem guten Weg sei die Stadt. Aber dann erklärte der Sozialdemokrat, dass zu viele Menschen auf der Strecke bleiben und in Armut leben. "Armut ist eben nicht sexy", rief Stöß seinen Parteifreunden zu.

Der Kandidat mit der schwierigsten Aufgabe

Ein Angriff? Zumindest ein sehr bewusstes Spiel mit dem Slogan, den Klaus Wowereit einst für das Nach-Wende-Berlin prägte. Arm, aber sexy - der Slogan stand für das coole Berlin, für das Selbstverständnis der anziehenden Weltmetropole, und den variiert Stöß, um sich, ein wenig nur, von dem Mann abzusetzen, dessen Nachfolger er werden möchte. Es ist ein eigenartiges Experiment, das die Berliner SPD in diesen Wochen anstellt, und der 41-Jährige Landesvorsitzende Jan Stöß ist unter drei Kandidaten der Proband mit der schwierigsten Aufgabe: Er muss angreifen, ohne anzugreifen. Er muss für Neues stehen und darf das Alte nicht in Frage stellen. Und das ohne seinen Ruf als allzu ungeduldiger Krawallo und Experte für Attacken, die im Hinterzimmer vorbereitet wurden, noch zu verstärken.

"Das Verrückte ist, dass wir ihn ganz anders kennen", sagt ein Freund aus seinem Ortsverein im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Der Wegbegleiter beschreibt Stöß als einen, der Gespräche vorantreibt und bündelt, um am Ende die Kontrahenten zusammen zu führen. Stöß ist seit einigen Jahren Verwaltungsrichter. Kollegen aus der Justiz zeichnen das Bild eines besonnenen Richters. Er sei einer, der Verhandlungen klug leite, mit viel Ruhe, erzählt eine Kollegin, die ihn länger kennt. Ihr fällt ein Indiz ein, das ein Zeichen für die Fähigkeit zum Ausgleich sei: Stöß habe bei seinen Verfahren eine außergewöhnlich hohe Vergleichsquote. Dem Experten für Beamten- und Soldatenrecht gelinge es also ausgesprochen oft, Kontrahenten im Gericht zu einem Kompromiss zu führen, den am Ende beide akzeptieren. "Das zeichnet ihn aus", sagt die Richterin. Er hört aufmerksam zu und führt dann zusammen."

Er will mehr sein als nur ein Angreifer

Ein Vergleich spart Kosten und auch Zeit, auch dem Richter, der kein Urteil ausarbeiten muss. "Das ist immer eine gute Lösung", beschreibt Stöß sein Selbstverständnis, als wäre es ein Ideal. "Beide Seiten bewegen sich und können zufrieden aus dem Gerichtssaal gehen." Dieser Kandidat will mehr sein als nur der Angreifer, als den ihn die meisten sehen.

Bis spätestens Anfang November sollen die 17 200 Mitglieder der Berliner SPD entscheiden, wer auf Klaus Wowereit folgt, wenn der wie angekündigt nach 13 Jahren sein Amt aufgibt. Die drei Kandidaten stellen sich der Basis in Mitgliederforen vor, tingeln durch die Ortsvereine. Es ist nicht die erste Mitgliederbefragung, mit der die SPD ihren Kandidaten sucht. Aber diesmal geht es nicht darum, einen Herausforderer zu bestimmen, der den Machthaber von der Konkurrenz angreift. In Berlin hat man die Macht, und der Kandidat soll in eine Kontinuität passen, die seit mehr als einem Jahrzehnt Berlin entscheidend prägt. Sogar länger noch, seit mehr als einem Vierteljahrhundert gehört die SPD dem Senat an.

Stöß fordert Veränderung

Wenn alles beim Alten bleiben sollte, kann man auch einen nehmen, der immer dabei war, eben Michael Müller, der schon ewig an Wowereits war, seit drei Jahren als Stadtentwicklungssenator. Der Verwaltungsrichter Stöß aber kommt von außen. Er führt die SPD Berlins seit zweieinhalb Jahren, gehört nicht zum Senat, hat auch kein Mandat im Abgeordnetenhaus, wo Raed Saleh Fraktionschef ist. Stöß will eine neue Linie, er verspricht von Mut zur Veränderung: "Ich stehe für eine Erneuerung, nicht für ein bloßes "Weiter so"." Als Partei-Linker will er als einziger richtig viel anders machen. Er will für Wohnungsbau, Infrastruktur und soziale Zwecke mehr Geld ausgeben, hat als Einziger ein Hundert-Tage-Programm präsentiert. "Ich habe in meinem 100-Tage-Programm aufgeschrieben, wo wir gleich am Anfang die Weichen richtig stellen müssen", sagt er der Partei. Er spricht von einem Anfang, wo sie doch seit 13 Jahren die Regierungsspitze stellen.

Mehr Einfluss für die Bezirke

Es gibt in der Partei Leute, die sich nach ein wenig oder sogar richtig viel Neuanfang sehnen. Einzelne Kreise haben sich für Stöß ausgesprochen, manche Unterstützer werben vehement für ihn. Viele Sozialdemokraten an der Basis freut, dass Stöß die Bezirke der Stadt wieder stärken, ihnen wieder mehr Geld und Gehör geben will. Der Senat habe sie schlecht behandelt, sagte Stöß dazu - das war dann schon ein offener Angriff. Er verspricht auch, das Rote Rathaus, den Sitz des Regierenden Bürgermeisters wieder mehr an die SPD heran zu führen.

Aber ob das die Mehrheit ist, weiß man nicht. Wenn Stöß beim Mitgliederforum auf der Bühne neben dem Favoriten Müller steht, kann jeder spüren, dass jedes einzelne seiner kritischen Worte gegen die Senatslinie sich zugleich gegen Müller richtet. Sagen darf er das nicht. Das ist wie eine ungeschriebene Spielregel. In diesem Spiel hat jeder seine Rolle, und Stöß ist früh als der Angreifer ausgemacht worden. Er hat einiges getan, um dieses Bild zu nähren. Er hat vor zwei Jahren Michael Müller als Parteichef gestürzt, und als in diesem Frühjahr Wowereit öffentlich unter Druck geriet, drückte Stöß gewaltig mit.

Schon in der Schule war er der Angreifer

"Wenn etwas gegen meine Überzeugungen geht, mache ich den Mund auf und ducke mich nicht weg", sagt er. Aus Hildesheim, wo er aufwuchs, gibt es diese Geschichte von der Abschlussfeier seiner Abitur-Klasse. Als Schülersprecher hielt Stöß dort demnach eine scharfe Rede, er blickte zurück und sprach an, was ihm nicht gefiel. Der Direktor zog die Empfehlung für die Studienstiftung des Deutschen Volkes zurück. Also studierte Stöß, Sohn eines Hauptschullehrers und einer Hausfrau, eben mit Bafög. Das sei doch auch gegangen, sagt er.

Er kann attackieren, oft scheint ihn richtig die Lust dazu zu packen, dann will er sich auch nicht mäßigen. Ohne ein starkes Auftreten ginge es nicht, sagt er. Als Regierender Bürgermeister müsste er sich ja zum Beispiel im Streit um den Länderfinanzausgleich gegen einen wie Horst Seehofer behaupten. Das ist für ihn Politik. Er fing früh an, den Mund aufzumachen. In Hildesheim am Gymnasium Himmelsthür wurde er zum Klassensprecher und zum Schulsprecher und dann zum Landesschülersprecher gewählt, bis hinauf in die Bundesschülervertretung. Nach dem Abitur zog es ihn nach Berlin. Schon vorher hatte er oft Ausflüge in die Stadt unternommen. Über die ZVS, die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze, bekam Stöß erst mal einen Studienplatz in Göttingen, konnte aber bald in die Hauptstadt wechseln, wo er das Leben viel spannender fand. Er lebt in Schöneberg, ist meist mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs.

"Was mein Privatleben angeht, bin ich kein Erneuerer"

In Berlin lernte Stöß seinen Lebensgefährten kennen, die beiden Juristen treffen sich in einer Lerngruppe. Stöß spricht öffentlich nicht gern über Privates und so ist es für ihn etwas besonderes, als er gleich beim ersten Mitgliederforum von seiner Partnerschaft erzählt, die er bisher keineswegs verborgen, aber eben auch nicht heraus gestellt hat. "Was mein Privatleben angeht, bin ich überhaupt kein Erneuerer", sagte Stöß. Seit 18 Jahren seien sie zusammen, und er freue sich, dass dies in Berlin, dem "Sehnsuchtsort der Freiheit" so offen und frei gelebt werden könne.

Das schwerste Erbe ist die Pannen-Baustelle Flughafen

Stöß assistierte nach dem ersten Staatsexamen drei Jahre dem renommierten Staatsrechtler Ulrich Battis, absolvierte Referendariate in London und Berlin und kümmerte sich dann als Anwalt unter anderem für Kommunen um öffentliche Planung und Baurecht. Zu den Mandanten in diesen vier Jahren gehörte eine Kommune in Hessen, als es um Ausbaupläne für den Frankfurter Flughafen ging. Er wisse also, wie knifflig solche Verfahren werden könnten, sagt Stöß mit Blick auf den Hauptstadtflughafen. Die ewige Pannen-Baustelle wird das schwerste Erbe sein, das Wowereit einem Nachfolger hinterlässt. Zumindest theoretische Expertise sollte das Thema seiner Promotion gebracht haben: "Großprojekte der Stadtentwicklung in der Krise".

2007 wurde er Richter und erinnerte sich wieder an seine Mitgliedschaft in der SPD, in die Stöß als Jugendlicher eingetreten war. Als er 2008 den Vorsitz des Innenstadt-Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg übernahm, fand Stöß einen zerstrittenen Kreis vor, der geprägt war von persönlichen Fehden und Distanz zwischen den Genossen aus den so verschiedenen Kiezen, wohl auch noch zwischen Ost und West. Er startete eine Initiative, um die Kräfte zu vereinen. "Wir sind ein Kreis", nannte er die Plattform. Sie sollte den Kreis aus der politischen Lähmung führen. Das Vermitteln, das Angreifen, beides soll für ihn zusammen gehören. Er will führen, möchte klare Linien vorgeben. Wenn man ihn in Gesprächsrunden beobachtet, fällt auf, wie schnell er versucht, Ton und Richtung vorzugeben. Er hört zu, ordnet ein, was er hört, will das Gespräch zu Lösungen führen. Dass er in der Partei dafür auch gern im Hintergrund arbeitet, Unterstützer an sich bindet, wird ihm von Kritikern angelastet.

Bescheidenheit kommt manchmal auch gut an

Für einen wie ihn muss es manchmal arg anstrengend sein in der Berliner SPD, die schnell misstrauisch wird, wenn einer sich zu dicke macht. Die offene Attacke gehört sich für diese Welt nicht, der selbstbewusste Auftritt erscheint suspekt. In diesem Frühjahr hatten viele in der SPD das Gefühl, dass es mit Wowereit nicht mehr lange weiter geht. Aber dass Stöß den Mann, der in Berlin zuweilen wie ein drolliges, wenn auch verschrammtes Maskottchen verehrt wird, damals zusetzte, das fanden viele zu forsch, ja respektlos. Bescheidenheit kommt manchmal auch gut an, wenn es falsche Bescheidenheit ist.

Sie wisse auch nicht, warum Stöß so oft Arroganz vorgeworfen werde, sagt eine Kollegin vom Gericht. Für sie sei das absurd, sie kenne ihn anders. "Ob es die Größe ist?" Stöß hat eine markante Art seinen Kopf hoch zu schieben, wenn er zu sprechen beginnt. Demütig erscheint das nicht, das Wort "herablassend" fällt manchmal in Beschreibungen über ihn. Oder ist er einfach nur selbstbewusst, und mag das nicht verbergen? Mit fast zwei Metern Größe thront er über fast allen anderen - aber wie würde es denn aussehen, wenn so ein Riese ständig zu Boden blickte? Beim Mitgliederforum im Willy-Brandt-Haus erkundigte sich kurz vor dem Ende in der Fragestunde ein Gast in feinem Englisch, wie es denn mit dem internationalen Auftritt bei den Kandidaten aussehe. Müller und Saleh antworteten unverbindlich und, anders als erbeten, auf Deutsch. Stöß widerstand der Versuchung nicht und begann seine Antwort in elegantem Englisch. Es klang gut, aber vorn hörte Stöß aus den Zuschauerreihen, wenn auch nicht für alle hörbar: "Angeber." Das sagt mindestens so viel über die Partei wie über den Kandidaten.

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