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Coronavirus:Indien geht der Sauerstoff aus

Mit fast 350 000 Neuansteckungen meldet das Land einen neuen globalen Höchststand. In und vor den Krankenhäusern spielen sich schreckliche Szenen ab.

Von David Pfeifer, Bangkok

Es ist immer häufiger von einem Tsunami die Rede, wenn über die zweite Welle gesprochen wird, die Indien überrollt. Einem besonders grausamen Tsunami in Superzeitlupe, denn momentan sieht man nur einen Teil der Katastrophe, die er hinterlassen könnte. Am Sonntag meldete das indische Gesundheitsministerium 349 691 Neuansteckungen, das sind mehr als ein Drittel der gesamten Infektionen weltweit. 2767 Menschen starben. Und wahrscheinlich muss man bei dieser neuen Rekordzahl noch eine hohe Dunkelziffer einkalkulieren, weil nicht ausreichend getestet wird.

Man muss die Zahlen insofern relativieren, als dass beispielsweise Deutschland im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Ansteckungen zu beklagen hat. Auch die Sterbezahlen sind mit knapp über 200 am Tag höher, auf die Gesamtbevölkerungszahl umgelegt. Nur weiß man derzeit nicht, wie hoch die Zahlen in Indien tatsächlich sind und wohin sie sich entwickeln. Hinzu kommt die gefährlichere Coronavirus-Mutante B.1.617, die durch das Land geht.

Ohnehin werden diese Spekulationen derzeit von den Katastrophen des Alltags verdrängt. Vor allem die Sauerstoff-Knappheit hat zu schrecklichen Szenen vor und in vielen Krankenhäusern geführt. Auf Notpritschen warten Patienten vor den Toren, bis drinnen wieder ein Bett frei wird, weil jemand gestorben ist. Auf Fernsehbildern sieht man Menschen, die sich Sauerstoffflaschen teilen, um die Zeit zu überbrücken. Weinende und verzweifelte Menschen, die Angehörige beim Warten verlieren.

Die neue Welle hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht

Vielerorts ist der Sauerstoff völlig aufgebraucht. Patienten erstickten an den Beatmungsgeräten. Das Wochenmagazin India Today berichtete aus einem Krankenhaus in Amritsar, einer Millionenstadt in der Region Punjab, wo am Samstag in einer Privatklinik sechs Menschen wegen fehlenden Sauerstoffs gestorben seien, "obwohl wir die Bezirksverwaltung wiederholt um mehr Hilfe gebeten haben", wie Sunil Devgan, Direktor des "Neelkanth"-Krankenhauses, India Today sagte. Die Gesundheitsbehörde wies die Vorwürfe zurück und gab an, es seien nur Anfragen in einer Whatsapp-Gruppe gestellt worden.

Bikram Singh Majithia, früher Kabinettsmitglied des Punjab und heute in der Opposition als Anführer einer Mitte-Rechts-Partei in dem Bundesstaat, warf der Regionalregierung vor: "Es ist klar, dass der Minister versagt hat, die Führung zu übernehmen. Er scheint zufrieden damit zu sein, sich auf seinem Hof einzusperren, während der Staat brennt." Die politischen Schuldzuweisungen beginnen schon, bevor die neue Ansteckungs-Welle ihren Höhepunkt erreicht hat. Dass derzeit in fünf Bundesstaaten Wahlkampf stattfindet, hat sicher zur Verschärfung der Lage beigetragen.

In provisorischen Krematorien kommt es zu Massenverbrennungen. Die Bilder erinnern an die Szenen aus Bergamo aus dem vergangenen Jahr, als das Militär die Toten aus der italienischen Stadt zur Bestattung abtransportieren musste. Die indische Regierung setzt nun Sonderzüge ein, um Sauerstoff in die Krankenhäuser des riesigen Landes zu verteilen. Einer der Züge brachte 30 000 Liter Sauerstoff in Tanks aus einem Stahlwerk nach Lucknow, der 2,8 Millionen-Einwohner-Stadt im Norden des Landes, wo der "Oxygen Express" bei Dämmerung eintraf. Von dort wurde er von bewaffneten Sicherheitskräften in die Krankenhäuser begleitet, wie der Guardian in der Nacht zum Sonntag berichtete.

Die indische Luftwaffe steht bereit, um Sauerstoff zu verteilen. Lucknow ist eine der Städte, die am härtesten betroffen sind, mit überfüllten Krankenhäusern und Krematorien. Der Sauerstoff, der die Stadt nun erreicht hat, reicht nach Schätzungen für einen halben Tag.

Die USA wollen helfen

Indiens Premierminister Narendra Modi hatte den "Vaccination Rollout" im eigenen Land, die Lieferung von Vakzinen "Made in India" in ärmere Länder und weitere gute Nachrichten, die sich im Zusammenhang mit der Pandemie mit seinem Namen verbinden ließen, genutzt, um den Personenkult in eigener Sache voranzutreiben. Nun muss Indien wohl auf Hilfe aus dem Ausland hoffen, was die unmittelbare Bewältigung der Katastrophe angeht.

Die US-Regierung plant der Nachrichtenagentur Reuters zufolge, Krankenhaus-Personal und Pflegekräfte in die am stärksten betroffenen Großstädte in Indien zu senden. "Wir sind aktiv in Gesprächen auf höchster Ebene", teilte eine Sprecherin des Weißen Hauses mit. Traditionell eint Indien und die USA der gemeinsame Großgegner China. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigte Hilfe für das Land an. "Wir bereiten so schnell wie möglich eine Unterstützungsmission vor", twitterte Sprecher Steffen Seibert in ihrem Namen.

Die indische Regierung forderte derweil die Verantwortlichen des sozialen Netzwerks Twitter dazu auf, Tweets zu löschen, die den schlechten Umgang mit dem neuen Covid-19-Ausbruch kritisierten. Twitter ist dem Aufruf gefolgt. Narendra Modi meldete sich am Sonntag in einer Radioansprache zu Wort, "wir waren in Hochstimmung, nachdem wir in der ersten Welle erfolgreich gehandelt haben" sagte der indische Premierminister, "aber dieser Sturm rüttelt an der Nation." Auch wenn die härteren Lockdown-Maßnahmen, die zu spät und nicht hart genug erlassen wurden, nun greifen sollten, dauert es wohl mindestens drei Wochen, bis die Zahlen ihren Höhepunkt erreichen.

© SZ/Reuters/saul
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