Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella:Schiedsrichter vom Quirinalspalast

Sergio Mattarella, Italien

Italiens Staatsoberhaupt Sergio Mattarella wird zur zentralen Figur im politischen Ränkespiel in Rom. Mischt er sich ein?

(Foto: dpa)

Das italienische Staatsoberhaupt sieht sich selbst in der Rolle des Unparteiischen, "wie im Fußball". Doch nun wird der stille, etwas steife Mattarella zum Hauptakteur im Machtspiel in Rom.

Von Oliver Meiler, Rom

Sergio Mattarella ist verreist, und das sollte man in diesem denkwürdig hektischen italienischen Sommer unbedingt als politisches Signal lesen. Der Staatspräsident verbringt seinen Urlaub wie gehabt auf La Maddalena. So heißt eine Insel vor Sardinien, ein Idyll, umwogt von smaragdgrünem Meer. Wie lange der 78-jährige Sizilianer da bleibt, hängt vom Verlauf der römischen Regierungskrise ab. Oder ist es vielleicht umgekehrt?

Mattarella wird nun zur zentralen Figur eines mehrschichtigen, oftmals undurchsichtigen Machtspiels, an dessen Ende Italien eine neue Regierung oder eben einen Termin für vorzeitige Neuwahlen haben wird. Jede Geste des Präsidenten wird analysiert, jedes scheinbar achtlos fallengelassene Wort, auch jede nicht verschobene Ferienreise.

Italienische Staatsoberhäupter bringen die meiste Zeit ihres siebenjährigen Mandats damit zu, patriotische Reden zu halten, Orden an verdienstvolle Bürger zu verteilen und Empfänge zu geben in ihrem schönen römischen Palast, dem Palazzo del Quirinale auf dem gleichnamigen Hügel, der früher als Sommerfrische von Päpsten und Königen diente. Sie sind Zeremonienmeister, schweben über allem.

Zerfallen aber Regierungsmehrheiten, wird der Präsident in die Niederungen der alltäglichen Politik gezerrt. Er ist dann Hauptakteur, mittendrin. Und alle anderen, die sonst immer laut sind, müssen rauf zu ihm, auf den "Colle", den Hügel, und vor allem zuhören. Sogar Matteo Salvini.

Dem rechten Innenminister wäre es bekanntlich lieb, wenn jetzt alles sehr schnell ginge, bald neu gewählt würde und er dann "mit allen Vollmachten" regieren könnte, wie er es nannte. Doch den Takt geben andere vor. In der Krise darf der Präsident fast alles. Mattarella weiß da genau Bescheid.

Er ist Verfassungsrechtler, einer der besten im Land, und ehemaliger Verfassungsrichter. In seiner langen Karriere war der linke Christdemokrat zudem Minister für die Beziehungen zum Parlament. Ein altes Wahlrecht trägt seinen Namen, das "Mattarellum". Man kann also sagen, dass das republikanische Gefüge mit seinen Rädchen und Riten sein Fachgebiet ist. Er prägte es mit.

Mattarella ist ein stiller, etwas steifer Mann. Sein Stil hebt sich wohltuend ab vom oftmals vulgären Gebrülle aus dem Politbetrieb. Die Italiener mögen ihn gerade deshalb sehr. In die Politik hatte er eigentlich gar nie gehen wollen, sagt er, obschon ihn seine Familiengeschichte dazu prädestinierte. Sein Vater Bernardo war eine einflussreiche Figur der Democrazia Cristiana und sieben Mal Minister.

"Einer wie im Fußball"

Sein älterer Bruder Piersanti war ein besonders mutiger Gouverneur Siziliens. Am Dreikönigstag 1980, kurz nach der Messe, erschoss ihn die Mafia. Im Auto. Er starb in den Armen Sergios. Damals entschied sich der Bruder, das Vermächtnis der Mattarellas weiterzutragen. Etwas Schwermut blieb immer an ihm haften.

Als Mattarella 2015 Präsident wurde, sagte er, er werde ein Schiedsrichter sein, "einer wie im Fußball". Das Bekenntnis war auch als Abgrenzung zu seinem Vorgänger gedacht. Giorgio Napolitano war ein sogenannter "Interventionist" gewesen, er mischte sich ein. Man nannte ihn deshalb auch "König Giorgio".

Mattarella hat sich bisher an seine selbst gewählte Rolle gehalten. Zuweilen rief er die Spielführer zu sich, wie das Referees nun mal tun, um sie mit bestimmtem Ton an die Regeln des Spiels zu erinnern. Doch er gab sich stets geduldig mit den Populisten, auch als ihn diese angriffen. Und er unterzeichnete alle ihre Gesetze, obschon ihn viele betrübten. Er war nie parteiisch.

Sollte sich Mattarella nun aber ein bisschen einmischen, wie die Verfassung das vorsieht - etwa, indem er die Parlamentskammern nicht sofort auflöst und damit die Frist bis zu Neuwahlen dehnt - ja, dann würde Salvini wohl behaupten, der Präsident führe einen Staatsstreich auf. Colpo di stato! Fair wäre der Vorwurf nicht. Aber was zählt schon Fairplay in Zeiten des Gebrülls?

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