Italien und USA:Was Trump und Berlusconi gemein haben

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Donald Trump und Silvio Berlusconi: Geben den Outsider, sind aber eigentlich Teil des Establishments.

(Foto: Reuters/Getty)

Donald Trump ist für die Italiener ein einziges Déjà-vu: So einen Selbstdarsteller hatten sie selbst schon als Premier.

Von Oliver Meiler, Rom

Wenn die Italiener Donald Trump bei dessen Aufstieg zuschauen, beschleicht sie das Gefühl, in einem alten Film zu sitzen. So stark ist das Déjà-vu. So vieles erinnert sie an jene Zeit, über zwei Jahrzehnte ist es schon her, als Silvio Berlusconi, ebenfalls ein Mann aus der Immobilien- und Showwelt in ständiger Sorge um die Wirkung seines Haupthaars, die politische Bühne betrat und sie bespielte wie kaum einer vor ihm, schlau und clownesk, und das Publikum gleichermaßen faszinierte und verstörte mit seinen Vereinfachungen. Die Parallelen zwischen "The Donald" und "Il Cavaliere" sind so zahlreich, dass sich US-Medien regelmäßig von italienischen Medien über das Phänomen der Berlusconisierung aufklären lassen.

Am liebsten fragen sie dann Beppe Severgnini, den bekannten Reporter der Mailänder Zeitung Corriere della Sera. Der war einmal Korrespondent des Economist und kann Englisch. Severgnini ist ein geistreicher Deuter der Italianità. In seinen Kolumnen und Büchern erklärt er normalerweise den Italienern, warum sie so sind, wie sie sind. Wenn aber die Amerikaner anrufen, beschränkt sich Severgnini nicht in einer Exegese Berlusconis, des Originals. Sondern er rät dem besorgten Teil der US-Öffentlichkeit auch noch, was unbedingt zu tun sei, um zu verhindern, dass die vermeintliche Kopie, an die Macht kommt. Es ist eine bittere Lektion, die Severgnini da erteilt: Die Italiener haben Berlusconi ja gleich mehrmals an die Macht gewählt.

Sechs Regeln für den Umgang mit Trump

Hier nun der sinngemäße Regelkatalog aus Italien. Regel 1: Macht alles anders als wir. Regel 2: Dämonisiert Trump nicht, wie wir Berlusconi verteufelten, seid nicht besessen von ihm, lasst euch nicht hypnotisieren: Das alles macht ihn nur stärker. Regel 3: Widersteht der Versuchung, ihn für eine Witzfigur zu halten, selbst wenn die Versuchung groß sein sollte. Regel 4: Nehmt ihn nicht allzu ernst, wenn er Unsägliches sagt, er will damit nur auffallen. Regel 5: Behaftet ihn und unablässig auf die Umsetzung dessen, wovon er wild schwadroniert. Zwingt ihn also dazu, langweilig zu sein. Regel 6: Glaubt nicht, sein Populismus sei chancenlos und die Wähler würden am Ende nicht auf ihn hereinfallen. Italien ist ein Beispiel dafür, dass sie das sehr wohl können. Wähler sind empfänglich für ein komplett neues, politisches Narrativ: eines ohne Tabus, laut vorgetragen, politisch unbedingt unkorrekt. Gerade in diesen Zeiten.

Im Stil sind sie sich sehr ähnlich. Trump wirbt wie einst Berlusconi mit seinem Erfolg als Geschäftsmann. Er verkauft sich als Traumstifter, als Beweis dafür, dass es jeder zu viel Geld, Häusern, Frauen bringen kann, wenn er nur wolle und dafür arbeite. Natürlich ist die Geschichte eine Schimäre, keiner von beiden ist ein Selfmademan: Trump erbte das Geschäft vom Vater; Berlusconi kam auf nie geklärte Weise zu seinen Milliarden. Doch ihnen schadete das nicht. Die Italiener sagten sich damals: Berlusconi hat so viel Geld, der braucht uns nicht zu bestehlen, wie alle anderen Politiker. Als Multimilliardäre gehören beide zur Spitze des Establishments, gerieren sich aber erfolgreich als Outsider. Sie bedienen dabei niedere Instinkte. Beide hausierten schon mit ihren angeblichen Heilkräften. Trump sagt: "Ich werde Amerika wieder großartig machen." Berlusconi sagte einmal: "Ich bin der Jesus Christus der Politik. Ich opfere mich für das Wohl aller." Ideologische Kohärenz ist ihnen nicht so wichtig. Wichtiger ist das Image.

Es gibt aber auch entscheidende Unterschiede: Als Berlusconi 1993 beschloss, das "Spielfeld zu betreten", wie er es nannte, lag Italiens Erste Republik in Trümmern. Seine Mäzene aus der Politik, die ihm zum Medienimperium verholfen hatten, waren über Korruptionsskandale gestürzt. Um seine Geschäfte und sich vor der Justiz zu schützen, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Rom politische Immunität zu besorgen. Er brauchte keine Partei zu erobern, um nach der Macht zu greifen, wie das Trump bei den Vorwahlen der Republikaner und gegen deren Führung tun musste. Berlusconi schuf sich eine Partei und benannte sie nach dem Schlachtruf aus dem Sport: Forza Italia. Es fiel ihm leicht, die Rechte um sich zu scharen. Vakuum und Verdruss waren immens.

Berlusconi profitierte von seiner Medienmacht

Leicht war es aber vor allem, weil Berlusconi neben Zeitungen und Magazinen auch drei von sechs nationalen TV-Sendern besaß, die seine Propaganda verbreiteten. Wie Presslufthämmer wirkten die in die Köpfe der Italiener. Eine solche Medienmacht besitzt Trump nicht. Er trat zwar früher in einem TV-Format auf, in dem er sich selbst spielte, doch das war nur eine Show. Berlusconi aber war die Show. Er war Medium, Regisseur, Botschaft und Botschafter zugleich. Mit seinen Sendern konnte er die Öffentlichkeit so gestalten, wie er wollte: auf kulturell tiefem Niveau. Der Sog zog alle Kanäle, auch öffentliche, mit runter.

Dreimal brachte es Berlusconi zum Ministerpräsidenten. Neun Jahre regierte er das Land, so lange wie bisher kein anderer römischer Premier seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Italiener wählten Berlusconi selbst dann noch, als er hinlänglich bewiesen hatte, dass ihn das Wohl der Nation nur leidlich kümmerte und dass er als "CEO der Italien AG", wie er sich gern sah, grandios versagt hatte. Trump hätte, würde er an die Macht gelangen, viel mehr davon als Berlusconi je hatte. Er hätte sogar die Entscheidungsmacht über den ominösen roten Knopf. "Über Italien mit Berlusconi", schreibt La Stampa, "konnte die Welt noch lachen". Über die USA mit Trump amüsiert sich niemand.

Trump über Berlusconi: "Er ist ein anständiger Mann"

Jüngst wurde Berlusconi gefragt, was er davon halte, dass man Trump "Amerikas Berlusconi" nenne. Jeder sei frei, die Vergleiche anzustellen, die ihm gefielen, sagte er: "Mir kommt Trump eher vor wie eine Kreuzung aus Matteo Salvini und Beppe Grillo." Eine Mischung also aus dem Chef der rechtsextremen Lega Nord und dem Komiker und Anführer der Protestpartei Movimento Cinque Stelle. Nett war das nicht gemeint. Von Trump hingegen ist überliefert, dass er den Italiener gut leiden kann: "Mir gefällt Berlusconi sehr," sagte er einmal, "er ist ein anständiger Mann." Wobei Anstand keine Tugend ist, die den beiden Herren besonders am Herzen liegt.

Den anschaulichsten Rat entbot Beppe Severgnini den Amerikanern in der New York Times: "Kauft ihm nichts ab", appellierte er an jene, die sich von Trump angezogen fühlten, "verhaltet euch, als würdet ihr vor einem geschwätzigen Autoverkäufer stehen. Stellt ihm einen Haufen Fragen und fordert konkrete Antworten. Öffnet den Kofferraum, kontrolliert die Bremsen. Und lasst euch auf keinen Fall eine Testfahrt aufschwatzen: Mr. Trump könnte die Türen verriegeln, losrasen und den Wagen gegen die nächste Mauer fahren." Plastisch geschildert, aus lebendiger Erfahrung.

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