Indien:Die vierte Kugel auf Gandhi

Indien: Sein Tod löst noch immer Kontroversen aus: Mahatma Gandhi, hier als Statue in einer Werkstatt in Kalkutta.

Sein Tod löst noch immer Kontroversen aus: Mahatma Gandhi, hier als Statue in einer Werkstatt in Kalkutta.

(Foto: Dibyangshu Sarkar/AFP)

Vor 70 Jahren erschoss Nathuram Godse den indischen Unabhängigkeitsführer Mahatma Gandhi. Dessen Tod provoziert noch immer politische Kontroversen. Nun wollen Hindu-Hardliner das Attentat in ihrem Sinne umdeuten.

Von Arne Perras, Singapur

Mahatma Gandhi lebte in Gefahr, und er wusste es. Mehrere Attentatsversuche hatte er schon überlebt, als er am 28. Januar 1948 sagte: "Sollte ich sterben durch die Kugel eines Verrückten, muss ich es mit einem Lächeln tun. Gott muss in meinem Herzen und auf meinen Lippen liegen. Wenn etwas passiert, sollt ihr keine einzige Träne vergießen."

Zwei Tage später war Gandhi tot. Und als sich die Nachricht seiner Ermordung verbreitete, schafften es nur wenige Anhänger, seinem Rat zu folgen. Überall weinten sie, allen voran Jawaharlal Nehru, Indiens erster Premier. Schock erfasste die junge Nation, die ihren Übervater verloren hatte. Er wurde 78 Jahre alt.

Die Tat, verübt von einem fanatischen Hindu namens Nathuram Godse, jährt sich nun zum 70. Mal. Das Gedenken an Gandhis Tod ist fest verankert im Kalender Indiens, am "Martyrs' Day" verfällt die Nation für zwei Minuten in Schweigen, Indien schließt einen Moment lang die Augen, um sich des Mahatma zu erinnern, der "großen Seele". Gandhi, der Erfinder des gewaltfreien Widerstands, hat sich längst in einen Mythos verwandelt. Doch sein Tod provoziert in Indien auch immer noch Kontroversen. Manche Kräfte versuchen, an der Historie zu rütteln; sie wollen die Ermordung Gandhis umdeuten, obwohl es dafür keine seriösen Quellen gibt. Ein akademischer Streit ist das nicht, schon eher ein dreistes politisches Manöver, das Hindu-Hardlinern zuzuordnen ist.

Was die staatlichen Ermittlungen ergaben, ist bekannt: Gandhi war an jenem Tag auf dem Weg zum interreligiösen Gebet, er verließ seine Wohngemächer in Delhi und hatte den Gebetsplatz beinahe erreicht, als ihm ein junger Hindu entgegentrat. "Du bist spät zum Gebet", sagte der junge Mann. Gandhi lächelte und sagte, "ja, ich bin spät". Daraufhin zog sein Gegenüber eine Pistole und feuerte drei Kugeln ab. Zwei trafen Gandhi in den Bauch, eine in die Brust. Er hatte keine Chance. Die Waffe, eine Beretta, wurde sichergestellt, die Projektile auch. Der Attentäter kam in Haft, ihm und einigen mutmaßlichen Komplizen wurde der Prozess gemacht. Und am 15. November 1949 wurden Godse und ein weiterer Verurteilter gehängt.

"Die Hindu-Rechte will die Geschichte durch etwas ersetzen, was ihr besser passt", sagt der Urenkel des Mahatma

Aber gab es noch eine vierte Kugel? Und war vielleicht doch ein weiterer Attentäter am Tatort? Der Inder Pankaj Padhnis verfolgt solche Spekulationen mit größter Energie, er will beweisen, dass der Mord ein Komplott der Briten gewesen sei. Padhnis reichte eine Petition beim Obersten Gericht ein. Doch ein unabhängiger Sachverständiger kam zu dem Schluss, dass es kein Material gebe, das neue Ermittlungen nötig machte. In anderen Worten: Der These von der vierten Kugel fehlt die Substanz.

Kritiker sehen in den Versuchen, den Mordfall erneut aufzurollen, politische Motive rechter Kräfte. Historiker Aditya Mukherjee kommt zu dem Schluss, dass diese Leute Verwirrung stiften wollen. In der Online-Zeitung The Wire meldete sich der Urenkel des Ermordeten, Tushar Gandhi, zu Wort. Seine Klage ist mit dem Satz überschrieben: "Die Hindu-Rechte will die Geschichte durch etwas ersetzen, was ihr besser passt." Ziel der Kampagne sei es, "Fehlinformationen" zu streuen und davon abzulenken, welches Gedankengut den Mörder damals beflügelte.

Godse rechtfertigte seine Tat mit national-religiösen Ideen, an denen sich radikale Hindus bis heute orientieren. Sie bilden die Hindutva-Ideologie, das Streben nach einem starken Hindu-Staat, in dem sich religiöse Minderheiten unterzuordnen haben und zu Bürgern zweiter Klasse werden. Das gleicht einer Kampfansage an das pluralistische Indien.

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