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Interview am Morgen: Ostdeutschland:"Nicht nur einfordern, sondern auch anbieten"

Eine Kamerafrau filmt die Pressekonferenz Symbolfoto Feature Randmotiv Bilanzpressekonferenz der

Aus dem Westen, gut vernetzt und männlich, das sind die typischen Führungskräfte in deutschen Konzernen.

(Foto: imago images / Sven Simon)

30 Jahre nach der Wende gibt es nur wenige Ostdeutsche in Spitzenpositionen. Der Leipziger Olaf Jacobs nennt mögliche Gründe und erklärt, was die Corona-Pandemie daran ändern könnte.

Interview von Anika Blatz

Knapp jeder fünfte Deutsche kommt aus Ostdeutschland. Aber auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung sind Ostdeutsche in den bundesdeutschen Chefetagen noch immer stark unterrepräsentiert. Lediglich knapp zwei Prozent der Führungsposten in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Politik, Verwaltung oder beim Militär werden von Ostdeutschen besetzt. Gemessen am Bevölkerungsanteil müsste diese Zahl zehnmal höher sein, damit man von einem ausgeglichenen Verhältnis sprechen könnte. Selbst in den ostdeutschen Bundesländern sitzen vor allem Westdeutsche an den Spitzen. Woran das liegen könnte, erklärt Olaf Jacobs, selbst Ostdeutscher und Regisseur, Film- und Fernsehproduzent sowie Honorarprofessor an der Universität Leipzig, der zwischen 2016 und 2020 verschiedene Datenerhebungen leitete, die sich mit der Repräsentanz von Ostdeutschen in der Gesellschaft befassen.

SZ.de: Herr Jacobs, warum ist es für Menschen aus den neuen Bundesländern immer noch so schwierig, in Spitzenpositionen zu kommen?

Olaf Jacobs: Das hat mehrere Gründe. Zum einen hat nach 1990 aus gutem Grund ein weitgehender Elitenaustausch stattgefunden. Westdeutsche haben in Ostdeutschland entscheidende Positionen übernommen. Im Osten greifen bis heute westdeutsche Netzwerke, in Westdeutschland sowieso. Und wenn man sich nur die ostdeutsche Berufslandschaft anschaut, gibt es da einfach ein überschaubares Angebot - was die Arbeitskraft, aber auch die Stellenangebote anbelangt. Die gigantische Migrationsbewegung, die es nach 1990 gab und bis heute gibt, hat dazu geführt, dass die besser ausgebildeten jungen Menschen, die jetzt in Elitefunktionen nachrücken könnten, hier fehlen - zumal Spitzenposten in den neuen Ländern Mangelware sind. Zum Beispiel hat kein einziges Dax-30-Unternehmen seinen Stammsitz im Osten. Ein Generationenfortschritt vollzieht sich deshalb viel langsamer, es wächst sich nicht so richtig aus.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Woran liegt es, dass sich westdeutsche Netzwerke bis heute - 30 Jahre nach dem Mauerfall - immer noch halten können?

Ich glaube, dass das etwas relativ Natürliches ist. Menschen, die auf derselben Universität studiert haben, die mehr biografische Berührungspunkte haben, halten eher zusammen. Dem westdeutschen Chef fällt es vielleicht leichter, jemanden mit einem ähnlichen Hintergrund nachzuholen. Und dann hat es womöglich auch damit zu tun, dass es nicht unbedingt zu den typischen ostdeutschen Eigenschaften gehört, mit besonderer Nachdrücklichkeit für Elitepositionen einzutreten.

Ostdeutsche müssten also stärker auf sich aufmerksam machen, selbstbewusster auftreten und ihre Mitwirkung nachdrücklicher einfordern?

Ohne Wenn und Aber. Und nicht nur einfordern, sondern auch anbieten. Sagen: Ich nehme die Dinge in die Hand, ich stehe zur Verfügung. Hier sind wir und wollen es und machen es.

Es werde sich gegenseitig "verdammt wenig zugehört", sagt Olaf Jacobs.

(Foto: privat)

Woran liegt es, dass die Ostdeutschen so zaghaft sind?

Ich verstehe das auch nicht richtig. Vielleicht hat das etwas mit den wahnsinnigen biografischen Brüchen zu tun, die viele erlebt haben, vielleicht führt das auch zu einer gewissen Unsicherheit. Ein tiefer Bruch im Selbstwertgefühl, etwas, das auch über die unmittelbar betroffene Generation hinweg weitergegeben wird. Ich finde es ehrlich gesagt erstaunlich, dass sich das nicht auswächst. Ich hatte große Hoffnung, dass sich dieses Problem erledigen würde.

Eine Anfrage des Linken-Bundestagsabgeordneten Matthias Höhn hat aktuell ergeben, dass in den Bundesministerien gerade mal vier von insgesamt 133 Abteilungsleiterposten mit Ostdeutschen besetzt sind, im Bundeskanzleramt, das ja immerhin einer ostdeutschen Kanzlerin zuarbeitet, gibt es überhaupt keinen ostdeutschen Topbeamten. Und das trotz Artikel 36 Grundgesetz, der festlegt, dass oberste Bundesbehörden ihre Stellen in angemessenem Länderverhältnis besetzen müssen. Woran liegt das?

Ja, auch auf Ministerebene sind die Ostdeutschen nur mit Franziska Giffey repräsentiert. Ich habe dafür keine Erklärung. Auch hier kann ich nur wieder die Netzwerke vermuten.

Im Rahmen einer Datenauswertung haben Sie festgestellt, dass die Ostdeutschen wesentlich weniger Vertrauen in die Demokratie und die Bundesregierung haben als die Menschen im Westen. Hat die fehlende Repräsentation im gesellschaftlichen Leben daran Anteil?

Na ganz klar. Mir ist bei meiner Arbeit ein wunderbares Zitat begegnet: Wenn Angela Merkel die Uckermark so vor sich hertragen würde wie Horst Seehofer Bayern, dann stünden wir ganz woanders. Und wenn es weniger Führungsfiguren gibt, die ihre Region stark vor sich hertragen, führt das dazu, dass sich das Gefühl verstärkt, nicht so richtig dazuzugehören.

Ist im Gefühl fehlender Anerkennung, in mangelnder Identifikation mit dem Gemeinwesen auch die Ursache für die Wut auf Eliten und den Zulauf der AfD in Ostdeutschland zu suchen?

Na sicher, es ist zumindest ein Grund. Wenn ich das Gefühl habe, ich werde nicht gehört, ich werde nicht gesehen, ich komme nicht vor, auch meine Themen kommen weitaus weniger vor, führt das natürlich immer zu Enttäuschung und einem Bemühen um Achtungszeichen. Außerdem fühlen sich viele abgehängt, bis heute verdienen Menschen in sehr vergleichbaren Jobs weniger. Gerade das Verdienstproblem wird sich in den nächsten Jahren noch halten. Und wir werden im Osten ein riesiges Problem haben, wenn die Menschen, die jetzt in den letzten 30 Jahren in den neuen Ländern weniger verdient haben, Rentner werden. Das bringt eine massive Altersarmut mit sich. Das macht es Organisationsstrukturen und Parteien leicht, die vorgeben genau diesen Menschen eine Stimme zu geben.

Wenn es Ostdeutsche in Führungspositionen schaffen, sind es vorwiegend Frauen. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum sich die ostdeutschen Frauen eher nach oben kämpfen als die Männer?

Was wir in den Zahlen immer wieder gesehen haben, ist, dass Frauen, und insbesondere ostdeutsche Frauen, viel mobiler sind. Vor allem eben räumlich. Wir haben geschaut, wie weit weg Menschen von ihrem Geburtsort leben und da sind Frauen schon in ihren frühen Ausbildungsjahren viel weiter. Sie gehen mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit weg. Es gibt vier Ostdeutsche im Dax-Vorstand und davon sind drei ostdeutsche Frauen. Die haben alle riesige Wege um die Welt gemacht. Dass Frauen schneller von zu Hause weggehen, scheint strukturell der Schlüssel zu sein.

Eine Möglichkeit, schnellere Veränderungen herbeizuführen, wäre die Einführung einer Quote für Ostdeutsche in Führungspositionen. Das lehnte der Bundestag im vergangenen Jahr ab. Wie kann man hier dennoch mehr Ausgewogenheit herstellen?

So profan das klingt, aber ich glaube, da hilft auch zuhören. Die Themen ernst zu nehmen, ernst zu nehmen, was den Menschen wichtig ist. Es hilft auch Anerkennung dafür zu zollen, mit einem so großen Umbruch bzw. mehreren Umbrüchen umgegangen zu sein. Und ich habe ganz häufig das Gefühl, dass ganz viele von den Sachen, die sich da in so einer Wut äußern, ganz viel damit zu tun haben, dass sich gegenseitig eben auch verdammt wenig zugehört wird in diesem Land.

Wie ist Ihre Zukunftsprognose für die nachwachsende Generation, die Millenials, die zwischen Anfang der achtziger und Ende der neunziger Jahre geboren wurden? Haben sie bessere Karrierechancen?

Was man ganz klar sagen kann, ist, dass sich die ungleiche Verteilung in den Führungspositionen nicht mit einer Generation erledigen wird. Aber Dinge ändern sich. Es gibt gerade mit Blick auf diese Generation den spannenden Umstand, dass wir aufgrund der Corona-Pandemie in einer Zeit leben, die für dieses Land noch einmal einen großen Umbruch bedeutet. Und da ist es für Arbeitgeber vielleicht sogar von Wert, Leute einzustellen, die einen solchen Umbruch und dessen Folgen schon einmal erlebt haben.

Die Reportage "Wir Ostdeutsche" unter Mitwirkung von Olaf Jacobs wird heute, 2. Oktober, um 20.15 Uhr auf RBB und MDR ausgestrahlt.

© SZ/leja/saul
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