Islamfeindlichkeit in Deutschland "Auch ein religiöser Mensch kann integriert sein"

Die Deutschen werden islamfeindlicher, ergab eine Befragung - vor Pegida und den Anschlägen von Paris. Warum? Studienleiterin Yasemin El-Menouar sagt: Viele Deutsche wissen wenig über den Islam. Wir haben verpasst, über Religion zu sprechen.

Von Hannah Beitzer

57 Prozent der nichtmuslimischen Deutschen empfinden den Islam als bedrohlich, 61 Prozent finden, er passt nicht "in die westliche Welt". Das ergab eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, für die Wissenschaftler im Herbst Muslime und Nichtmuslime in Deutschland befragten. Im Interview spricht Studienleiterin Yasemin El-Menouar über die Gründe für die Islamfeindlichkeit der Deutschen, Versäumnisse in der Integrationsdebatte und die Auswirkungen des Terroranschlags von Paris.

SZ: Warum empfinden so viele Menschen in Deutschland den Islam als bedrohlich?

Yasemin El-Menouar: Das Bild des Islam in Deutschland ist sehr stark von den Berichten über Islamismus und Terror geprägt. Es liegt ja in der Natur der Dinge, dass wir häufig über die Probleme der Welt reden und berichten und nicht so sehr über das Normale. Viele Leute wissen außerdem nicht genau, wo sie die Grenze ziehen sollen zwischen Islam und Islamismus.

Woran liegt das?

Zum einen liegt das daran, dass die Leute in vielen Gegenden Deutschlands gar keinen Kontakt zu Muslimen haben. In unserer Studie haben 63 Prozent der Befragten gesagt, dass sie keinen Menschen muslimischen Glaubens in ihrem Bekanntenkreis haben. In Ostdeutschland waren es sogar 90 Prozent. In diesen Gegenden ist die Ablehnung am größten.

Warum gibt es so wenig Kontakt?

Es ist nicht so, dass die Leute das nicht wollen. Aber es gibt ja nur fünf Prozent Muslime in Deutschland, an vielen Orten bietet sich gar nicht die Gelegenheit, sich zu treffen.

Unter diesen Umständen Vorurteile abzubauen, ist schwer ...

Das stimmt. Ein stückweit hat sich das negative Bild des Islam einfach festgesetzt. Ich habe einmal einen Vortrag gehalten, der die These hatte: Eigentlich gibt es keine Parallelgesellschaften. Und der erste Wortbeitrag nach dem Vortrag war die Frage: Was tun wir gegen Parallelgesellschaften?

Wie schafft man es dennoch, die Akzeptanz von Muslimen zu steigern?

Natürlich hilft es, Orte zu schaffen, wo sich Menschen begegnen können. Ein Tag der offenen Moschee ist zum Beispiel ein guter Anfang. Wir haben es außerdem verpasst, über Religiosität zu sprechen. Deutschland ist eine wenig religiöse Gesellschaft und die Muslime sind im Verhältnis dazu relativ fromm. Ihr Glaube ist außerdem sehr sichtbar und das verstört die nichtmuslimische Bevölkerung, für die die Religion eher zur Privatsphäre gehört. Wir müssen deutlich machen: Auch ein religiöser Mensch kann integriert sein, es geht keine Gefahr von ihm aus.

Wie könnten konkrete Schritte aussehen?

Zum Beispiel müsste der Islam rechtlich anderen Religionsgemeinschaften gleichgestellt werden. Außerdem müssen wir über Vielfalt sprechen. Es gibt eine mangelnde Akzeptanz von Andersartigkeit ganz generell. Wir müssen erkennen, dass wir eine plurale Gesellschaft sind und verstehen, was das bedeutet.

Sie haben Ihre Studienteilnehmer bereits im Herbst befragt, vor der Debatte um Pegida, vor den Terroranschlägen von Paris. Erwarten Sie nun, dass sich das Islam-Bild der Deutschen weiter verschlechtert?

Derartige Ereignisse haben tatsächlich Auswirkungen auf die Einstellung der Menschen. Allerdings sind die meistens kurzfristig. Dann pendelt sich das wieder auf ein Normalmaß ein. Was allerdings in Bezug auf den Islam schon negativ ist. Doch auf der anderen Seite erlebe ich die Debatten um Pegida und die Wortäußerungen zum Terroranschlag in Paris als sehr differenziert. Große Teile der Bevölkerung wenden sich gegen Pegida und sagen: Ressentiments haben in unserer Gesellschaft keinen Platz. Und nach den Ereignissen in Paris betonten viele, dass islamistischer Terror nicht mit dem Islam gleichzusetzen ist.

Könnte das nicht gerade zu Trotzreaktionen unter denjenigen führen, die den Islam fürchten?

Ressentiments zu ächten ist gerade ein wichtiges Signal. Trotzdem bringt es natürlich nichts, zu sagen: Ihr seid alle rechts. Die Angst, die diese Menschen verspüren, ist diffus. Der Islam ist nur ein Ventil, nicht die Ursache für ihre Wut. Sie merken, dass sich die Gesellschaft verändert, dass es Unsicherheiten gibt. Und wenden sich gegen viele Dinge, die ihnen fremd vorkommen, die Andersartigkeit verkörpern.