Holocaust:Kratzen an der Erinnerungskultur

Reichstagsgebäude

Die "routinierte Betroffenheit über den Holocaust" sollen die Deutschen hinter sich lassen, fordert der Publizist Leo. Holocaust-Mahnmal in Berlin im Vordergrund, hinten das Reichstagsgebäude.

(Foto: Regina Schmeken)

Der Publizist Per Leo verspricht einen ganz neuen und sehr provokanten Blick auf den Umgang mit der NS-Zeit - und scheitert.

Rezension von Rudolf Walther

Es gibt respektable Gründe dafür, dass, insbesondere im Westen des Landes geborene und sozialisierte Deutsche die hiesige Gedenk- und Erinnerungskultur, die zunächst unter der Firma "Vergangenheitsbewältigung" lief, für einmalig und gelungen, sogar weltmeisterlich halten. Per Leo, Historiker, Schriftsteller und - nach eigener Darstellung - Trödelhändler kritisiert dieses affirmative Urteil über die Aufarbeitung der Geschichte in Deutschland und verweist auf deren Lücken, Schwachstellen und Defizite.

So hält er die Selbstverständlichkeit und "Leichtfertigkeit", mit denen man sich hierzulande in fast jeder Konflikt- oder Problemkonstellation auf den Nationalsozialismus bezieht, für "eine schamlose Zudringlichkeit" und "Selbstgefälligkeit". Oft dominiere beim Gedenken der Wunsch nach "Vergessen" über das humane Gebot, sich an die nationalsozialistischen Verbrechen und deren Opfer zu erinnern.

Anders als im Historikerstreit von 1986 beruhen jedoch Leos Unbehagen und seine Kritik am deutschen Gedenk- und Erinnerungskult nicht - wie bei Ernst Nolte - auf dem Bedürfnis nach Revision und "Normalisierung" des Verhältnisses der Deutschen zur Nazi-Vergangenheit. Diese politische Absicht manifestierte sich schon im Titel von Noltes FAZ-Artikel vom 8. Juni 1986 ("Vergangenheit, die nicht vergehen will").

Es geht um die Singularität des Holocaust

Leo und sein Gewährsmann, der englische Genozidforscher Mark Levene, verzichten dagegen nicht darauf, den Völkermord an den Juden historisch zu kontextualisieren und mit anderen Großverbrechen zu vergleichen.

Sie wenden sich ab von der kämpferischen Zuspitzung, mit der viele Kritiker Noltes im Historikerstreit operierten und dabei die vermeintliche Singularität des Holocaust ins Zentrum rückten, um dieses Verbrechen gegen Relativierungs- und gegen Normalisierungsversuche von Revisionisten, tendenziell sogar gegen alle Kritik abzuschirmen.

Noltes Kritiker übersahen freilich oft, dass die These der Singularität von Auschwitz nur schwach begründet war und eher einer Improvisation glich als einer seriösen Quellenanalyse. In ihrer strikten Form stand die These auf weichem Grund, dem zwar rhetorisch, aber nicht argumentativ zu entkommen war. Rein logisch schließen sich das Dogma der Singularität und jenes des Verbots von Vergleichen aus, weil die Singularität eines Großverbrechens nur vertreten werden kann, nachdem es zuvor mit anderen Verbrechen verglichen worden ist.

Das Dogma der Singularität kann ohne Zuflucht zu theologischen respektive wissensfeindlichen Argumenten nicht begründet werden. Etwa mit jenen, die der Historiker Dan Diner in den 80er-Jahren vertreten hat - also der These, der Holocaust sei so unerklärlich, unbegreiflich, unaussprechbar und unvergleichlich wie Gott selbst. In dieser hermetischen Form akzeptierten das Dogma so wenige wie Leos Idee der "deutschen Dreifaltigkeit" aus Nationalismusverbot, Westbindung und Singularitätssatz.

Was das Anfangskapitel von Leos Buch verspricht - eine kritische Sicht auf die deutsche Gedenk- und Erinnerungskultur -, erfüllt der Autor nur ansatzweise. Und das hat methodologische Gründe. Er orientiert sich an einer altmeisterlich-antiquierten Geschichtsschreibung, die vor allem auf "Erzählkunst" und "die Riesen der deutschen Geschichtskultur" von Schiller und Ranke bis zu Treitschke und Nietzsche vertraut.

Für die moderne sozialwissenschaftlich fundierte historische Forschung und Darstellung hat der Autor nur Verachtung übrig. Diese methodologische Parteinahme verführt ihn dazu, die Grenzen zwischen Geschichtsschreibung und Literatur, wissenschaftlicher Prosa und anekdotischer Erzählung systematisch zu ignorieren.

Leo argumentiert mit seinem Opa und dessen Bruder

Den Stoff seiner Dissertation etwa erzählte er ein zweites Mal mit literarischen Mitteln als "persönliche Herkunftsgeschichte vor deutschem Hintergrund". Der von der Dissertation zum Roman umgebaute Text handelt von Leos Großvater, der als Nazi mit der SS in den Krieg zog, und dessen Bruder, der "mit Goethe seinen Frieden fand, obwohl er erbkrank war und die Nazis ihm deswegen die Samenleiter durchtrennt hatten".

Falls ein Autor das Talent und die sprachliche Kompetenz zum Schriftsteller hat, kann natürlich aus einem solchen hybriden Unternehmen ein lesenswertes Buch entstehen. Aber eine Garantie dafür gibt eine Dissertation selbst dann nicht, wenn sie 700 Seiten umfasst, wie der Autor zu Protokoll gibt.

Im vorliegenden Buch verlängert Leo sein literarisches Projekt zur töricht-pauschalen These, wonach "die eigene Herkunft ein Königsweg zum Verständnis des Nationalsozialismus" sei, aber er relativiert sie sogleich mit dem Hinweis, niemand müsse sich für seine Geschichte interessieren.

Holocaust: Per Leo: Tränen ohne Trauer. Nach der Erinnerungskultur. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2021. 252 Seiten, 20 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

Per Leo: Tränen ohne Trauer. Nach der Erinnerungskultur. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2021. 252 Seiten, 20 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

Danach dreht er weiter am Rad der Pauschalisierung und erklärt Ulrich Herberts Biografie über Werner Best, der die Morde von Einsatzkommandos in Polen koordinierte und nach 1945 als Justitiar in der Hugo Stinnes GmbH und zuletzt in der FDP landete, handstreichartig zum Beleg für die Nähe von historischer Wissenschaft und Literatur. Leo macht den Historiker Herbert damit zur Witzfigur.

Natürlich lässt sich solides historisches Wissen auch aus Lebensgeschichten destillieren, aber Ulrich Herbert hat 1996 kein Illustrierten-Porträt des Nazi-Verbrechers verfasst, sondern eine herausragende wissenschaftliche Biografie.

Einmal methodisch in die Sackgasse abgebogen, schreitet Leo nun zügig voran und mutet dem Leser munter allerlei autobiografische und familiäre Geschichtchen von sehr begrenzter Aussagekraft und Konsistenz zu. Um einem seiner Freunde oder Bekannten die abwegige These auszureden, Juden könne man riechen, verweist Leo einmal mehr auf seine Dissertation, wo derlei akademisch widerlegt werde.

Überzeugende Argumente am Schluss

Etwas verbindlicher und weniger ausufernd biografisch-anekdotisch mäandernd wird Leos Buch erst wieder, wenn es um Antisemitismus und das Verhältnis des wiedervereinigten Deutschlands zu Israel geht. Hinter der heute beliebig gewordenen Adressierung des Antisemitismusvorwurfs vermutet Leo mit Recht eine "begriffspolitische Kampagne, deren Ziel die einseitige Parteinahme für Israel ist".

Als einen der Wortführer dieses "Streberzionismus" identifiziert Leo Felix Klein, den "Bundesbeauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus". Antisemitismus ist ein sehr altes "Monstrum des christlichen Europas", das von einem historischen Faktum zu einer Mehrzweckwaffe im ideologischen Handgemenge geworden ist.

Am Schluss des Buches plädiert Leo mit überzeugenden Argumenten für einen Perspektivenwechsel vom Primat der plakativen Identifikation mit einigen Opfergruppen zu einer Perspektive, die Täter und alle Opfer im Blick behält. Zum Perspektivenwechsel zählt auch die Dezentrierung der westlichen Zivilisation, weil Zivilisationsbrüche nicht mehr nur vom Westen ausgehen, sondern sich in dem Maße globalisiert haben, wie die Garantie von Selbstbestimmung und Schutz vor ethnischen Säuberungen für alle Völker am Versagen der Ordnungsmächte nach 1918 scheiterten.

© SZ vom 26.07.2021
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