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Interview mit Otto von Habsburg (2006):"Wenn es keinen König mehr gibt, vertritt der Parlamentarier die Menschen"

SZ.de: Sie sind der Sohn eines Kaisers und sind erzogen worden, um eines Tages den Thron zu besteigen. Später haben Sie sich demokratisch in ein Parlament wählen lassen. Wann hat diese Wandlung stattgefunden?

von Habsburg: Das kann ich Ihnen natürlich nicht genau sagen, denn das war eine lange Prozedur. Wissen Sie, das kam mit der Lebenspraxis. Schließlich war ich auch zwanzig Jahre CSU-Abgeordneter im europäischen Parlament und war wirklich glücklich dort.

SZ.de: Der damalige CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber war 1979, vor der ersten Europawahl, Ihnen gegenüber allerdings sehr kritisch eingestellt.

Trauerzug für Otto von Habsburg-Lothringen

Otto von Habsburg-Lothringen im Jahre 2003 während eines Besuches in der Wiener Kapuzinergruft am Sarg Kaiser Franz Josephs. Dort wird der letzte Kronzprinz von Österreich-Ungarn seine letzte Ruhe finden.

(Foto: dpa)

von Habsburg: Ja, anfangs hat er sich gegen meine Kandidatur ausgesprochen, aber das hat dann aufgehört. Das war eben das Schöne in der CSU damals, da konnte man solche Sachen machen. Anderswo nimmt man das viel zu ernst. Ich bin ja auch in punkto Wahlrecht vollkommen anderer Ansicht als die meisten Leute. Das Persönlichkeitswahlrecht ist das einzige, was funktioniert. Ich bin gegen das Listenwahlrecht, ich bin gegen die proportionelle Vertretung.

SZ.de: Warum?

von Habsburg: Sie ist wesentlich teurer als die Persönlichkeitswahl. Und: es entfernt den Gewählten vom Wähler und umgekehrt, den Wähler vom Gewählten! Kennen Sie denn heute Ihren Abgeordneten? Das ist eine der großen Gefahren für unsere Demokratie.

SZ.de: Aber Listen erlauben auch den weniger bekannten, dafür oft fähigen Leuten den Einzug ins Parlament.

von Habsburg: Ich bin nicht der Ansicht, dass man im Parlament besondere Geniusse haben muss. Der Parlamentarier hat eine ganz andere Aufgabe. Ich würde es mit einer historischen Begebenheit vergleichen: Nach seiner Amtszeit hat der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt eine Weltreise gemacht, im Zuge derer er auch bei Kaiser Franz Joseph zu Besuch war. Roosevelt hat ihn gefragt, was ein Monarch in der damaligen Zeit denn noch für eine Aufgabe habe. Daraufhin hat der Kaiser geantwortet: Meine Völker vor ihren Regierungen zu schützen. Für mich ein sehr kluges Wort. Wenn es keinen König mehr gibt, ist der Parlamentarier dazu da, die Interessen der Menschen vertreten.

SZ.de: Das Parlament als Nachfolger des Kaisers Franz Josef. Was der dazu wohl gesagt hätte?

von Habsburg: Ich glaube, er hätte Verständnis dafür gehabt. Denn wenn man sieht, wie er für das allgemeine Wahlrecht eingetreten ist, indem er verfassungsmäßig schon fast einen Putsch gemacht hat, würde ich sagen, er hätte es sehr gut verstanden.

SZ.de: Wie lange glaubten Sie, einmal auf dem Kaiserthron Platz zu nehmen?

von Habsburg: Das hat sich eigentlich entwickelt. Schauen Sie, mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus und Hitler wusste man schon, dass es eines Tages zu einem Krieg kommen würde. Die ganze Nachkriegsordnung nach dem Ersten Weltkrieg hat ja praktisch zu dieser Entwicklung hingeführt. Und dass es dann zu einer Neuordnung in Europa kommen würde, war auch klar. Und für mich war es auch nie die Frage Thron oder nicht, es ging vielmehr darum, dass der Donauraum, der ja natürlicherweise zusammen gehört, wieder zusammenfindet. Und das ist ja heute glücklicherweise der Fall.

SZ.de: Ist das untergegangene Vielvölkerreich die Blaupause für ein modernes Europa?

von Habsburg: Man kann niemals eine Zeit für die andere als Blaupause heranziehen. Aber es gab viele Dinge, die gut waren. Zum Beispiel bezüglich der Nationalitätenfrage: Da kommt man doch immer wieder zurück zum mährischen Ausgleich. Das war seinerzeit der Ausgleich zwischen Tschechen und Deutschen in Mähren im Jahr 1905. Im Landtag gab es eine Mehrheit der Deutschen und eine Minderheit der Tschechen, obwohl es in der Bevölkerung andersherum war. Daraufhin ereignete sich am Ende des 19. Jahrhunderts in Brünn ein Zwischenfall zwischen Tschechen und Deutschen, bei dem es leider Tote gab. Ein jüdischer Abgeordneter aus Brünn hat Deutsche und Tschechen an einen Tisch zusammengerufen, wo sie den Ausgleich ausgehandelt haben, gleich nach der Schiesserei.

SZ.de: Das heißt Bosnier, Serben und Kroaten müssten sich einfach an einen Tisch setzen?

von Habsburg: Ja, allerdings gehören Serben und Kroaten zwei verschiedenen Kulturen an, das sind zwei Welten. Aber natürlich bin ich absolut für den Beitritt der Serben zur EU, weil Paneuropa ganz Europa ist. Aber nur auf gleichberechtigter Basis. Die Kroaten kann man niemals den Serben unterordnen.