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Italien:Ein Vorbild kehrt zurück

Former mayor of Riace Mimmo Lucano speacks at La Sapienza University Rome Italy

"Am Ende sprechen sie mich wahrscheinlich frei": Mimmo Lucano (Mitte), Gründer des "Villaggio Globale" und Ex-Bürgermeister von Riace.

(Foto: dpa/picture alliance/Photoshot)

Riace in Kalabrien galt international als Modell der Integration von Migranten, bis die Politik der Lega alles zerschlug. Nun wacht es wieder auf - wie aus einem miesen Traum.

Der Geruch von Chlorbleiche hängt in jeder Gasse, beißend scharf. Das Reinigungsmittel soll alles rausputzen, den Staub eines ganzen Jahres, auch die Enttäuschungen. Aus einem alten Radio in der Bar Gervasi am Hauptplatz tönt "Smoke on the Water" von Deep Purple, wenn das Gerocke nur nicht die Betenden in der Kirche gegenüber stört. Riace wacht auf, wie aus einem miesen Traum. Das kalabrische Dorf, an einen Hügel über dem Ionischen Meer gebaut, war ein Jahr in allen Nachrichten, immer wieder, es war Spielball der nationalen Politik geworden. Nun sucht es den Weg zurück in die Normalität.

Gleich kommt Domenico Lucano, der frühere Bürgermeister, den sie alle nur "Mimmo" rufen. Er biegt mit seinem Wagen in die Via Garibaldi ein, ziemlich schnell fährt er durch den schmalen, bunten Holzbogen, der von einer anderen Zeit kündet. "Villaggio Globale", steht darauf, Weltdorf. "Wir müssen wieder Hoffnung stiften", sagt er beim Aussteigen. Er wird umschwärmt von Anhängern und Bittstellern, fasst sich an den Rücken und verzieht das Gesicht. Er könne kaum stehen. Wahrscheinlich hat er einfach keine Lust auf das Interview, mit Reportern ist Lucano immer etwas schnippisch. "Der Rücken!" Dann lacht er und redet sturzbachartig.

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Mimmo Lucano, 61, Aktivist und Idealist, ist Erfinder des "Modello Riace", eines einst gefeierten Integrations- und Entwicklungsprojekts. Vergangenes Jahr wurde er auch im Ausland berühmt, über Nacht gewissermaßen. Dafür sorgte Matteo Salvini, Italiens damaliger Innenminister. Der hatte ihn zum Gegenspieler erkoren. Salvini nannte Lucano eine "totale Null". Bei allen Auftritten beschimpfte er ihn, wie er es mit Carola Rackete tat, der Kapitänin der Sea Watch 3: ungehalten, unministerial. Auch Lucano nannte er einen linken Gutmenschen. Nach Salvinis Verständnis sind Gutmenschen Schwerverbrecher.

Lucano durfte nicht einmal seinen todkranken Vater besuchen

Ein Jahr lang ist Lucano nun weggewesen. Die Justiz verbot ihm sogar, den Boden seiner Gemeinde zu betreten, er durfte nicht einmal seinen todkranken Vater besuchen. Erst vor einigen Wochen hob sie die Verfügung auf, und niemand in Riace ist überrascht, dass der Entscheid mit Salvinis Sturz in Rom zusammenfiel. Auf den Tag genau. "Ja, Salvini ist weg, eine große Veränderung habe ich aber noch nicht gesehen", sagt Lucano. Dessen Immigrationsdekrete? Sind immer noch in Kraft. "Nur das allgemeine politische Klima ist etwas besser geworden, sagen wir mal: die Grundstimmung."

Das Verfahren gegen Lucano in Reggio Calabria, Hauptort der Provinz, läuft weiter. Es handelt von angeblichem Amtsmissbrauch und Begünstigung illegaler Einwanderung. Das klingt schwerwiegender, als es ist. Beim Amtsmissbrauch geht es darum, dass Lucano die Müllabfuhr ohne Ausschreibung den einzigen beiden Kooperativen zuschlug, die dafür in Frage kamen. Eine von ihnen brachte den Abfall mit einem Esel weg. Begünstigung unerlaubter Einwanderung wirft man ihm vor, weil er fiktive Ehen geschlossen haben soll, eine oder zwei, damit man die Migranten nicht ausweisen konnte. Lucano hielt sich an die Devise: Gerechtes Handeln folgt nicht immer jedem Komma des Gesetzes. Das macht ihn angreifbar, und mit ihm sein Modell.

Geboren wurde das "Modello Riace" vor zwanzig Jahren. Das Dorf starb damals langsam vor sich hin, wenigstens "Riace Sopra", der Dorfteil oben am Hang. Riace Marina dagegen, sieben Kilometer entfernt, der Gemeindeteil unten an der Küste, konnte sich mit dem Sommertourismus über Wasser halten. Lucano hatte die Idee, die verfallenden Häuser Weggezogener oben neu zu nutzen und Zuwanderern zu geben. Sie sollten sie umbauen und bewohnen. Sie sollten Leben ins Dorf bringen. Lucano rief jeden Hausbesitzer persönlich an: in Kanada, Australien, Argentinien. Alle willigten ein. "Nicht einer sagte Nein."

Von 2004 bis 2018, der Amtszeit Lucanos, zogen Hunderte Migranten nach Riace, in das Villaggio Globale. Die ersten waren Kurden, sie kamen mit einem Segelschiff in Riace Marina an, man nahm sich ihrer an. Seither nennt man Lucano im kalabrischen Dialekt auch "Mimmo u curdu". Die neuen Bewohner arbeiteten in Werkstätten, Backstuben, Bars, einer Osteria, alles neu gegründet. Öffentliche Subventionen finanzierten die Projekte. Statt Tagespauschalen erhielten die Menschen Gutscheine, mit denen sie in den Geschäften des Dorfes einkaufen konnten, nur da.

Ein lebendiges Dorf - zumindest eine Zeit lang

Riace galt bald als Beweis, dass das Zusammenleben, wenn es breit getragen und durchdacht ist, nicht nur reibungslos funktionieren kann, sondern obendrein auch ein Dorf vor dem Tod rettet. "Sie hätten vor zehn, fünfzehn Jahren herkommen sollen", sagt der Barista im Gervasi, der keinesfalls über Politik sprechen mag. "Damals war das Dorf voller Menschen aus aller Welt, prall mit Leben, und alle waren beschäftigt - auch wir Einheimischen." Zu den besten Zeiten war ein Viertel der Bewohner von Riace zugewandert: 600 von 2300. Lucano empfing Bürgermeister aus anderen Regionen Italiens und anderen Ländern. Alle wollten den Erfolg studieren.

Dann drehte der Wind. Nicht nur in Italien, aber in Italien mit besonderer Vehemenz. Salvinis scharfe Rhetorik gegen die Migranten und ihre Helfer verfing auch in Riace, wenigstens in Riace Marina, und dort leben zwei Mal so viele Wähler wie in Riace Sopra. Neuer Bürgermeister wurde Antonio Trifoli, einer von unten. Er gehört zwar nicht der Lega an, doch die trug ihn mit. "Riace geht an die Lega", schrieben die nationalen Zeitungen. Damit, so hörte sich das an, war der Triumph von Lega-Chef Salvini perfekt: Sogar Riace war gefallen.

Die meisten Migranten zogen weg, nur fünf Familien blieben. Die Projekte schlossen, eins nach dem anderen: die Nähstube "Herat", die Töpferei "Kabul", die Bäckerei "Alice". Bis gar nichts mehr da war. Lucano erhielt zwar Auszeichnungen im Ausland. Doch daheim, unter der Propaganda Salvinis, fragten sich nun viele, ob das vielleicht gar nicht so toll war, was er geleistet hatte.

Es ging nur darum das Modell zu zerstören, den Idealismus, die Solidarität

Die Ermittler suchten unterdessen nach versteckten Bankkonten, nach abgezweigten Subventionen, doch sie fanden nichts. Lucano hatte nichts gestohlen, nichts unterschlagen. "Das ärgerte sie ganz besonders", sagt er. "Mit Idealismus können sie nichts anfangen." Dann warfen sie Lucano vor, er habe in die große Politik gewollt, ins Europaparlament. Dabei habe er die Angebote der Linken für eine Kandidatur abgelehnt. "Am Ende", sagt Lucano, "sprechen sie mich wahrscheinlich frei. Es ging nur darum, das Modell zu zerstören." Den Idealismus, die Solidarität. Das sei auch Matteo Salvinis Plan gewesen. Bis zum Sommer jedenfalls, bis er über seine Allmachtsfantasie stolperte und sich selbst von der Macht wegputschte. Lucanos Nachfolger Antonio Trifoli wiederum, der Mann mit dem Draht zur Lega, so erfährt man jetzt, war gar nicht wählbar. Sein Stellvertreter regiert das Dorf provisorisch, alles ist im Fluss.

Darum riecht es nach Chlorreiniger in den Gassen von Riace. Im Atelier mit den Webstühlen etwa, wo zwei Pakistanerinnen auf die Wiederaufnahme der Arbeit warten. Eine von ihnen kommt aus Kaschmir. Sie heißt Rafia, ist 30 und lebt hier seit fünf Jahren mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern. "Mimmo", sagt sie, "hat uns eine Wohnung und eine Arbeit gefunden." Ihre Kinder gehen jetzt in Riace Marina zur Schule. Oben, in Riace Sopra, gibt es keine Schule mehr. In der Backstube "Alice" steht eine junge Syrerin und wartet, Lucano wird gleich auch bei ihr vorbeischauen. Er ist ihr Auferstehungshelfer, der Hoffnungsritter.

"Jetzt, wo wir nicht mehr im Rathaus sitzen, ist es sogar einfacher geworden", sagt er. Sie müssten sich nicht mehr ständig rechtfertigen für alles. Finanziert wird die Renaissance von der Stiftung "Riace Città Futura", mit Spendengeld also, und davon läuft auch aus dem Ausland reichlich rein. Gerade wegen der Ideen, der Solidarität. "Heute morgen haben wir Spielzeug für den Kindergarten gekauft." Es ist ein Anfang, ein sachtes Erwachen.

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