Iran:Raketen auf die Nachbarn

Iran: Kurz vor dem Angriff sprach Irans Außenminister Amir-Abdollahian in Davos mit Pakistans Premier über gemeinsame Terrorbekämpfung.

Kurz vor dem Angriff sprach Irans Außenminister Amir-Abdollahian in Davos mit Pakistans Premier über gemeinsame Terrorbekämpfung.

(Foto: FABRICE COFFRINI/AFP)

Zum zweiten Mal diese Woche nimmt das iranische Regime ein Nachbarland ins Visier: Raketen und Drohnen treffen angebliche Rückzugsorte von Terroristen in Pakistan. Auch in Syrien und im Irak schlagen iranische Raketen ein. Was bezweckt Teheran?

Von Raphael Geiger und David Pfeifer, Istanbul/Bangkok

Was das iranische Regime am Dienstag tat, war selbst für dessen Verhältnisse ungewöhnlich. Tagsüber hielt sich Außenminister Hossein Amir-Abdollahian beim Weltwirtschaftsforums in Davos auf und traf dort den Premierminister von Pakistan, Anwaar-ul-Haq Kakar. Beide versicherten einander, sie wollten bei der Terrorbekämpfung in Zukunft enger zusammenarbeiten. Am selben Tag trafen sich Schiffe der iranischen und der pakistanischen Marine zu einer Übung im Indischen Ozean. Wenige Stunden später schlugen in Pakistan iranische Raketen und Kamikazedrohnen ein.

Es war keine Übung, sondern der Ernstfall. Es hieß, bei dem Angriff auf ein Dorf an der pakistanisch-iranischen Grenze seien zwei Kinder ums Leben gekommen und drei weitere verletzt worden. Das iranische Regime erklärte, das Dorf liege in einem Rückzugsgebiet von Jaish ul-Adl, einer sunnitischen Terrororganisation aus Iran. Jaish ul-Adl operiert in Belutschistan, einer armen, mehrheitlich sunnitischen Region, die teils im schiitisch dominierten Iran liegt, teils im sunnitischen Pakistan.

Pakistan drohte "ernste Konsequenzen" an

Die beiden Länder teilen sich eine 900 Kilometer lange, schwer zugängliche Grenze. Jaish ul-Adl zieht sich immer wieder nach Pakistan zurück, um von dort aus Attacken in Iran zu planen. Erst im Dezember griff sie eine iranische Polizeistation an und tötete mehrere Beamte. Dafür scheinen die iranischen Raketen und Drohnen am Dienstag nun die Rache gewesen zu sein. In Islamabad wurde nun der iranische Vertreter einbestellt. Der Vorfall sei "völlig inakzeptabel", so die pakistanische Regierung. Das Außenministerium veröffentlichte eine Erklärung, in der es androhte, dass die Aktion "ernste Konsequenzen" haben werde.

Auch wenn der Angriff nicht direkt mit dem Krieg im Gazastreifen zu tun hat, fällt er in eine hoch angespannte Lage im Nahen und Mittleren Osten. Es ist diese Woche schon das zweite Mal, dass iranische Raketen ein Nachbarland treffen. Am Montagabend geschah es in Syrien und im nordirakischen Erbil, wo mehrere Zivilisten starben. Auch dies sei eine Operation gegen Terroristen gewesen, hieß es aus Teheran. Nämlich gegen Zellen des IS in Syrien, der sich zum Anschlag im iranischen Kerman Anfang Januar bekannt hatte, damals starben über 90 Menschen; sowie gegen den israelischen Geheimdienst Mossad, von dem Iran behauptet, er unterhalte in Erbil ein Spionagezentrum.

Das Mullah-Regime befindet sich in einem Zwiespalt

All das, während Iran mittels seiner Verbündeten an mehreren Konfliktherden der Region beteiligt ist. Die "Achse des Widerstands", Irans antiisraelisches Bündnis, reicht von der Hamas über die libanesische Hisbollah bis zu den Huthi in Jemen, außerdem gehören irakische Milizen dazu. Seit der Krieg in Gaza begonnen hat, waren es die Bündnispartner, vor allem die Hisbollah und die Huthi, die militärisch aktiv wurden, nicht Iran selbst.

Das Mullah-Regime befindet sich in einem Zwiespalt. Einerseits will es keinen großen Krieg gegen Israel und damit auch gegen die USA. Andererseits gehört es zum Kern der Ideologie ihrer Islamischen Republik, gegen die Erzfeinde vorzugehen, worauf Hardliner in Teheran ständig dringen. Und daneben ist es schlicht militärische Logik, dass Teheran reagieren muss, wenn es von seinen Gegnern provoziert wird - wie etwa mit der Tötung eines ihrer Generäle in Syrien im Dezember, mutmaßlich durch Israel. Oder dem US-amerikanischen Luftschlag gegen einen Anführer einer wichtigen proiranischen Miliz in Irak.

Noch nie sei eine iranische Rakete so weit geflogen, hieß es im Staatsfernsehen

Jedes Mal schwor Iran Rache. Es war klar, dass das Regime einen Weg suchen würde, seine militärische Stärke zu zeigen, einen, der den Konflikt nicht zwingend eskaliert. Worin wohl ein Grund lag für die Raketenangriffe dieser Woche: Das syrische Idlib ist von Iran aus ungefähr so weit entfernt wie Israel. Im iranischen Staatsfernsehen wiesen sie darauf immer wieder hin. Noch nie sei eine iranische Rakete so weit geflogen.

Allerdings riskiert das Regime mit seinen Angriffen viel außenpolitisches Kapital. Pakistan reagierte auch deswegen so empfindlich darauf, dass Iran seine Souveränität verletzt hat, weil das Land damit Erfahrung hat: Im Jahr 2011 töteten US-Soldaten in Pakistan den al-Qai­da-Anführer Osama bin Laden. Und der Irak, ein Land, das Iran eigentlich zu seiner Widerstandsachse zählt, äußerte sich nach den Raketeneinschlägen vom Montag so harsch gegenüber Teheran wie seit Jahren nicht mehr.

Dabei hatte der irakische Premier nach dem Tod des Milizenführers gerade erst den Abzug der letzten US-Truppen aus dem Land gefordert, ein Ziel, das Iran schon lange verfolgt. In Bagdad geht ohne die schiitischen Milizen und ihre Befehlshaber in Teheran nichts mehr. Trotzdem reichte das Land jetzt sogar eine Beschwerde gegen Iran vor dem UN-Sicherheitsrat ein.

Die Mullahs haben mit ihren Raketen diese Woche zwar gezeigt, wozu sie militärisch in der Lage sind, zugleich brachten sie aber zwei Nachbarn gegen sich auf. Und eine Antwort darauf, wie sie sich im Nahostkonflikt verhalten sollen, haben sie noch nicht gefunden.

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