Informatik und Verantwortung Es gibt wichtigeres als Apps für Hundehaufen

Software für Gesichtserkennung - hier eine Präsentation der chinesischen Firma Horizon Robotics - löst zumindest in Europa Ängste aus.

(Foto: REUTERS)

Die Blindheit einiger Banker war verheerend für die Gesellschaft und stigmatisierte den ganzen Berufsstand. Damit das den Informatikern nicht passiert, brauchen sie eine Ethik der künstlichen Intelligenz.

Gastbeitrag von Alexander von Gernler

Es gab einmal eine Berufsgruppe gefragter Experten. Sie kassierte hohe Gehälter und baute komplexe Produkte, die oft die Außenwelt nicht mehr verstand - sie selbst manchmal auch nicht, aber die Produkte verkauften sich ja. Diesen Experten war das auch egal, denn sie hatten ihre komfortable Subkultur mit ihrem eigenen Spezialjargon. Sie lösten eine Menge Probleme, die für sie in ihrer kleinen Welt bedeutend waren, sie hatten aber das Ganze aus dem Blick verloren. So veränderten sie die Gesellschaft global und in massiver Art und Weise. Am Schluss stürzten sie viele ihrer Mitmenschen in die Armut.

Die Rede ist, sehr generalisierend, von einer Gruppe von Bankern, die mit der Finanz- und der Immobilienkrise nicht nur für enorme gesellschaftliche Verwerfungen gesorgt haben, sondern auch den aufrichtigen und wohlmeinenden Rest ihres Berufsstands mit einem gesellschaftlichen Stigma versehen haben, das heute noch nicht ganz wieder abgeschüttelt ist. Besonders plastisch sind noch die Bilder von Demonstrationen an der Wall Street in Erinnerung, die unter anderem auch die sehr explizite wie unangenehme Aufforderung "Jump, you fuckers!" auf den Schildern trugen.

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich glaube, dass eine weitere Berufsgruppe gerade auf dem Weg ist, die gleichen Fehler zu machen. Es handelt sich um die Informatiker - meine eigene Profession.

Alexander von Gernler, 39, ist Vizepräsident der Gesellschaft für Informatik. Er leitet die Forschungsabteilung des IT-Unternehmens Genua.

(Foto: dpa)

Eine Bestandsaufnahme: Experten für künstliche Intelligenz (KI) werden derzeit von den großen Internetkonzernen für sechsstellige Einstiegsgehälter eingekauft. Jahreseinkommen über 200 000 Dollar sind realistisch erreichbar. Auch der Bundestag hat die Wichtigkeit des Themas erkannt und eine Enquête-Kommission zur künstlichen Intelligenz eingesetzt. Im Silicon Valley und andernorts kaufen sich die technikoptimistischen Individuen von ihrem Einkommen schicke Eigenheime, freuen sich ihres Daseins und gentrifizieren nebenbei ganze, vorher auch von anderen Menschen bezahlbare Wohngegenden.

Außer den Experten versteht niemand, wie KI funktioniert, und ganz so genau wissen es die Experten eigentlich auch nicht - sie funktioniert eben, gute Daten vorausgesetzt. Und auch die Informatik-nahen Start-ups kümmern sich heute vor allem um die bedeutenden Fragen in ihrem Mikrokosmos, etwa um Smartphone-basierte Aufsammeldienste für Hundehaufen.

Die Technik muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt

Dass 20 Prozent der Weltbevölkerung nicht nur kein Internet, sondern auch oft noch keine zuverlässige Stromversorgung oder sauberes Trinkwasser haben, spielt bei der Selbstverliebtheit ihrer Lösungen keine Rolle. Und ob es ein gesellschaftlich wünschenswerter Fortschritt ist, dass es nun Jobs wie Uber-Fahrer, Amazon-Paketbote oder Suchmaschinenoptimierer gibt, bleibt zu bezweifeln. Überhaupt ist es bedenklich, dass brillante Talente, Kollegen meines Berufsstands, sich die hohe Kunst der Informatik aneignen, nur um danach Werbung möglichst effektiv, zielgruppengerecht und sublim an ihre Mitmenschen zu bringen. Ist es das wert? Bis jetzt läuft auch noch alles sehr gut für die Informatiker - die Jobs sind sicher und die Einkommen üppig.

Ich möchte mir nicht vorstellen, wie in unserem Fall der große Knall aussehen würde. Auch hier würde ein kleiner Teil der Berufsgruppe dem Ansehen aller irreversiblen Schaden zufügen - das gilt es unbedingt zu verhindern.

Die Informatiker haben aber im Gegensatz zu den Bankern diese Chance noch. Es ist wichtig, dass wir uns auf die Wurzeln unseres Berufs rückbesinnen: Die Technik muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Sie darf auch nicht Selbstzweck sein. Das Primat der Gesellschaft ist entscheidend. Und wir müssen an das Problem heran, dass die (vor allem US-dominierte) Wirtschaft mit Riesenschritten davonzieht und selbst die Universitäten gegenüber den mächtigen Konzernen ihre Deutungshoheit über das Fach verloren haben. Das beste Beispiel dafür ist Google: Was dieser Konzern anpackt, wird de facto Standard - auch und gerade im Fall der künstlichen Intelligenz.

Weg vom Einzelkämpfertum

Wir Informatiker sind traditionell überwiegend nicht gewerkschaftlich organisiert - der wirtschaftliche Erfolg hat das nie zwingend nahegelegt. Wir sollten aber wenigstens bei gesellschaftlichen Fragestellungen wegkommen vom Einzelkämpfertum und Plattformen einrichten, auf denen eine Debatte innerhalb der Profession und mit den Leuten da draußen stattfinden kann. So hat die Gesellschaft für Informatik vor Kurzem eine angepasste Version ihrer ethischen Leitlinien veröffentlicht, die sich in ihren Wurzeln auf bedeutende Werke wie das deutsche Grundgesetz und die Charta der Grundrechte der Europäischen Union stützt. Ethische Leitlinien können sehr hilfreich sein, sie müssen aber gelebt und in einen gesellschaftlichen Diskurs eingebettet werden, und die Informatiker sollten sich mit ihnen dauerhaft, auch kritisch, auseinandersetzen.

Ich finde, dass jeder Absolvent der Informatik oder eines verwandten Studiengangs heute bei seiner Ehrung nicht nur seine Urkunde als Bachelor, Master oder Doktor der Datenwissenschaft erhalten sollte - in der Mappe mit dem Diplom sollte auch eine Ausgabe dieser ethischen Leitlinien beigelegt sein. Andere Professionen machen so etwas traditionell schon seit Jahrhunderten: So gibt es bei Bauingenieuren den Ring, der dem Ingenieur später die Hand führen soll, es gibt den hippokratischen Eid der Mediziner, warum also nicht auch eine ähnliche Selbstverpflichtung in unserer Zunft?

Was bringen KI-Methoden für die deutsche Gesellschaft?

Der Diskurs über die transformierende Kraft der Informatik hat nun auch in Deutschland endlich begonnen - wenn auch schmerzhaft spät. Das kann man etwa beobachten an der Einsetzung der Enquête-Kommission für künstliche Intelligenz, der Digitalstrategie, dem Digitalrat, der Digitalethik-Kommission, dem jährlichen Digitalgipfel und weiteren Initiativen. In vielen dieser Gremien sind bereits kompetente und auch kritisch denkende Informatiker vertreten, die die Diskussion mit korrekten Fakten unterfüttern - das macht Hoffnung. All diese Teilinitiativen müssen aber auf ein gemeinsames Ganzes hinwirken, denn das passiert derzeit noch nicht.

Es wäre schade, wenn die viele eingesetzte Energie und Brillanz der Beteiligten in einer Kakofonie verpuffen würde. Gemeinsam zu erarbeiten, was KI-Methoden für die deutsche Gesellschaft bringen, ist wichtig. Die Antworten, die wir finden, werden andere sein als zum Beispiel bei den Amerikanern. Das können und sollten wir schaffen - auf dass niemand einmal Transparente mit unseren Namen durch die Gegend trägt.

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